Leben nach dem ersten Kind: Warum Eltern jahrelang seltener rauskommen
Wenn das erste Kind kommt, verschwindet für viele Eltern nicht nur freie Zeit, sondern langfristig auch ein Stück Kultur, Sport und soziales Leben aus dem Alltag.
Man kommt kaum noch raus: Viele Eltern verlieren nach dem ersten Kind Zeit für Kultur, Sport und eigene Hobbys. © Pexels
Der Alltag nach dem ersten Kind bedeutet nicht nur Einschnitte in Schlaf, Job und Paaralltag. Es verändert auch den Zugang zu Dingen, die erst fehlen, wenn sie aus dem Leben verschwinden: Kino, Konzerte, Theater, Museum, Sport oder eigene Hobbys – all das ist für viele komplett aus dem Freizeitkalender gestrichen. Eine Studie der FernUniversität in Hagen kommt zu dem Ergebnis, dass dieser Mangel an kultureller Teilhabe nicht nur die Babyzeit prägt, sondern viele Jahre anhält.
Die Volkswirte Hendrik Sonnabend und Matthias Westphal werteten für die Studie Daten des Sozio-ökonomischen Panels aus. Das Sozio-ökonomische Panel, kurz SOEP, ist eine große Langzeitbefragung. Dabei werden jedes Jahr dieselben Menschen und Haushalte in Deutschland zu ihren Lebensbereichen befragt, etwa zu Einkommen, Arbeit, Bildung, Gesundheit, Familie, Freizeit und Lebenszufriedenheit. Forscher können so über viele Jahre verfolgen, wie sich das Leben der Menschen verändert. Daher eignet sich das SOEP gut, um Entwicklungen wie den Übergang zur Elternschaft zu untersuchen.
Die Studie erschien im Journal of Cultural Economics. Erfasst wurden für die Arbeit künstlerische und musikalische Aktivitäten, klassische Kultur, Kino, Popkonzerte, Tanzveranstaltungen, Clubs und Sport. Damit geht es nicht um ein Luxusproblem, sondern um kulturelle Teilhabe, Erholung und soziale Kontakte.
Das erste Kind verändert Freizeitgestaltung über viele Jahre
Nach der Geburt des ersten Kindes sinkt die kulturelle Beteiligung der Eltern je nach Aktivität zwischen 13 und 54 Prozent. Am stärksten fällt der Rückgang bei Aktivitäten aus, die Paare für gewöhnlich gemeinsam unternehmen.
Laut Studie leidet vor allem die Teilnahme an diesen Kulturangeboten:
- kreative Aktivitäten wie Musik, Malen, Tanz oder Theater
- klassische Kultur wie Oper, Konzerte und Ausstellungen
- Kino, Popkonzerte, Tanzveranstaltungen und Clubs
- Sport als Freizeitaktivität
„Dass kulturelle Aktivitäten nach der Geburt eines Kindes zurückgehen, würden viele erwarten. Das Ausmaß und die Dauer dieses Rückgangs haben uns jedoch überrascht“, erzählt Sonnabend. Der stärkste Einbruch findet in den ersten Jahren nach der Geburt statt. Danach steigt der Prozentsatz langsam, erreicht aber selbst zehn Jahre später nicht wieder das Niveau vor der Elternschaft.
Warum Eltern nicht wieder in ihr altes Kulturleben zurückfinden
Die naheliegende Erklärung dafür lautet: der Mangel an Zeit. Nach der Geburt steigt das Pensum für Betreuung und Hausarbeit an. Laut Daten wächst vor allem der Zeitaufwand für die Kinderbetreuung am Wochenende deutlich. Mütter übernehmen laut Studie zudem mehr Hausarbeit und reduzieren ihre Erwerbsarbeit nach der Geburt stark. Bei Vätern verändert sich die Arbeitszeit weniger.
Trotz der Ungleichheit der Geschlechterrollen verschwinden Kultur und Sport nicht nur bei Müttern stärker aus dem Alltag. Bei Vätern sinkt vor allem die Wahrscheinlichkeit, überhaupt noch teilzunehmen. Dafür nennen die Forscher eine plausible Erklärung aus dem Paaralltag. „Viele kulturelle Aktivitäten werden gemeinsam als Paar wahrgenommen. Wenn ein Elternteil nicht teilnehmen kann, verzichtet häufig auch der andere“, erklärt Sonnabend.
Mehr Einkommen schützt kaum vor dem kulturellen Rückzug
Finanzielle Gründe erklären den Rückgang weniger stark als erwartet. Eltern mit höherem Haushaltseinkommen schränken ihre kulturellen Aktivitäten nicht erkennbar weniger ein als Eltern mit geringerem Einkommen. Wer mehr verdient, kann zwar eher den Babysitter bezahlen. Die Studie deutet aber darauf hin, dass Zeitplanung, Müdigkeit, Organisationsaufwand und fehlende Flexibilität schwerer wiegen als ökonomische Gründe.
Die Forscher fanden keine Hinweise darauf, dass Eltern nach der Geburt auf „mehr Fernsehen“ oder Computernutzung ausweichen. Die Daten dazu sind begrenzt, weil das SOEP diese Punkte nicht jedes Jahr in gleichem Maße detailliert abfragt. Sicher ist aber der Befund, dass sich Alltagsgewohnheiten nach dem ersten Kind stark verschieben und aus dem Rhythmus geraten.
Das erste Kind bedeutet den größten Einschnitt
Weitere Kinder verändern die kulturelle Teilhabe weniger stark als viele erwarten würden. Das Team nutzte dafür unter anderem Zwillingsgeburten als natürliches Experiment. Eltern, die bei der ersten Geburt Zwillinge bekommen, planen in der Regel nicht von Beginn an zwei Kinder auf einmal. Dadurch lässt sich besser abschätzen, ob ein zusätzliches Kind den Effekt verstärkt.
Das Ergebnis fällt nüchtern aus: Der Übergang von keinem Kind zu einem Kind prägt den Alltag viel stärker als der Schritt vom ersten zum zweiten oder vom zweiten zum dritten Kind. Zusätzliche Kinder haben in den Berechnungen nur gemischte, oft geringe oder nur vorübergehende Effekte. Der Bruch in der Freizeitgestaltung entsteht vor allem mit dem Beginn der Elternschaft.
Was Kulturangebote und Familienpolitik daraus ableiten können
Wenn Eltern über Jahre seltener an Kultur und Sport teilnehmen, betrifft das nicht nur deren Freizeitwünsche. Kulturelle Teilhabe hängt laut Forschung auch mit Wohlbefinden, sozialer Integration und Zugehörigkeitsempfinden zusammen. Für junge Familien kann ein fehlender Zugang zu kulturellen Angeboten oder Sport daher auch soziale Kontakte schwächen.
Die Autoren nennen mehrere mögliche Ansätze für eine Verbesserung der Lage: familienfreundliche Veranstaltungszeiten, Kinderbetreuung in Kulturinstitutionen, kurze Formate in Wohnortnähe und Veranstaltungen, die Eltern mit Babys oder kleinen Kindern nicht als Störfall behandeln. Im ersten Jahr nach der Geburt könnten solche Angebote helfen, Kultur und Begegnung nicht völlig aus dem Alltag verschwinden zu lassen.
Kurz zusammengefasst:
- Nach der Geburt des ersten Kindes nehmen kulturelle Aktivitäten wie Kino-, Konzert-, Museums-, Theater- und Sportbesuche für viele Eltern deutlich ab. Das Niveau an Teilhabe erreicht selbst nach zehn Jahren nicht vollständig jenes von vor der Elternschaft.
- Der größte Einschnitt entsteht nicht durch das zweite oder dritte Kind, sondern durch den Wechsel in die Elternrolle mit dem ersten Kind.
- Mehr Geld schützt Eltern laut Studie kaum vor diesem Rückzug, weil vor allem Zeit und Betreuungsmöglichkeiten fehlen. Alltagsroutinen haben sich verändert, Müdigkeit, Organisationsaufwand und fehlende Flexibilität wiegen ökonomische Gründe auf.
Übrigens: Das erste Kind verändert nicht nur die kulturelle Teilhabe und die Freizeitgestaltung, eine andere Studie zeigt: Das Muttersein gibt dem Leben Sinn und hebt die Stimmung, belastet aber oft Partnerschaft und soziale Kontakte. Mehr dazu in unserem Artikel.
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