Grönlands Klo-Archiv: Uralter Müll im Eis verrät das Leben früherer Siedler
Uralte Müllhaufen in Grönlands Eis enthalten Mikroben aus Kot und Robbenresten – mit überraschend geringem Erreger-Risiko.
Uralte Abfallhaufen im Eis Grönlands bewahren Spuren früherer Siedler: Aus Mikroben in Kot, Tierknochen und Robbenresten lesen Forscher heute ab, wie Menschen dort lebten. © Louise Hindborg Mortensen
Grönland war nie nur Eis und Leere. Schon vor rund 4500 Jahren erreichten die ersten Paleo-Inuit-Kulturen die Insel. Zwischen dem 10. und 15. Jahrhundert lebten dort Nachfahren der Wikinger. Ab 1721 folgten frühe dänische Siedler. Alle hinterließen Spuren in der Landschaft – Häuserreste, Werkzeuge, Knochen und vor allem alte Abfallhaufen.
Für Archäologen sind diese Schichten ein Glücksfall. Darin liegen Tierknochen, Muschelschalen, Kot, Robbenreste und menschliche Gegenstände dicht beieinander. Eine Studie im Fachjournal „Frontiers in Microbiology“ nutzt nun Grönlands Permafrost-Mikroben als biologisches Archiv früherer Siedlungen.
Aus den gefrorenen Resten lesen Forscher Hinweise auf Bauernhöfe, Robbenjagd und Toilettenreste. Eine Gefahr durch alte Krankheitserreger sehen die Wissenschaftler bislang kaum. Insgesamt analysierten sie 221 Proben: 78 aus alten Abfallhaufen und 143 aus umliegenden Böden.
Alte Müllschichten speichern Hinweise auf Menschen und Tiere
In den Proben wurden 1207 bakterielle Arten nachgewiesen, je Probe 9 bis 202 Arten. Viele ließen sich nur grob zuordnen. Arktische Böden und alte Siedlungsreste sind mikrobiologisch bislang kaum erschlossen.
Die alten Müllschichten enthielten mehr und deutlich andere Bakterienarten als die Böden daneben. Viele passten zu Menschen, Tieren, Darm oder Kadavern. So bewahren sie bis heute das biologische Erbe früherer Siedlungen – von Höfen und Lagerplätzen bis zur Abfallentsorgung.
Robbenreste, Knochen und Krankheitserreger
Besonders auffällig waren die Schichten aus Nuuk. Sie stammen aus der frühen Kolonialzeit und enthielten verrottende Robbenhäute. Dort häuften sich Bakterien, die zu Zersetzung und tierischem Material passen. In einzelnen Proben machten Clostridium perfringens und Paraclostridium tenue zusammen rund 40 bis 50 Prozent der erfassten relativen Häufigkeit aus.
Bei den Höfen der Wikinger-Nachfahren ergab sich ein anderes Bild. In Kapisillit lagen alte Knochen und Spuren früher Viehhaltung. Auch die Bakterien unterschieden sich deutlich. Dazu gehörten unbekannte Vertreter von Proteobacteria und Clostridiaceae. Die Mikroben verraten also nicht nur den Fundort, sondern auch, welche Abfälle dort lagen.
Viehhaltung gehörte damals zum Alltag der Siedler in Südwestgrönland. Sie hielten unter anderem Rinder, Schafe, Ziegen und andere Haustiere. An alten Hofplätzen untersuchten die Forscher auch Böden aus Winterpferchen und Sommerweiden. So entstand ein Bild davon, wie stark Tiere die Siedlungslandschaft veränderten.
In den Abfallhaufen fanden die Forscher DNA-Spuren potenziell krankmachender Bakterien. Einige davon können Lebensmittelvergiftungen oder schwere Infektionen auslösen. Eine akute Gefahr sehen die Autoren dennoch nicht. „Hier zeigen wir, dass das Risiko einer Freisetzung alter Krankheitserreger aus alten Abfallhaufen in Grönland derzeit gering ist“, sagt Frank M. Aarestrup von der Technischen Universität Dänemark. Wichtig ist dabei: Nachgewiesen wurden DNA-Signale, keine sicher lebenden uralten Mikroben.
Resistenzgene bleiben über Jahrhunderte erkennbar
Neben Bakterien fanden die Forscher auch Gene, die mit Antibiotikaresistenzen zusammenhängen. Sie entdeckten sie an allen untersuchten Orten. Besonders häufig kamen Resistenzklassen gegen Beta-Laktam-Antibiotika und Tetracycline vor. Insgesamt registrierten die Analysen mehrere Resistenzklassen und Hunderte einzelne Resistenzgene.
Das spricht nicht automatisch für moderne Verschmutzung. Viele Resistenzgene kommen auch natürlich in Böden vor. Zugleich bleiben solche Spuren offenbar lange erhalten: In alten und jüngeren Schichten fanden sich teils ähnliche Muster.
Tauender Boden verteilt die Mikroben kaum weiter
Am erodierenden Fundort Sermermiut gelangt Material aus einem alten Abfallhaufen in Richtung Küste. Die Forscher nahmen Proben vom Müllhaufen über Abbruchkanten bis zur Gezeitenzone. Dabei veränderte sich die bakterielle Zusammensetzung sehr schnell.
„Das Mikrobiom im tauenden Permafrost schien nach der Freisetzung in Abflüsse rasch durch lokale heutige Umweltmikroben ersetzt zu werden“, sagt Saria Otani. Die alten Signale blieben vor allem nahe am Fundort. Eine weiträumige Ausbreitung fanden die Forscher nicht.
Kurz zusammengefasst:
- Alte Abfallhaufen in Grönlands Permafrost enthalten noch heute mikrobielle DNA-Spuren aus Kot, Tierkadavern, Robbenresten und früher Viehhaltung.
- Diese Mikroben helfen Forschern, den Alltag früherer Bewohner besser zu verstehen – von Bauernhöfen der nordischen Siedler bis zur Robbenjagd der Inuit.
- Trotz gefundener Resistenzgene und potenziell krankmachender Bakterien sehen die Autoren derzeit nur ein geringes Gesundheitsrisiko, weil sich die Mikroben kaum über die Fundorte hinaus verbreiten.
Übrigens: Während Mikroben im Permafrost alte Spuren Grönlands bewahren, verschwindet vor der Küste ein anderer Schatz in der Tiefe – Seetang, der gebundenen Kohlenstoff für Jahrhunderte aus dem schnellen Kreislauf holen kann. Wie Stürme und Strömungen daraus einen natürlichen Klimaspeicher machen, mehr dazu in unserem Artikel.
