Fast jeder Zweite berichtet von Frühlingsmüdigkeit – doch Studie findet keinen Beleg
Trotz hoher Selbstauskunft zeigt eine Jahresstudie keinen Beleg für Frühlingsmüdigkeit oder saisonale Effekte bei Müdigkeit und Schlaf.
Forschende der Universität Basel haben untersucht, warum viele Menschen im Frühjahr über Erschöpfung klagen. © Freepik
Viele Menschen klagen im Frühjahr über Erschöpfung und Antriebslosigkeit. Der Begriff Frühlingsmüdigkeit scheint fest zur Jahreszeit zu gehören. Wer sich im März oder April schlapp fühlt, findet darin eine naheliegende Erklärung. Doch dieses verbreitete Gefühl haben Forschende nun systematisch untersucht. Eine Langzeitstudie mit 418 Erwachsenen zeigt: In den Messdaten gibt es kein saisonales Muster. Frühlingsmüdigkeit lässt sich statistisch nicht nachweisen.
Die Untersuchung entstand am Zentrum für Chronobiologie der Universität Basel, gemeinsam mit den Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel und dem Inselspital Bern. Die Ergebnisse erschienen im Fachjournal Journal of Sleep Research.
Keine Unterschiede zwischen Frühling, Sommer, Herbst und Winter
Zwischen April 2024 und September 2025 beantworteten die Teilnehmenden alle sechs Wochen Online-Fragebögen. Sie machten Angaben dazu, wie erschöpft sie sich in den vergangenen vier Wochen gefühlt hatten. Zusätzlich bewerteten sie ihre Schlafqualität und ihre Tagesschläfrigkeit.
Fast die Hälfte der Befragten, genau 47 Prozent, gab zu Beginn an, unter Frühlingsmüdigkeit zu leiden. Studienleiterin Christine Blume sagt dazu: „Das hätte sich auch in der Auswertung der Umfragedaten zeigen müssen.“ Doch genau das geschah nicht.
Die Forschenden nutzten mehrere anerkannte Skalen aus der Schlafmedizin. Eine davon war die Fatigue Severity Scale. Der durchschnittliche Wert lag bei 4,0 Punkten. Werte über 4 gelten bereits als klinisch relevante Müdigkeit. Auch eine Skala von 0 bis 100 kam zum Einsatz. Der Mittelwert lag bei 57,5 Punkten. Entscheidend war jedoch etwas anderes: Die Werte veränderten sich nicht im Frühling. Die Auswertung ergab:
- Keine Unterschiede zwischen einzelnen Monaten
- Keine Unterschiede zwischen Jahreszeiten
- Kein Zusammenhang zwischen Tageslänge und Müdigkeit
Blume erklärt: „Im Frühling werden die Tage schnell länger. Wenn Frühlingsmüdigkeit ein echtes biologisches Phänomen wäre, sollte sich das gerade in dieser Übergangsphase zeigen.“
Auch Schlafqualität bleibt stabil
Neben Müdigkeit prüften die Forschenden die Tagesschläfrigkeit mit der Epworth Sleepiness Scale. Der Durchschnitt lag bei 8,82 Punkten. Ab 10 Punkten sprechen Fachleute von auffälliger Schläfrigkeit. Ein saisonales Muster fand sich nicht.
Auch bei Schlafproblemen zeigte sich kein Unterschied. Der Insomnia Severity Index ergab im Mittel 9,17 Punkte. Das entspricht leichter, aber stabiler Schlafproblematik – unabhängig von der Jahreszeit. Selbst die allgemeine Schlafqualität blieb konstant. Die Geschwindigkeit, mit der sich die Tageslänge veränderte, spielte keine Rolle.
Warum sich das Gefühl trotzdem hält
Wie lässt sich erklären, dass 47 Prozent der Befragten Frühlingsmüdigkeit angeben, obwohl die Daten keinen Effekt zeigen? Die Forschenden sehen dahinter keine biologischen Ursachen. Wörtlich heißt es in der Studie:
Frühlingsmüdigkeit könnte eher ein kulturelles Etikett sein als ein biologisches Syndrom.
Ein derart etablierter Begriff kann die Wahrnehmung beeinflussen. Wenn jedes Jahr über Müdigkeit im Frühling berichtet wird, achten Menschen stärker auf eigene Erschöpfung. Normale Schwankungen wirken dadurch auffälliger.
Gleichzeitig schließen die Forschenden nicht aus, dass einzelne Faktoren wie Heuschnupfen, Vitamin-D-Mangel nach dem Winter oder die Zeitumstellung eine Rolle spielen können. Diese Einflüsse betreffen jedoch bestimmte Gruppen und belegen kein allgemeines Frühjahrs-Syndrom.
„Im Frühling haben wir möglicherweise auch das Gefühl, wir müssten aktiver sein und sollten das gute Wetter nutzen“, ergänzt Blume. Wenn Anspruch und tatsächliches Energielevel auseinanderklaffen, greift der Begriff Frühlingsmüdigkeit: „Sie ist eine Erklärung, die in der Gesellschaft vollkommen akzeptiert ist.“
Winter macht nicht automatisch fitter oder müder
Chronobiologische Forschung zeigt zwar, dass Menschen im Winter oft etwas länger schlafen. Die biologische Nacht kann in dunklen Monaten verlängert sein. Das hängt mit der inneren Uhr zusammen, die durch Licht gesteuert wird. „Das bedeutet aber auch, dass wir uns eigentlich fitter fühlen sollten, wenn die Tage wieder länger werden“, so Blume.
Im Sommer schlafen viele Menschen sogar weniger. Längere Abende und soziale Aktivitäten verkürzen die Nachtruhe. Trotzdem steigt die Erschöpfung nicht an. „Dann schlafen viele Menschen generell weniger“, sagt Blume. „Trotz weniger Schlaf nimmt die Erschöpfung nicht zu.“
Was bei Müdigkeit wirklich helfen kann
Auch wenn die Studie kein Frühjahrsphänomen bestätigt, bleibt Müdigkeit im Alltag real. Die Psychologin rät deshalb zu einfachen Maßnahmen:
- möglichst viel Tageslicht
- regelmäßige Bewegung
- ausreichend Schlaf
Diese Faktoren stabilisieren die innere Uhr und fördern die Erholung – unabhängig von der Jahreszeit.
Kurz zusammengefasst:
- Eine Studie mit 418 Erwachsenen über ein Jahr hinweg fand keine Unterschiede in Müdigkeit, Schlafqualität oder Tagesschläfrigkeit zwischen Frühling, Sommer, Herbst und Winter – Frühlingsmüdigkeit ließ sich statistisch nicht nachweisen.
- Obwohl 47 Prozent der Befragten angaben, unter Frühlingsmüdigkeit zu leiden, zeigten etablierte Messinstrumente wie die Fatigue Severity Scale oder die Epworth Sleepiness Scale keinen saisonalen Effekt und keinen Zusammenhang mit der Tageslänge.
- Die Forschenden vermuten daher, dass Frühlingsmüdigkeit eher ein kulturelles Etikett ist, das Wahrnehmung und Erwartungen beeinflusst, während einzelne Faktoren wie Heuschnupfen oder Zeitumstellung zwar eine Rolle spielen können, aber kein allgemeines Frühjahrs-Syndrom belegen.
Übrigens: Während viele bei Unruhe und Konzentrationsproblemen schnell an ADHS denken, zeigt eine große Hirnscan-Studie, dass Medikamente vor allem Wachheit und Belohnungssysteme aktivieren – nicht direkt die Aufmerksamkeit. Warum Schlafmangel dabei eine größere Rolle spielen könnte als gedacht, mehr dazu in unserem Artikel.
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