Es müssen nicht immer Krisen sein: Studie zeigt, was Jugendliche wirklich prägt

Jugendliche prägen oft Schule, Freundschaften und Erfolge stärker als Krisen. Bei psychischer Belastung zählen Konflikte häufiger.

Viele Jugendliche erleben nicht Krisen als prägendsten Teil des Erwachsenwerdens, sondern normale Schritte wie Freundschaften, Ausbildung, Reisen oder erste Erfolge. Die Zürcher Studie zeigt zugleich: Wer psychisch stärker belastet ist, erinnert häufiger Konflikte, Verluste und Misserfolge. © Unsplash

Viele Jugendliche erleben nicht Krisen als prägendsten Teil des Erwachsenwerdens, sondern normale Schritte wie Freundschaften, Ausbildung, Reisen oder erste Erfolge. Die Zürcher Studie zeigt zugleich: Wer psychisch stärker belastet ist, erinnert häufiger Konflikte, Verluste und Misserfolge. © Unsplash

Ein Schulabschluss, eine neue Freundschaft, die erste Beziehung, eine zugesagte Lehrstelle: Wenn es darum geht, was Jugendliche prägt, bleiben für viele nicht die großen Krisen als wichtigste Erfahrungen hängen, sondern normale Schritte ins eigene Leben. Nicht die Trennung der Eltern, nicht ein Verlust, nicht der große Konflikt stehen dann oben, sondern Erfolge, Beziehungen, Reisen oder erste Momente der Selbstständigkeit. Eine Untersuchung der Universität Zürich rückt damit ein anderes Bild vom Erwachsenwerden ins Licht. Konflikte, Verluste und Misserfolge tauchen vor allem dann häufiger auf, wenn Jugendliche psychisch stärker belastet sind.

Die Forscher werteten offene Antworten von 1.442 Jugendlichen und jungen Erwachsenen aus der Zürcher Langzeitstudie Z-Proso aus. Die Teilnehmer waren bei den Befragungen 15, 17, 20 und 24 Jahre alt. Sie sollten jeweils notieren, welches Ereignis in den vergangenen Jahren für sie persönlich am wichtigsten war. Insgesamt kamen 5.670 kurze Beschreibungen zusammen.

Psychische Gesundheit hängt bei Jugendlichen oft am normalen Alltag

Auffällig ist vor allem, wie wenig die Antworten zum gängigen Krisenbild der Jugend passen. 83,1 Prozent der beschriebenen Ereignisse hatten eine positive Färbung. Nur 6,3 Prozent fielen negativ aus. Weitere 10,6 Prozent galten als gemischt oder unklar.

Am häufigsten drehten sich die Antworten um Schule, Ausbildung und Lehre. Dieser Bereich machte 44,6 Prozent aller Ereignisse aus. Danach folgten Freundschaften und Liebesbeziehungen mit 12,2 Prozent. Psychische Gesundheit, persönliche Entwicklung und Veränderung kamen auf 7,9 Prozent. Reisen, Ferien und Auslandsaufenthalte erreichten 7,4 Prozent.

Diese Zahlen wirken im Alltag sofort plausibel. Ein Schulabschluss richtet den Lebensweg neu aus. Eine Lehrstelle bringt Sicherheit. Eine Freundschaft trägt durch schwierige Monate. Die erste Beziehung kann das Selbstvertrauen stärken oder verletzen. Viele dieser Erfahrungen sehen von außen unspektakulär aus, für Jugendliche können sie aber lange nachhallen.

Was Jugendliche stärker prägt als viele Krisen

„Unsere Ergebnisse zeigen, dass Jugend nicht primär aus Krisen besteht. Viele junge Menschen berichten vor allem an positive Entwicklungsschritte wie Ausbildung, Beziehungen oder persönliche Erfolge“, sagt David Bürgin, klinischer Entwicklungspsychologe und Erstautor der Untersuchung. Der Satz ist nüchtern, aber er rückt die Perspektive zurecht.

Für Familien, Schulen und Vereine steckt darin viel praktischer Wert. Junge Menschen brauchen nicht erst Unterstützung, wenn etwas schiefläuft. Sie profitieren auch von Räumen, in denen gute Erfahrungen entstehen können. Dazu zählen verlässliche Beziehungen, erreichbare Ziele und Momente, in denen Jugendliche merken: Ich kann etwas schaffen.

Hilfreich wirken vor allem Erfahrungen, die Selbstständigkeit und Zugehörigkeit stärken:

  • ein bestandener Abschluss oder eine zugesagte Lehrstelle
  • Freundschaften, erste Beziehungen und stabile Bezugspersonen
  • Sport, Reisen, Hobbys und eigene kleine Erfolge

Solche Erlebnisse lösen keine psychischen Probleme in Luft auf, aber sie können den Blick auf das eigene Leben verändern. Wer erlebt, dass Anstrengung etwas bringt, sammelt innere Sicherheit. Wer dazugehört, steht Konflikten oft weniger allein gegenüber.

Psychische Gesundheit der Jugendlichen verändert Erinnerungen

Die Zürcher Daten erzählen aber keine einfache Wohlfühlgeschichte. Jugendliche und junge Erwachsene mit stärkeren Angst- oder Depressionssymptomen blickten anders auf wichtige Ereignisse. Sie berichteten häufiger von belastenden Beziehungen, Konflikten, Verlusten oder persönlichen Misserfolgen. Positive Erfahrungen wie Reisen, Ausbildung, Arbeit oder Sport tauchten bei ihnen seltener auf.

Die Richtung dieses Zusammenhangs bleibt offen. Belastende Ereignisse können psychische Symptome verstärken. Angst und depressive Stimmung können auch beeinflussen, welche Erinnerungen präsenter bleiben. Beides kann sich gegenseitig anfachen. Die Forscher beschreiben daher keinen simplen Ursache-Wirkungs-Mechanismus.

Dennoch fällt der Unterschied auf. Bei stärkeren Angst- und Depressionssymptomen stieg die Wahrscheinlichkeit, ein negatives Ereignis als wichtigstes Erlebnis zu beschreiben. Die Wahrscheinlichkeit für ein positives Ereignis sank. Damit ergibt sich bei der psychischen Gesundheit Jugendlicher eine sehr konkrete Bedeutung: Es geht nicht nur um Diagnosen, sondern auch um den Blick auf das eigene Leben.

Mit dem Alter verschieben sich die wichtigen Themen

Zwischen 15 und 24 Jahren veränderten sich die Antworten spürbar. In der mittleren Jugend standen Schule, Freundschaften, Freizeit und Ausgehen häufiger im Vordergrund. Später wurden Ausbildung, Arbeit, Partnerschaft, Wohnen und Selbstständigkeit wichtiger. Auch Heirat und Elternschaft kamen in den Antworten eher bei den älteren Teilnehmern vor.

Diese Verschiebung passt zum Übergang ins Erwachsenenleben. Aus dem nächsten Test wird irgendwann die nächste Bewerbung. Aus Treffen mit Freunden wird die Frage, wer bleibt. Aus Freizeit wird ein Alltag mit Arbeit, Geld und eigener Wohnung. Die großen Veränderungen zeigen sich daher oft in ganz normalen Entscheidungen.

Was stabile Beziehungen jungen Menschen geben

Lilly Shanahan, Co-Leiterin der Z-Proso-Studie, zieht daraus eine klare Konsequenz: „Unterstützungsangebote sollten sich nicht nur auf die Bewältigung von Belastungen fokussieren. Genauso wichtig sind stabile Beziehungen, positive Erfahrungen und Möglichkeiten, Selbstwirksamkeit zu erleben.“

Die Untersuchung hat Grenzen. Die Daten stammen aus Zürich und lassen sich nicht eins zu eins auf Deutschland übertragen. Außerdem nannten die Teilnehmer jeweils nur ein wichtigstes Ereignis pro Befragung. Manche Erfahrungen fehlen dadurch. Die Erhebung lief zwischen 2013 und 2022, also auch während der Corona-Zeit.

Trotzdem liefern die Antworten einen seltenen Einblick in die eigenen Worte junger Menschen. Viele erinnern nicht zuerst den großen Bruch, sondern den bestandenen Schritt. Schule, Ausbildung, Freundschaft, Liebe, Sport und Reisen stehen weit oben.

Kurz zusammengefasst:

  • Jugendliche erleben ihre prägenden Jahre laut Studie nicht vor allem als Krisenzeit, sondern nennen meist positive Alltagserlebnisse wie Schule, Ausbildung, Freundschaften, Beziehungen, Reisen oder Sport.
  • Psychische Belastung verändert den Blick auf wichtige Lebensereignisse: Jugendliche mit stärkeren Angst- oder Depressionssymptomen berichten häufiger von Konflikten, Verlusten und Misserfolgen.
  • Für eine gesunde Entwicklung zählen deshalb nicht nur Hilfe in Krisen, sondern auch stabile Beziehungen, Erfolgserlebnisse und Erfahrungen, die Jugendlichen Selbstvertrauen geben.

Übrigens: Psychische Belastung zeigt sich bei Kindern oft nicht laut, sondern in Schlafproblemen, Rückzug oder plötzlichen Leistungseinbrüchen. Eltern sollten frühe Signale ernst nehmen. Mehr dazu in unserem Artikel.

Bild: © Unsplash

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