Nikotin belastet die psychische Gesundheit von Jugendlichen – Mädchen sind besonders betroffen
Nikotin und psychische Gesundheit hängen bei Jugendlichen zusammen: Mädchen berichten besonders häufig über Angst und depressive Beschwerden.
Besonders bei Mädchen fällt der Zusammenhang zwischen Nikotinkonsum und psychischen Beschwerden auf: Fast 80 Prozent der Konsumentinnen berichteten über klinisch relevante Angstsymptome. © Unsplash
Nikotin steckt heute in weit mehr Produkten als in klassischen Zigaretten. E-Zigaretten und tabakfreie Nikotinbeutel haben sich unter Jugendlichen verbreitet, obwohl über ihre möglichen Folgen für die psychische Gesundheit noch viele Fragen offen sind. Neue Untersuchungen der Universität Göteborg liefern nun auffällige Hinweise: Jugendliche mit Nikotinkonsum berichteten häufiger von Angst, Depressionen und anderen psychischen Problemen. Bei Mädchen waren die Unterschiede besonders ausgeprägt.
Für eine der Untersuchungen werteten Wissenschaftler Angaben von knapp 3000 schwedischen Schülerinnen und Schülern aus. Unter den Mädchen, die Nikotin konsumierten, berichteten fast 80 Prozent über Angstsymptome, die klinisch relevant waren. Die Zusammenhänge traten sowohl bei klassischen Tabakprodukten als auch bei E-Zigaretten und tabakfreien Nikotinbeuteln auf. Die Studie erschien im Fachjournal Tobacco Use Insights. Eine zweite Untersuchung wurde in Nicotine & Tobacco Research veröffentlicht.
Nikotin belastet die psychische Gesundheit von Mädchen besonders stark
Die Ergebnisse beruhen nicht nur auf einer einmaligen Befragung. Rund 1500 Jugendliche aus Südschweden wurden über mehrere Jahre begleitet, von der unteren Sekundarstufe bis zur weiterführenden Schule. Jugendliche, die rauchten, berichteten häufiger über depressive Beschwerden und Suizidgedanken. Bei Mädchen, deren Tabakkonsum im Laufe der Zeit zunahm, verschlechterten sich zudem häufiger Schlaf, Stimmung und Konzentrationsfähigkeit.
Auch Ängste traten bei diesen Mädchen häufiger auf. Warum die Unterschiede zwischen den Geschlechtern so groß ausfallen, lässt sich bislang nicht sicher erklären. „Wir sehen klare Unterschiede zwischen Mädchen und Jungen, wobei rauchende Mädchen besonders anfällig zu sein scheinen“, sagt Johanna Andersson, Ärztin und Doktorandin an der Sahlgrenska Academy der Universität Göteborg.
Mehr Tabakkonsum geht bei Mädchen häufiger mit Beschwerden einher
Neben den Befragungen untersuchte das Team mögliche Vorgänge im Gehirn. Dafür nutzten die Wissenschaftler Ratten und analysierten, wie Nikotin die Signalübertragung zwischen Nervenzellen verändert. Auffällig waren Veränderungen in der Amygdala. Dieser Bereich des Gehirns ist unter anderem daran beteiligt, Angst, Stress und emotionale Reaktionen zu verarbeiten.
Die Versuche ergaben, dass Nikotin die Kommunikation zwischen Nervenzellen veränderte. Einige dieser Veränderungen hielten noch an, nachdem der Wirkstoff den Körper bereits verlassen hatte. Bei weiblichen Ratten fielen die Effekte stärker aus als bei männlichen. Die Ergebnisse erschienen im Fachjournal Neuropharmacology. Sie liefern eine mögliche biologische Erklärung dafür, warum Mädchen empfindlicher auf Nikotin reagieren könnten.
Nikotin verändert die Kommunikation von Nervenzellen längerfristig
„Die Tierversuche belegen biologische Veränderungen im Gehirn, die zu einer größeren Anfälligkeit für Angst und stressbedingte Symptome beitragen könnten“, sagt Louise Adermark, Professorin an der Sahlgrenska Academy. Auf Menschen lassen sich diese Befunde jedoch nicht direkt übertragen. Auch aus den Untersuchungen mit Jugendlichen lässt sich nicht ableiten, dass Nikotin psychische Probleme verursacht.
Mehrere Faktoren können sowohl den Nikotinkonsum als auch psychische Beschwerden beeinflussen. Dazu gehören unter anderem:
- Stress und belastende Lebensumstände
- Alkohol oder andere Drogen
- soziale und wirtschaftliche Bedingungen
- eine bereits vorhandene psychische Anfälligkeit
Ebenso ist denkbar, dass Jugendliche mit Angst oder depressiver Stimmung eher zu Nikotin greifen. Ursache und Wirkung lassen sich deshalb bisher nicht sauber voneinander trennen.
Nikotin und psychische Gesundheit lassen sich nicht auf eine Ursache reduzieren
Trotz dieser Einschränkung fällt auf, dass verschiedene Untersuchungen ähnliche Zusammenhänge fanden. „Eines der wichtigsten Ergebnisse ist, dass wir in mehreren verschiedenen Untersuchungen mit unterschiedlichen Datentypen ähnliche Muster erkennen“, sagt Adermark. Sie schränkt jedoch ein: „Wir können Ursache und Wirkung weiterhin nicht bestimmen.“
Viele Fragen betreffen vor allem neuere Produkte wie Nikotinbeutel. Sie enthalten keinen Tabak, können dem Körper aber hohe Mengen Nikotin zuführen. Über ihre längerfristigen Auswirkungen auf Jugendliche gibt es bislang weniger Daten als zum Rauchen. Das gilt insbesondere für Mädchen, deren Konsum solcher Produkte nach Angaben der Forscher stark gestiegen ist.
Nikotinbeutel werfen bei Jugendlichen neue Fragen auf
„Wir müssen besser verstehen, wie Nikotinbeutel die psychische Gesundheit beeinflussen, besonders bei jugendlichen Mädchen, bei denen ihr Konsum so schnell zugenommen hat“, sagt Andersson. Die bisherigen Ergebnisse liefern dafür mehrere Hinweise, reichen aber noch nicht aus, um eine direkte Ursache zu belegen.
Die Kombination aus langfristigen Befragungen und Experimenten im Tiermodell legt jedoch nahe, dass Nikotin während der Entwicklung des Gehirns genauer untersucht werden muss. Besonders die Unterschiede zwischen Mädchen und Jungen bleiben offen. Neben Angst und depressiven Beschwerden betreffen sie auch Schlaf, Konzentration und den Umgang mit Stress – Bereiche, die während der Jugend ohnehin starken Veränderungen unterliegen.
Kurz zusammengefasst:
- Jugendliche mit Nikotinkonsum berichten häufiger über Angst, depressive Beschwerden und andere psychische Probleme.
- Bei Mädchen fallen die Zusammenhänge besonders stark aus; fast 80 Prozent der Nikotin konsumierenden Schülerinnen berichteten über klinisch relevante Angstsymptome.
- Tierversuche zeigen Veränderungen in der Amygdala, eine Ursache-Wirkungs-Beziehung beim Menschen ist bislang jedoch nicht belegt.
Übrigens: Nikotin verändert offenbar auch Gliazellen tief im Gehirn – und könnte damit den Teufelskreis der Abhängigkeit verstärken. Mehr dazu in unserem Artikel.
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