Ein Jahr länger Schule senkt Demenzrisiko – selbst genetisches Risiko lässt sich offenbar abschwächen
Eine britische Schulreform liefert Hinweise: Mehr Bildung senkt das Demenzrisiko – besonders bei hoher genetischer Veranlagung.
Ein zusätzliches Schuljahr kann Jahrzehnte nachwirken: Längere Schulbildung ging später mit weniger Demenzdiagnosen einher. © Pexels
Ein Tag im Geburtsdatum entschied darüber, wie lange britische Jugendliche zur Schule gehen mussten. Wer ab dem 1. September 1957 geboren wurde, durfte die Schule erst mit 16 statt mit 15 Jahren verlassen. Fast 50 Jahre später zeigt sich eine erstaunliche Folge: In dieser Gruppe traten weniger Demenzdiagnosen auf. Besonders stark war der Rückgang bei Menschen mit hoher genetischer Veranlagung. Bildung und Demenzrisiko hängen demnach nicht bloß statistisch zusammen – zusätzliche Schulbildung kann das Erkrankungsrisiko offenbar tatsächlich beeinflussen.
Möglich macht diesen ungewöhnlichen Vergleich eine britische Schulreform von 1972. Jugendliche in England, Schottland und Wales mussten dadurch ein Jahr länger zur Schule gehen. Für die Forschung entstand damit eine seltene Ausgangslage: Menschen, deren Geburtstage nur wenige Tage auseinanderlagen, unterlagen unterschiedlichen Schulpflichten. Forscher der University of Wisconsin–Madison, der University of Southern California (USC) und der University of Michigan konnten deshalb untersuchen, welche Spuren dieses zusätzliche Schuljahr Jahrzehnte später hinterließ.
Mehr Bildung senkt Demenzrisiko noch Jahrzehnte später
Die Reform wirkte sich deutlich auf die Schulbildung aus. In den betroffenen Jahrgängen stieg der Anteil der Jugendlichen, die mindestens bis zum 16. Lebensjahr zur Schule gingen, um 14 Prozentpunkte. Über alle Betroffenen gerechnet verlängerte sich die Schulzeit im Durchschnitt um rund 0,19 Jahre.
Für ihre Untersuchung werteten die Forscher Daten der UK Biobank aus. Je nach Auswertung umfassten die Stichproben bis zu 107.200 Teilnehmer. Diagnosen erfassten die Wissenschaftler über Krankenhausakten, Sterberegister und die medizinische Vorgeschichte.
Demenzdiagnosen gehen nach der Schulreform zurück
Bis Dezember 2022 hatten die ersten von der Reform betroffenen Teilnehmer das 65. Lebensjahr erreicht. Bei den nach dem Stichtag geborenen Menschen lag die kumulative Häufigkeit von Alzheimer und verwandten Demenzerkrankungen um 0,2 Prozentpunkte niedriger.
In einer weiteren Berechnung konzentrierten sich die Wissenschaftler auf Menschen, die spätestens mit 18 Jahren die Schule verlassen hatten. Ein zusätzliches Schuljahr war dort mit einer um rund 0,88 Prozentpunkte geringeren Demenzinzidenz verbunden. Die statistische Unsicherheit dieser Schätzung ist allerdings groß. In der Vergleichsgruppe lag die Demenzinzidenz zu diesem Zeitpunkt bei lediglich 0,61 Prozent.
Erstautorin Silvia Barcellos warnt deshalb davor, die 0,88 Prozentpunkte als festen Wert für den Schutz durch ein zusätzliches Schuljahr zu verstehen. Demenz war in dieser relativ jungen Gruppe noch selten. Belastbarer ist die Richtung des Effekts. „Unsere Ergebnisse liefern Hinweise darauf, dass Bildung selbst das Demenzrisiko Jahrzehnte später senken kann“, erklärt die Gesundheitsökonomin.
Bildung schwächt genetisches Demenzrisiko offenbar ab
Besonders auffällig waren die Ergebnisse bei Menschen mit einer erblichen Veranlagung für Demenz. Die Wissenschaftler berechneten dafür einen genetischen Risikoindex. Darin flossen zahlreiche Genvarianten sowie Varianten des APOE-Gens ein. APOE4 gehört zu den wichtigsten bekannten genetischen Risikofaktoren für Alzheimer.
Anschließend verglichen sie Teilnehmer mit höherem und niedrigerem genetischem Risiko. Dabei ergaben sich drei auffällige Ergebnisse:
- Vor der Schulreform betrug der Unterschied bei der Demenzinzidenz zwischen beiden Risikogruppen 0,18 Prozentpunkte.
- Nach der Reform waren es nur noch 0,02 Prozentpunkte.
- Der Rückgang der Demenzinzidenz fiel bei Menschen mit höherem genetischem Risiko etwa doppelt so groß aus wie bei Menschen mit niedrigerem Risiko.
Statistisch eindeutig war der Rückgang allerdings nur innerhalb der Gruppe mit höherem genetischem Risiko. Ob zusätzliche Bildung bei dieser Gruppe tatsächlich stärker wirkte als bei Menschen mit niedrigerem genetischem Risiko, ließ sich nicht sicher nachweisen.
„Gene prägen das Krankheitsrisiko, aber sie bestimmen nicht zwangsläufig das Ergebnis“, sagt Mitautor Leandro Carvalho von der USC. Lebensumstände und Erfahrungen könnten demnach beeinflussen, ob eine erbliche Anfälligkeit später tatsächlich in eine Erkrankung mündet.
Mehr Einkommen begleitet die zusätzliche Schulbildung
Welche Veränderungen im späteren Leben für die geringere Zahl an Demenzdiagnosen verantwortlich waren, konnten die Wissenschaftler nicht bestimmen. Die Schulreform ging jedoch mit Unterschieden bei Einkommen und mehreren gesundheitlichen Risikofaktoren einher.
Betroffene der Reform hatten eine um 2,3 Prozentpunkte höhere Wahrscheinlichkeit, ein Haushaltseinkommen von mindestens 31.000 britischen Pfund zu erreichen. Schlaganfälle oder Herzinfarkte traten um 0,64 Prozentpunkte seltener auf. Bei Diabetes lag der Unterschied bei 0,43 Prozentpunkten, verfehlte jedoch knapp die statistische Signifikanz.
Mehr Bildung könnte unter anderem den Zugang zu besser bezahlten oder geistig anspruchsvolleren Berufen verändern. Auch Einkommen, soziale Umgebung und gesundheitliches Verhalten kommen als mögliche Erklärungen infrage. Aus den Daten lässt sich jedoch nicht ableiten, welcher dieser Faktoren den Rückgang der Demenzdiagnosen verursacht hat.
Das Alter von 65 Jahren begrenzt die Aussagekraft
Eine wichtige Einschränkung liegt im Alter der untersuchten Menschen. Die ersten von der Reform betroffenen Teilnehmer waren Ende 2022 erst 65 Jahre alt. In diesem Alter ist Demenz noch vergleichsweise selten. Mit zunehmendem Alter der Gruppe dürfte die Zahl der Diagnosen deutlich steigen.
Hinzu kommt die Zusammensetzung der UK Biobank. Ihre Teilnehmer sind im Durchschnitt gesünder und sozioökonomisch besser gestellt als die britische Gesamtbevölkerung. Die große Mehrheit der untersuchten Personen stammt zudem aus Bevölkerungsgruppen europäischer Abstammung. Die Ergebnisse lassen sich deshalb nicht ohne Weiteres auf andere Bevölkerungsgruppen übertragen.
Wie groß der langfristige Effekt eines zusätzlichen Schuljahres tatsächlich ist, bleibt damit offen. Klarer fällt der Zusammenhang selbst aus: Die durch die Reform verlängerte Schulzeit ging Jahrzehnte später mit weniger Alzheimer- und anderen Demenzdiagnosen einher – auch bei Menschen mit hoher genetischer Veranlagung.
Kurz zusammengefasst:
- Eine britische Schulreform führte zu längerer Schulbildung; Jahrzehnte später erhielten die betroffenen Menschen seltener eine Demenzdiagnose.
- Der Rückgang trat auch bei Menschen mit hoher genetischer Veranlagung auf – erbliche Risiken sind demnach nicht zwangsläufig unveränderlich.
- Wie stark ein zusätzliches Schuljahr schützt, bleibt wegen der noch jungen Teilnehmer und der wenigen Demenzfälle unsicher.
Übrigens: Auch bei der Ernährung könnte die genetische Veranlagung eine Rolle spielen. Bei Menschen mit dem Alzheimer-Risikogen APOE-ε4 hing eine westliche Ernährung mit einem schnelleren Verlust der Aufmerksamkeit zusammen. Mehr dazu in unserem Artikel.
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