Das hat sich bei Deutschlands Reichen seit 100 Jahren kaum geändert

Neue digitale Karten machen sichtbar, wo Reichtum in Deutschland vor 100 Jahren wohnte und wie alte Villenviertel entstanden.

Digitale Karten verorten erstmals die Wohnadressen der Millionäre im Deutschen Kaiserreich. Besonders in Berlin, Hamburg und Frankfurt ballte sich der Reichtum in einzelnen Vierteln. © Unsplash

Digitale Karten verorten erstmals die Wohnadressen der Millionäre im Deutschen Kaiserreich. Besonders in Berlin, Hamburg und Frankfurt ballte sich der Reichtum in einzelnen Vierteln. © Unsplash

Reichtum in Deutschland hat eine Geschichte mit konkreten Adressen. Man sieht sie an alten Villen hinter hohen Hecken, an breiten Straßen mit großen Grundstücken, an Stadtvierteln, in denen Namen, Besitz und Einfluss lange nah beieinander lagen. Wer dort vor 100 Jahren wohnte, hatte nicht nur Geld, er hatte Nachbarn aus derselben Welt.

Das Erstaunliche daran: Über manche Reiche des Kaiserreichs lässt sich heute genauer nachvollziehen, wo sie lebten und wie groß ihr Vermögen war, als über viele Superreiche der Gegenwart. Neue Forschungsarbeit macht diese alten Muster nun sichtbar: Sie verbindet historische Reichenlisten mit digitalen Karten und zeigt, wo die Millionäre des Kaiserreichs tatsächlich wohnten.

Das Leibniz-Institut für Raumbezogene Sozialforschung (IRS) hat den Kartensatz mit der Historikerin Eva Maria Gajek und der Soziologin Daria Tisch vorgestellt. Grundlage sind die „Jahrbücher des Vermögens und Einkommens der Millionäre“, die Rudolf Martin zwischen 1912 und 1914 veröffentlichte – eine Art Vorläufer heutiger Reichenlisten.

Reichtum in Deutschland hatte schon früher feste Wohnorte

Erfasst wurden Menschen mit einem Vermögen von mindestens zwei Millionen Mark. Bei rund 68 Millionen Einwohnern im Deutschen Kaiserreich gehörten nur etwa 4.500 Personen zu dieser Gruppe. Statistisch kam damit ein Millionär auf rund 15.000 Einwohner.

Der Kartensatz zeigt Vermögen auf mehreren Ebenen. Eine Karte verzeichnet die Wohnorte der Millionäre, eine weitere ordnet sie nach Berufen und sozialen Gruppen. Eine dritte macht familiäre Beziehungen Kölner Millionäre sichtbar. Über Filter lassen sich Vermögen, Berufe und Adressen suchen – vom gesamten Reich bis hinunter auf einzelne Straßen.

Berlin führte die Liste deutlich an

Im Zeitraum von 1912 bis 1914 war Berlin der wichtigste Wohnort der Vermögenselite im Deutschen Kaiserreich. Die historischen Reichenlisten verzeichneten dort 838 Millionäre. Viele von ihnen lebten im Tiergartenviertel, einem damaligen Villenquartier, das später durch Krieg, Umbauten und neue Stadtplanung weitgehend verschwand. Danach folgten Hamburg mit 337 und Frankfurt am Main mit 235 Millionären.

Diese Verteilung unterscheidet Deutschland von Ländern mit einer sehr starken Hauptstadtkonzentration. In Frankreich ballte sich die Vermögenselite stärker in Paris. Im Deutschen Kaiserreich lagen mehrere wirtschaftliche Kraftfelder nebeneinander. Handel, Banken, Industrie und Verwaltung schufen eigene Orte des Wohlstands.

Reichtum in Deutschland konzentrierte sich in Straßen und Vierteln

Die historischen Daten führen mitten in heutige Debatten über Vermögen und Herkunft. Denn viele Städte kennen bis heute Viertel, in denen große Grundstücke, hohe Immobilienpreise und alte Familiennamen zusammenkommen. Der Kartensatz zeigt: Diese Nähe von Geld, Lage und gesellschaftlichem Einfluss hat eine lange Geschichte.

„Die Karten machen räumliche Muster sichtbar, die in Listen oder Tabellen kaum erkennbar sind: die Konzentration von Wohlstand, die Nähe bestimmter Vermögensgruppen zueinander und die besondere Bedeutung einzelner Straßen und Viertel für die Vermögenselite des Kaiserreichs“, erklärt Gajek. Sichtbar wird damit nicht nur, wer reich war, sondern auch, wie Reichtum funktionierte: über Nachbarschaften, Netzwerke und Zugang zu den richtigen Kreisen.

Alte Daten sagen viel über heutige Ungleichheit

Die Karten schauen nicht nur zurück. Sie zeigen auch, welche Namen aus heutigen Vermögensrankings bereits in den Reichenlisten des Kaiserreichs standen. So wird sichtbar, wo heutiger Reichtum historische Wurzeln hat.

„Dank der Daten von Rudolf Martin wissen wir über die Reichen vor 100 Jahren mehr als über die Reichen von heute“, sagt Gajek. Denn über die größten Vermögen von heute ist oft wenig sicher bekannt. Es gibt Schätzungen und Rankings, aber keine vollständige Transparenz. Die alten Listen sind deshalb in manchen Punkten erstaunlich genau.

Tisch sieht in den Karten vor allem eine Grundlage, mit der sich Reichtum und seine Folgen genauer nachverfolgen lassen. „Unser Datensatz ist frei verfügbar und kann mit Informationen ergänzt werden, um die verschiedenen Facetten von Vermögensungleichheit genauer zu untersuchen.“

Kurz zusammengefasst:

  • Digitale Karten des Leibniz-Instituts für Raumbezogene Sozialforschung machen sichtbar, wo sehr vermögende Menschen im Deutschen Kaiserreich lebten.
  • Grundlage sind historische Reichenlisten von 1912 bis 1914 mit rund 4.500 Menschen, die mindestens zwei Millionen Mark besaßen.
  • Die Karten erklären, warum sich Reichtum in Deutschland schon früh in bestimmten Städten, Straßen und Villenvierteln konzentrierte.

Übrigens: Wo Millionäre früher wohnten, lässt sich heute auf Karten nachvollziehen – doch wie Vermögen entsteht, beginnt oft bei alltäglichen Finanzentscheidungen. Investmentbanker Gerald Hörhan erklärt, welche Denkfehler viele Menschen beim Geld machen und was Millionäre anders angehen. Mehr dazu in unserem Artikel.

Bild: © Unsplash

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