47 Minuten mehr REM-Schlaf – Demenzrisiko in großer Studie 46 Prozent niedriger
Mehr REM-Schlaf hing bei fast 96.000 Menschen mit einem deutlich geringeren Risiko für Demenz und weitere Erkrankungen zusammen.
Smartwatches können Schlafphasen nur annähernd erfassen. In der Studie wurden die Schlafdaten von fast 96.000 Menschen über Bewegungssensoren ausgewertet. © Pexels
Im Schlaf schaltet das Gehirn nicht einfach ab. Es durchläuft mehrere Phasen, ordnet Erinnerungen, verarbeitet Eindrücke und verändert seine Aktivität im Laufe der Nacht immer wieder. Besonders auffällig ist der REM-Schlaf – jene Phase, in der wir häufig intensiv träumen. Wie viel Zeit das Gehirn darin verbringt, könnte stärker mit unserer späteren Gesundheit zusammenhängen als bislang gedacht.
Bei knapp 96.000 Menschen war ein Unterschied von 47,6 Minuten REM-Schlaf mit einem 46 Prozent niedrigeren späteren Demenzrisiko verbunden. Auch bei Alzheimer, Parkinson und mehreren Herzkrankheiten fanden die Forscher deutliche Zusammenhänge. Ihre Auswertung im Fachjournal PLOS Medicine legt damit nahe: Für die Gesundheit zählt offenbar nicht nur, wie lange wir schlafen, sondern auch, wie sich die Nacht auf ihre einzelnen Schlafphasen verteilt.
Beim Zusammenhang zwischen REM-Schlaf und Demenz verglichen die Wissenschaftler Menschen mit unterschiedlich langen REM-Phasen. Die 47,6 Minuten entsprechen dabei dem Abstand zwischen dem unteren und oberen Viertel der gemessenen Werte. Daraus lässt sich nicht ableiten, dass 47 zusätzliche Minuten REM-Schlaf das Demenzrisiko um 46 Prozent senken. Die Studie beschreibt einen statistischen Zusammenhang, keine nachgewiesene Ursache.
Mehr REM-Schlaf hängt mit 83 Krankheiten zusammen
Für die Untersuchung trugen 95.559 Teilnehmer sieben Tage lang einen Bewegungssensor am Handgelenk. Das Deep-Learning-Verfahren SleepNet schätzte daraus REM-, Tief- und Leichtschlaf sowie die gesamte Schlafdauer. Danach wurden die Gesundheitsdaten im Mittel 8,9 Jahre lang verfolgt.
Beim REM-Schlaf fanden die Wissenschaftler nach strenger statistischer Korrektur Zusammenhänge mit 83 Erkrankungen aus zwölf Krankheitsgruppen. Mehr REM-Schlaf ging dabei durchgehend mit einem geringeren Risiko einher. Neben Demenzen betraf das unter anderem Herz-Kreislauf- und neurologische Erkrankungen.
Ein Unterschied von 47,6 Minuten REM-Schlaf war unter anderem mit folgenden relativen Risiken verbunden:
- Parkinsonismus: rund 80 Prozent niedrigeres Risiko
- Demenz: 46 Prozent niedrigeres Risiko
- Alzheimer: 31 Prozent niedrigeres Risiko
- Herzinsuffizienz: 26 Prozent niedrigeres Risiko
- Vorhofflimmern: 17 Prozent niedrigeres Risiko
Bei Parkinson-ähnlichen Erkrankungen ist der Unterschied besonders groß
Noch stärker als bei Demenz war der Zusammenhang mit Parkinson-ähnlichen Erkrankungen. Menschen mit mehr REM-Schlaf hatten in der Auswertung ein rund 80 Prozent niedrigeres Risiko. Bei Multipler Sklerose lag der Unterschied bei 52 Prozent. Auch Herzkrankheiten traten bei Menschen mit längeren REM-Phasen seltener auf.
Auch der Tiefschlaf hing mit der späteren Gesundheit zusammen. Ein Unterschied von 47,5 Minuten war mit einem geringeren Risiko für sieben Erkrankungen verbunden. Dazu gehörten Typ-2-Diabetes, schwere Depressionen, Schlafapnoe und Parkinson.
Sechs bis acht Stunden Schlaf schneiden häufig am günstigsten ab
Auch die gesamte Schlafdauer hing mit zahlreichen Erkrankungen zusammen. Für 86 Krankheitsbilder verlief der Zusammenhang nicht geradlinig. Bei 69 davon lag der statistisch günstigste Bereich zwischen sechs und acht Stunden Schlaf pro Nacht.
Für Demenzen errechneten die Wissenschaftler das niedrigste Risiko bei rund 7,5 Stunden Schlaf. Bei Typ-2-Diabetes waren es etwa 7,3 Stunden, bei chronischen Nierenerkrankungen rund 7,1 Stunden.
Besonders ungünstig schnitt sehr kurzer Schlaf ab. Menschen mit weniger als fünf Stunden Schlaf hatten im Vergleich zur Gruppe mit sechs bis acht Stunden bei 37 Erkrankungen ein erhöhtes Risiko. Dazu gehörten verschiedene Herz-Kreislauf-, Stoffwechsel- und neurologische Erkrankungen.
Wieviel Stunden Schlaf den höchsten REM-Anteil enthalten
Die Schlafdauer beeinflusste zugleich die Zusammensetzung der Nacht. Menschen mit sechs bis acht Stunden Schlaf hatten im Durchschnitt den höchsten Anteil an REM-Schlaf. Er lag bei 22,2 Prozent. Außerdem schliefen sie regelmäßiger und verbrachten nach dem Einschlafen weniger Zeit wieder wach als Kurzschläfer.
Der Zusammenhang mit REM blieb auch bestehen, nachdem die gesamte Schlafdauer rechnerisch berücksichtigt worden war. Ein höherer REM-Anteil hing dann noch mit einem geringeren Risiko für 54 Erkrankungen zusammen. Ein größerer Anteil an Leichtschlaf war dagegen mit einem höheren Risiko für 28 Krankheitsbilder verbunden.
Bewegungssensoren erkennen Schlafphasen nur annähernd
Die Schlafstadien wurden nicht mit Hirnströmen in einem Schlaflabor gemessen. SleepNet leitete sie aus Bewegungsdaten am Handgelenk ab. Im Vergleich mit einer Polysomnografie unterschätzte das Verfahren die REM-Dauer im Durchschnitt um 17,1 Minuten. Die Übereinstimmung bei der Einteilung der Schlafphasen bezeichneten die Autoren als moderat.
Auch frühe, noch unerkannte Erkrankungen könnten den Schlaf bereits verändert haben. Um diesen Effekt abzuschwächen, wiederholten die Wissenschaftler ihre Berechnungen mit einem Abstand von zwei Jahren zwischen Schlafmessung und Diagnose. Danach blieben 95 der ursprünglich 156 besonders robusten Zusammenhänge statistisch signifikant.
Sieben Tage Schlaf stehen für fast neun Jahre Gesundheitsdaten
Hinzu kommt die kurze Messdauer. Sieben Tage können langfristige Schlafgewohnheiten nur begrenzt abbilden. Außerdem waren 96,9 Prozent der Teilnehmer weiß. Die UK Biobank enthält überdurchschnittlich viele gesündere und sozioökonomisch besser gestellte Menschen. Die Ergebnisse lassen sich deshalb nicht ohne Weiteres auf jede Bevölkerungsgruppe übertragen.
„Unsere Ergebnisse unterstreichen, dass sowohl die Schlafarchitektur als auch die Schlafdauer mit dem Krankheitsrisiko verbunden sind“, fassen die Autoren die Studienergebnisse zusammen. Für Menschen mittleren und höheren Alters lag der Bereich mit dem niedrigsten Risiko bei vielen Erkrankungen zwischen sechs und acht Stunden Schlaf.
Kurz zusammengefasst:
- Bei 95.559 Menschen war mehr REM-Schlaf mit einem geringeren Risiko für zahlreiche Erkrankungen verbunden, darunter Demenz, Alzheimer und Parkinson.
- Ein Unterschied von 47,6 Minuten REM-Schlaf ging mit einem 46 Prozent niedrigeren relativen Demenzrisiko einher; ein ursächlicher Schutz ist damit nicht bewiesen.
- Für viele Erkrankungen lag der statistisch günstigste Bereich bei sechs bis acht Stunden Schlaf, wobei auch Schlafphasen und Schlafqualität eine Rolle spielten.
Übrigens: Nicht nur die Schlafphase, auch Bewegung, Schlafdauer und langes Sitzen hängen mit dem Demenzrisiko zusammen. Welche drei Alltagsgewohnheiten besonders auffallen, mehr dazu in unserem Artikel.
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