Nach der Diagnose kommt der finanzielle Knick – Krankheit kostet oft jahrelang Einkommen
Nach einer Diagnose sinkt das Einkommen oft über Jahre – psychische Erkrankungen verursachen die größten Verluste.
Einkommensverluste nehmen nach einer Diagnose über Jahre zu und treffen besonders junge Menschen. © Freepik
Nach einer Diagnose geht es nicht nur um Beschwerden, Therapien und Arzttermine. Für viele verändert sich auch die finanzielle Situation. Das Einkommen wächst langsamer, fällt zeitweise ab oder erholt sich nicht mehr richtig. Besonders deutlich wird das bei Menschen, die früh im Leben erkranken. Wer in Ausbildung, Studium oder den ersten Berufsjahren von einer Krankheit betroffen ist, startet oft mit einem Rückstand ins weitere Erwerbsleben.
Wie stark dieser Effekt ausfällt, zeigt eine große Auswertung aus Dänemark im Fachjournal JAMA Health Forum. Dafür wurden Registerdaten von rund 4,9 Millionen nicht pensionierten Einwohnern im Alter von 18 bis 65 Jahren analysiert. Verglichen wurden Krankenhausdiagnosen von Depression, Alkoholgebrauchsstörung, Schlaganfall und Brustkrebs. Anschließend verfolgten die Autoren, wie sich das verfügbare persönliche Einkommen bis zu zehn Jahre lang entwickelte.
Einkommen sinkt nach Krankheit deutlich
In die Auswertung flossen Daten von 125.769 Menschen mit Depression ein, 77.206 mit Alkoholgebrauchsstörung, 82.151 mit Schlaganfall und 36.868 Frauen mit Brustkrebs. Die Erkrankten wurden mit ähnlichen Personen ohne diese Diagnose verglichen. Berücksichtigt wurden dabei Alter, Geschlecht, Bildung, Einkommen, Familienstand, Arbeitsmarktsituation und Vorerkrankungen.
Schon drei Jahre nach einer Depression lagen die Einkommensverluste bei Männern im Schnitt bei 11,8 Prozent. Zehn Jahre nach der Diagnose waren es 13,7 Prozent. Auch bei Alkoholgebrauchsstörungen blieben die Einbußen hoch. Dort lagen sie bei Männern im zehnten Jahr bei 10,4 Prozent.
Bei körperlichen Erkrankungen fiel der Rückgang deutlich kleiner aus. Nach einem Schlaganfall lagen die Verluste bei Männern zehn Jahre nach der Diagnose bei 4,3 Prozent. Bei Frauen mit Brustkrebs zeigte sich ein anderer Verlauf. Dort gingen die Einbußen nach einigen Jahren wieder zurück. Die Analyse kommt deshalb zu dem Schluss:
Einkommensverluste nach psychischen Erkrankungen waren größer als bei körperlichen Krankheiten.
Jüngere verlieren besonders viel Einkommen
Besonders auffällig ist der Altersunterschied. Menschen unter 40 verloren langfristig besonders viel Einkommen durch eine Krankheit. Das galt vor allem dann, wenn die Erkrankung in einer Phase kam, in der eigentlich Ausbildung, Abschluss oder Berufseinstieg anstanden. Wer in diesen Jahren ausgebremst wird, holt den Rückstand oft nicht mehr vollständig auf.
Einige Gruppen traf es besonders hart:
- Männer mit Depression, die zum Vergleichszeitpunkt noch in Schule oder Ausbildung waren, verloren fünf Jahre nach der Diagnose bis zu 26,9 Prozent ihres Einkommens.
- Bei 25- bis 29-jährigen Männern mit Depression lag der Verlust fünf Jahre nach der Diagnose bei 19,6 Prozent.
- Auch Alleinstehende und Menschen mit niedrigem Einkommen trugen besonders hohe Einbußen.
Die Verluste blieben nicht auf die ersten Jahre beschränkt. In vielen Gruppen wuchs der Abstand mit der Zeit weiter. Darin liegt die eigentliche Brisanz. Es geht nicht nur um einen vorübergehenden Einschnitt, sondern oft um eine dauerhaft schlechtere Einkommensentwicklung.
Krankheit erschwert auch den Wiedereinstieg
Auffällig ist ein weiterer Aspekt der Analyse: Nicht nur Beschäftigte verloren später Einkommen. Auch Menschen ohne Job zum Zeitpunkt der Diagnose waren betroffen. Das galt etwa für Arbeitslose oder Personen mit Sozialleistungen. Dieser Punkt ist wichtig, weil es den Blick weitet. Krankheit belastet nicht nur bestehende Jobs. Sie erschwert oft auch den Einstieg oder Wiedereinstieg in den Arbeitsmarkt. Wer in einer ohnehin unsicheren Phase erkrankt, verliert damit gleich doppelt.
Hinzu kommt, dass das verfügbare Einkommen hier nicht nur aus Lohn bestand. In die Berechnung flossen auch staatliche Transfers, Krankengeld sowie Zinsen und Dividenden ein. Die Daten zeigen also nicht bloß, ob jemand weniger verdient, sondern wie sich die gesamte persönliche Finanzlage verändert.
Verluste beginnen oft schon vor der Diagnose
Bei psychischen Erkrankungen zeigte sich noch ein weiteres Muster. Das Einkommen sank häufig schon vor der offiziellen Diagnose. Bei Depression und Alkoholgebrauchsstörung beobachteten die Autoren bereits in den Jahren davor eine ungünstige Entwicklung. Probleme im Alltag und im Job bauen sich demnach oft früher auf.
Wer psychisch belastet ist, spürt die Folgen oft nicht erst in der Klinik oder Therapie. Sie können schon vorher im Berufsleben ankommen. Fehlzeiten nehmen zu, Leistung fällt schwerer, Chancen gehen verloren. Später kommt dann zur gesundheitlichen Belastung noch der finanzielle Rückstand.
Warum psychische Erkrankungen finanziell so stark wirken
Psychische Erkrankungen ziehen sich oft länger hin und verlaufen unregelmäßig. Sie können Konzentration, Belastbarkeit und soziale Sicherheit im Arbeitsleben schwächen. Dazu kommt, dass sie häufiger jüngere Menschen treffen. Wer in dieser Phase aus dem Takt gerät, verliert leichter den Anschluss.
Ein zweiter Punkt wiegt ebenfalls schwer. Viele Betroffene starten ohnehin mit schlechteren finanziellen Voraussetzungen. Wenn dann eine Erkrankung hinzukommt, verstärkt sich der Rückstand. Deshalb hinterlassen psychische Leiden im Einkommen oft tiefere Spuren als Schlaganfall oder Brustkrebs.
Ganz ohne Einschränkung lassen sich die Zahlen aber nicht lesen. Die Studie erfasst nur Krankenhausdiagnosen. Gerade bei Depressionen und Alkoholproblemen fehlen damit Fälle, die ausschließlich ambulant oder in Hausarztpraxen behandelt wurden. Die Daten bilden also vor allem schwerere Verläufe ab. Trotzdem liefert die Untersuchung ein belastbares Bild davon, wie stark eine Krankheit Einkommen und Erwerbsbiografien über viele Jahre belasten kann.
Kurz zusammengefasst:
- Krankheit wirkt oft langfristig auf das Einkommen: Besonders psychische Erkrankungen führen über Jahre zu deutlich größeren Einkommensverlusten als körperliche Leiden.
- Vor allem junge Menschen trifft es hart: Wer früh erkrankt, verliert Chancen beim Einstieg ins Berufsleben und holt diesen Rückstand oft nicht mehr auf.
- Die Folgen beginnen häufig schon vor der Diagnose und betreffen auch Arbeitslose: Einkommensverluste entstehen früh, wachsen mit der Zeit und prägen ganze Erwerbsbiografien.
Übrigens: Kaffee wirkt nicht nur im Kopf, sondern offenbar auch in den Zellen – und könnte bei psychischen Erkrankungen die Alterung bremsen. Entscheidend ist die richtige Menge. Mehr dazu in unserem Artikel.
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