Resistente Mücken: Abwehr der Gelbfiebermücke gegen Insektizide steigt um das 21-Fache
Resistente Mücken könnten Alpha-Cypermethrin mit körpereigenen Enzymen abbauen. Ein Labortest liefert dafür ein frühes Warnsignal.
Die Gelbfiebermücke überträgt nicht nur Gelbfieber, sondern auch andere schwere Krankheiten wie Dengue-Fieber, das Zika-Virus und Chikungunya. Eine Resistenz gegen gängige Insektizide ließe Gesundheitsrisiken und Kosten für Schutzmaßnahmen steigen. © Pexels
Die Gelbfiebermücke ist eigentlich in den Tropen heimisch, wurde aber bereits in Teilen Europas entdeckt. Über weltweite Handelswege eingeschleppt, kann sie sich mit dem Klimawandel in neuen Regionen ausbreiten. Gefährlich für den Menschen macht sie ihre Fähigkeit, Krankheiten wie Dengue, Zika, Chikungunya und Gelbfieber zu übertragen. Ihre Bekämpfung stützt sich auf bisher sehr wirksame Insektizide wie Alpha-Cypermethrin. Resistente Mücken könnten solche Wirkstoffe jedoch zunehmend abschwächen – mit Folgen für Gesundheitsrisiken, Kosten und Schutzmaßnahmen.
Brisant ist daher die Entdeckung eines Forscherteams der Universität Delhi in Indien: Eine im Labor gehaltene Mückenpopulation, die eigentlich als empfindlich gegenüber äußeren Bedingungen gilt, zeigt im Versuch mit dem Insektizid Alpha-Cypermethrin eine starke Enzymreaktion. Diese starke Aktivität ließ eine geringe Anzahl an Mücken im Kontakt mit dem Mittel überleben. Die Daten aus Indien belegen noch keine stabile Resistenz – sie liefern jedoch einen frühen Hinweis darauf, wie Mücken verbreitete Mittel künftig schneller entgiften könnten.
Bereits zwei Überlebende belegen Resistenz
Für den Versuch kamen jeweils 20 zwei bis drei Tage alte Weibchen in mit Pyrethroiden beschichtete Glasflaschen. Dort blieben sie eine Stunde. Das Team prüfte zwölf Konzentrationen mit jeweils vier Flaschen. Pro Wirkstoffmenge waren 80 Mücken beteiligt. Pyrethroide wie Alpha-Cypermethrin wirken bereits in niedrigen Mengen und lähmen erwachsene Tiere rasch.
Nach 24 Stunden zählten die Forscher, wie viele Mücken gestorben waren. Bei der diagnostischen Dosis von zehn Mikrogramm pro Flasche überlebten im Durchschnitt gut zwei von 100 Tieren. Zwei Mücken – das klingt zunächst kaum der Rede wert, nach den WHO-Kriterien ist es jedoch ein Warnsignal: Liegt die Sterblichkeit zwischen 90 und 98 Prozent, kann sich bereits eine Resistenz entwickeln. Die Ergebnisse erschienen im Fachjournal Frontiers in Tropical Diseases. „Die Sterblichkeit von 97,91 Prozent ist ein frühes Anzeichen für eine mögliche Resistenzentwicklung“, sagt Erstautor Rohit Lakhwani laut Frontiers.
Resistente Mücken können Abwehr blitzschnell hochfahren
Den Überlebenden half offenbar vor allem ein körpereigenes Enzym namens Beta-Esterase. Seine Aktivität stieg bei einer mittleren tödlichen Dosis um das 21,41-Fache. Bei der höheren Dosis lag sie noch 17,46-mal über dem Kontrollwert. Das Enzym Alpha-Esterase reagierte ebenfalls stark. Seine Aktivität nahm mehr als siebenfach zu.
Auch das Enzymsystem CYP450 verdoppelte seine Aktivität. Die untersuchte Glutathion-S-Transferase ging dagegen zurück. Computermodelle bestätigten die Sonderstellung der Beta-Esterase. Sie ging unter fünf geprüften Enzymen die stärkste Bindung mit Alpha-Cypermethrin ein.
„Dringt ein Insektizid in den Körper einer Mücke ein, löst es ein zelluläres Alarmsystem aus“, erklärt Studienleiterin Sarita Kumar. Daraufhin produziert das Tier schützende Eiweiße. Die Abwehr gleicht einer Entgiftungsanlage, die binnen Stunden hochfährt. Bei sehr hoher Belastung sank die Beta-Esterase-Aktivität etwas.
Die Forscher vermuteten eine Überlastung oder teilweise Erschöpfung des Enzymsystems. Dennoch blieb der Wert weit über dem Niveau unbehandelter Tiere. CYP450 unterstützt die Abwehr auf einem anderen Weg. Es verändert fettlösliche Wirkstoffmoleküle und erleichtert anschließend ihre Ausscheidung.
Wie die Mücken das Gift vor seinem Ziel abbauen
Alpha-Cypermethrin wirkt, indem es das Nervensystem der Mücke angreift. Der Wirkstoff hält bestimmte Natriumkanäle in den Nervenzellen offen. Dadurch geraten elektrische Signale außer Kontrolle. Es folgen Lähmung und Tod. Das Enzym Beta-Esterase kann jedoch die chemischen Bindungen im Insektizid spalten. So entstehen Abbauprodukte, die weniger schädlich sind und die der Körper leichter ausscheidet. Der Wirkstoff erreicht sein Ziel dann nur noch in geringer Menge. Dieses Prinzip wird als metabolische Resistenz bezeichnet.
Die Ergebnisse bedeuten nicht, dass Alpha-Cypermethrin bereits wirkungslos ist. Die verwendete Mückenlinie stammte aus einer kontrollierten Laborzucht. Sie kam 2009 in das Labor und wurde 2017 ergänzt. Seitdem lebten die Tiere ohne gezielten Kontakt zu Insektiziden. Kleine Unterschiede beim Alter, Ernährungszustand oder Stoffwechsel könnten einzelne Überlebende erklären. Auch genetische Veränderungen während der langen Zuchtzeit kommen infrage. Eine vererbbare und dauerhaft etablierte Resistenz in der Natur wurde daher noch nicht nachgewiesen.
Der Laborbefund schafft Zeit zum Gegensteuern
Werden immer wieder dieselben Insektizide eingesetzt, überleben eher Mücken mit einer stärkeren Abwehr. Über Generationen kann ihr Anteil wachsen. Dann könnten auch verwandte Wirkstoffe an Wirkung verlieren. „Es lässt sich nicht vorhersagen, wann Alpha-Cypermethrin großflächig an Wirkung verlieren könnte“, sagt Kumar.
Ein Wechsel der Wirkstoffklassen kann diesen Druck senken. Auch Enzymhemmer, weniger Brutplätze und biologische Gegenspieler kommen infrage. „Eine Resistenz auf biochemischer Ebene kann sich zurückbilden, wenn das betreffende Insektizid nicht mehr eingesetzt wird“, sagt Kumar. Weitere Tests sollen klären, wie stark Beta-Esterase die Mücken tatsächlich schützt.
Kurz zusammengefasst:
- Bei einem Laborversuch mit dem Insektizid Alpha-Cypermethrin starben 97,91 Prozent der untersuchten Gelbfiebermücken; nach WHO-Kriterien gilt das als möglicher früher Hinweis auf eine Resistenz.
- Besonders das Enzym Beta-Esterase reagierte stark: Seine Aktivität stieg um mehr als das 21-Fache und half den Mücken, den Wirkstoff rasch abzubauen.
- Der Befund stammt aus einer Laborpopulation von Mücken und beweist noch keine verbreitete Resistenz, spricht aber für regelmäßige Kontrollen und wechselnde Bekämpfungsstrategien.
Übrigens: Wenn Mücken gegen chemische Mittel resistent werden, hilft nur noch der „Todesstern gegen Mücken“: Eine neue Lasertechnik soll die Plagegeister binnen Millisekunden erkennen und gezielt ausschalten. Das System arbeitet lautlos und ohne Insektizide, befindet sich jedoch noch in der Entwicklung. Mehr dazu in unserem Artikel.
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