Psychedelika fürs Gehirn: Forscher prüfen, ob Pilz-Wirkstoff vor dem Altern schützen kann

Der Wirkstoff Psilocybin steht bisher vor allem für Rausch und Psychotherapie. Eine neue Berkeley-Studie gibt Hinweise, dass Psychedelika dem Gehirn beim gesunden Altern helfen.

Ältere Frauen liegen auf dem Bett

Der psychedelische Wirkstoff Psilocybin könnte Menschen helfen, ihre geistige Gesundheit im Alter zu bewahren. © Pexels

Psychedelische Wirkstoffe werden bereits seit langem in der Psychiatrie und Psychotherapie eingesetzt, aber ein Trip um das Gehirn zu verjüngen? Das ist ein neuer Ansatz, den Wissenschaftler der Universität von Berkeley gerade erforschen. Psilocybin heißt der Pilz-Wirkstoff mit Rauschwirkung, der aus den sogenannten „Magic Mushrooms“ bekannt ist. Die Medizin rückt die Substanz schon länger in einen anderen Fokus. Studien prüfen sie etwa als Medikament bei Depressionen, Angststörungen oder Suchterkrankungen. Nun nimmt das Forschungsteam aus Kalifornien eine neue Frage in den Blick: Könnte Psilocybin dem Gehirn im Alter helfen, länger anpassungsfähig zu bleiben?

Die laufende Studie heißt PLASTICITY – „Psychedelic Longitudinal Aging Study In Cognitively Healthy Older Adults“. Ins Deutsche übersetzt bedeutet das Wort „Neuroplastizität“ und beschreibt die Anpassungsfähigkeit des Gehirns. Denn das menschliche Gehirn ist nicht starr, formt sich durch Erfahrungen, Lernen und Umweltreize ständig neu. Doch im Alter lässt diese Fähigkeit nach. In ihrer Arbeit prüfen die Forscher, ob der Wirkstoff Psilocybin im Gehirn älterer Menschen messbare Spuren hinterlässt, etwa bei Gedächtnis, Emotionen, Wahrnehmung und Hirnstruktur.

Die Arbeit untersucht gesunde Menschen zwischen 60 und 85 Jahren. Die Forscher wollen mit ihrem Ansatz nicht Alzheimer behandeln und auch kein Anti-Aging-Mittel fürs Gehirn versprechen.

Mit Psilocybin die Folgen des Alters mildern

Demografisch steigt die Zahl älterer Menschen weltweit. Damit nehmen auch altersbedingte Gedächtnisprobleme, Demenzerkrankungen und seelische Belastungen zu. Viele Menschen erleben, wie stark kognitive Einbußen den Alltag im Alter verändern können. Die Möglichkeiten zur Vorbeugung sind begrenzt, bahnbrechende neue Ansätze fehlen aber.

Tyler Toueg, Doktorand der Neurowissenschaften an der UC Berkeley, beschreibt diese Lücke im Interview deutlich. Vor seiner Zeit in Berkeley habe er zu Alzheimer-Risiken geforscht. Selbst eine frühere und genauere Vorhersage des Krankheitsverlaufs ändere wenig, wenn sich kaum neue Hilfen anbieten ließen. „Die allgemeinen Empfehlungen wären Bewegung, Schlaf, gesunde Ernährung und soziale Kontakte“, sagt Toueg. Werkzeuge, die erfolgreiches Altern fördern könnten, seien „wirklich wenig erforscht“.

Die Berkeley-Studie setzt daher an einer biologischen Eigenschaft an, die im Alter nachlässt: die neuronale Plastizität. Das Gehirn verliert mit den Jahren synaptische Verbindungen, besonders in Regionen wie dem Hippocampus und dem präfrontalen Kortex. Der Hippocampus spielt eine wichtige Rolle für Lernen und Gedächtnis. Der präfrontale Kortex hilft unter anderem bei Planung, Kontrolle und emotionaler Regulation.

In Tiermodellen hätten Psychedelika die Zahl synaptischer Verbindungen in diesen Hirnregionen erhöht. Ob das auch beim Menschen gilt, ist offen. Toueg sagt dazu: „Eines der bedeutendsten Ziele ist, zu sehen, ob wir Veränderungen der strukturellen Plastizität im Gehirn nachweisen können, die für ältere Erwachsene hilfreich sein könnten.“

Neurowissenschaftler der UC Berkeley untersuchen, wie Psilocybin auf das Gehirn wirkt. In der neuen PLASTICITY-Studie prüfen sie nun erstmals gezielt Effekte bei gesunden älteren Erwachsenen. © UC Berkeley via YouTube

Auf den Trip folgen Hirnscans und Tests

Die Teilnehmer erhalten synthetisches Psilocybin. Die Dosis liegt laut Studienbeschreibung zwischen einem und 30 Milligramm. Vor der psychedelischen Erfahrung erfassen die Neurowissenschaftler den Ausgangszustand der Probanden. Die Untersuchungen werden nach einer Woche und nach einem Monat wiederholt.

Untersucht werden in Tests mehrere Bereiche:

  • Gedächtnisleistung, Wahrnehmung und emotionale Verarbeitung
  • Hirnstruktur mit MRT und Diffusions-MRT
  • Hirnaktivität beim Einprägen und Abrufen von Erinnerungen
  • Wohlbefinden, Staunen, soziale Verbundenheit und emotionale Regulation
  • Aktivität des Vagusnervs bei positiven Gefühlen

Der Vagusnerv verbindet Gehirn und Körper auf vielen Wegen. Er spielt eine Rolle bei Erholung nach Stress und bei körperlicher Beruhigung. Die Forscher prüfen, ob Psilocybin diese Stressregulation bei positiven Emotionen längerfristig beeinflussen könnte. Dazu gehören auch Gefühle wie Ehrfurcht oder Staunen, die in der Forschung mit Wohlbefinden in Verbindung gebracht werden.

Michael Silver, Neurowissenschaftler und Direktor des Berkeley Center for the Science of Psychedelics, sieht im Vorgehen der Studie eine Chance für Grundlagenforschung. „Es gibt Hinweise, dass Psychedelika strukturelle Hirnveränderungen in die entgegengesetzte Richtung jener Veränderungen auslösen, die häufig mit dem Altern auftreten“, sagt Silver. Das Team prüft die wissenschaftliche Hypothese, die sich aus den Ergebnissen der Tests ergeben hat: Dass Psychedelika den Geist offen halten, für neue, positive Erfahrungen.

Die Studie verbindet dafür Fachwissen aus Neurowissenschaft, Psychologie, Psychiatrie und Altersforschung. Neben Toueg und Silver gehören unter anderem William Jagust, Dacher Keltner und Brian Anderson zum Projektteam. Jagust forscht zu Gehirnalterung und Alzheimer. Keltner arbeitet zu Emotionen, Ehrfurcht und Wohlbefinden. Anderson ist Psychiater und medizinischer Direktor der Studie.

Bisher kaum ältere Menschen in Psychedelika-Studien

Die Forscher prüfen neben der Hirnstruktur auch psychologische Faktoren, die mit besserem oder schlechterem Altern verbunden sind. Depression, Angst, Stress und Grübeln gelten als ungünstige Faktoren. Einen Sinn im Leben zu sehen, eine gute Emotionsregulation zu haben, sozial eingebunden zu sein und die Erfahrung von Neuem stehen eher mit günstigeren Verläufen im Alter in Verbindung.

Frühere Psychedelika-Studien, die nicht auf ältere Menschen ausgerichtet waren, hätten Veränderungen in solche Richtungen angedeutet. Nun will das Berkeley-Team prüfen, ob sich ein Monat nach der Einnahme auch bei älteren Erwachsenen Hinweise darauf finden.

Silver betont, dass die Forschung am Berkeley Center nicht nur auf eine einzelne Therapie zielt. „Wir betreiben einige der fehlenden Grundlagenforschungen“, sagt er. Psychedelika könnten aus seiner Sicht dabei helfen, offene Fragen über Geist, Gehirn und Bewusstsein zu untersuchen. Für angewandte Therapien brauche es bessere Daten darüber, was solche Substanzen im Gehirn auslösen.

Ein wichtiger Punkt macht die Studie besonders: Ältere Erwachsene fehlen in der modernen Psychedelika-Forschung fast völlig. Toueg sagt dazu: „Wir sind tatsächlich die Ersten, die eine psychedelische Neuroimaging-Studie bei älteren Erwachsenen durchführen.“ Neuroimaging meint bildgebende Verfahren des Gehirns, etwa MRT.

Was die Studie leisten kann und was nicht

Viele Schlagzeilen zu Psilocybin klingen nach schneller Therapie, spektakulärem Durchbruch oder neuer Hoffnung gegen schwere Krankheiten. Die PLASTICITY-Studie ist hingegen vorsichtiger angelegt. Sie untersucht lediglich gesunde ältere Menschen nach der Einnahme von Psilocybin, um herauszufinden, ob der Pilz-Wirkstoff sich positiv auf das alternde Gehirn auswirkt.

Die Berkeley-Forscher wollen bis Ende 2026 insgesamt 20 Teilnehmer mit Psilocybin behandelt haben. Zum aktuellen Zeitpunkt haben zwei Personen alle Studienbesuche abgeschlossen. Damit steht die Arbeit noch am Anfang. Denn noch gibt es keinen Nachweis für eine schützende Wirkung gegen das Altern beim Menschen. Silver sagt dazu: „Ich interessiere mich sehr für Psilocybin als mögliche Behandlung für psychische Erkrankungen, aber auch als Möglichkeit, Licht auf diese großen Rätsel in Neurowissenschaft und Psychologie zu werfen.“ Wenn sich messbare Veränderungen zeigen, müssten größere Studien klären, wie belastbar diese Ergebnisse sind, wie lange sie anhalten und für welche Menschen sie überhaupt relevant wären.

Kurz zusammengefasst

  • Die Berkeley-Studie PLASTICITY untersucht erstmals mit Hirnscans, wie die Gabe von Psilocybin auf Gehirn, Gedächtnis, Wahrnehmung und Gefühle gesunder älterer Menschen zwischen 60 und 85 Jahren wirkt.
  • Die Forscher prüfen, ob Psilocybin die Flexibilität des alternden Gehirns stärken und Faktoren wie Stressregulation, soziale Verbundenheit und emotionales Wohlbefinden beeinflussen kann.
  • Noch gibt es keinen Beweis für einen Schutz für das alternde Gehirn, denn die Studie steht am Anfang und liefert zunächst Grundlagenwissen für weitere Forschung.

Übrigens: Während Wissenschaftler in Kalifornien die Wirkung von Psilocybin auf die Folgen des Alterns im Gehirns testen, hat eine Entwicklungsforscherin ein Buch darüber veröffentlicht, wie Lachen und Humor Prozesse im Gehirn in Gang bringen, die die Neuroplastizität fördern. Mehr dazu in unserem Artikel.

Bild: © Pexels

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