Darmkrebs unter 50: Neue Studie findet auffällige Unterschiede im Aufbau der Tumoren
Bei jüngeren Darmkrebspatienten sind bestimmte Gene aktiver. Auch die Zellzusammensetzung ihrer Tumoren unterscheidet sich.
Darmkrebs trifft zunehmend auch jüngere Menschen. Wissenschaftler haben nun auffällige Unterschiede in der Zellzusammensetzung und Genaktivität ihrer Tumoren entdeckt. (Symbolbild) © Pexels
Krebs beginnt mit Zellen, die sich der Kontrolle des Körpers entziehen. Sie teilen sich, verdrängen gesundes Gewebe und können schließlich in andere Organe eindringen. Doch wie gefährlich ein Tumor wird, hängt nicht allein von den Krebszellen ab. Auch ihre unmittelbare Umgebung beeinflusst, wie sie wachsen und sich ausbreiten.
Bei Darmkrebs unter 50 Jahren haben Wissenschaftler nun auffällige Unterschiede entdeckt: Bestimmte Tumoren jüngerer Patienten enthalten mehr Binde- und Stützzellen. Zugleich sind Gene aktiver, die mit der Beweglichkeit von Krebszellen zusammenhängen. Die Entdeckung liefert neue Hinweise darauf, weshalb Darmkrebs bei jungen Menschen teilweise einen ungünstigeren Verlauf nimmt.
Für ihre Untersuchung analysierten Wissenschaftler des Dana-Farber Cancer Institute und weiterer US-Forschungseinrichtungen 189 Darmtumoren und die Genaktivität von mehr als 850.000 Zellkernen. Ihre Ergebnisse veröffentlichten sie im Fachjournal Nature Medicine. Den auffälligen Unterschied in der Zellzusammensetzung bestätigten sie anhand von 1.276 weiteren Tumoren.
Darmkrebs bei jungen Menschen nimmt in den USA deutlich zu
In den USA steigt die Zahl der Darmkrebsdiagnosen bei Menschen unter 50 Jahren seit Jahrzehnten. Zwischen 2013 und 2022 nahm die Erkrankungsrate laut American Cancer Society jährlich um 2,9 Prozent zu. Bei den 18- bis 49-Jährigen ist Darmkrebs inzwischen die häufigste krebsbedingte Todesursache.
Hinzu kommt, dass jüngere Erkrankte ihre Diagnose häufiger erst in einem fortgeschrittenen Stadium erhalten. In der untersuchten Patientengruppe waren die statistischen Chancen für einen Tumor im Stadium IV bei unter 50-Jährigen etwa 2,5-mal so hoch wie bei älteren Patienten. Stadium IV bedeutet, dass sich bereits Metastasen in anderen Organen gebildet haben. Trotz häufig intensiverer Behandlungen erreichen jüngere Patienten laut früheren Untersuchungen keine signifikant besseren Überlebensraten.
Bei jüngeren Patienten verändert sich das Tumorgewebe
Die untersuchten Gewebeproben stammten von 54 Patienten unter 50 Jahren und 135 älteren Erkrankten. Das Alter reichte von 29 bis über 90 Jahre. Die Wissenschaftler verglichen die Genaktivität verschiedener Zelltypen und berücksichtigten dabei auch die Lage des Tumors, das Krankheitsstadium und bisherige Behandlungen.
Besonders auffällig waren sogenannte mikrosatellitenstabile Tumoren, die zu einer häufigen Form von Darmkrebs gehören. Bei ihnen nahm der Anteil bösartiger Zellen mit steigendem Patientenalter zu. Jüngere Erkrankte hatten dagegen vergleichsweise mehr Zellen des umgebenden Gewebes. Der Zusammenhang blieb auch nach Berücksichtigung wichtiger klinischer Unterschiede bestehen.
Mehr Stützgewebe könnte die Chemotherapie erschweren
Bei anderen Krebsarten steht ein hoher Anteil an Stützgewebe bereits mit einer geringeren Wirksamkeit von Chemotherapien in Verbindung. Solche Zellen können das Wachstum und Verhalten eines Tumors beeinflussen. Ob sie auch bei jüngeren Darmkrebspatienten die Behandlung erschweren, ist bislang nicht geklärt.
Wie ausgeprägt sich die Zellzusammensetzung mit dem Alter verändert, belegen weitere Untersuchungen. In einem zusätzlichen Datensatz mit 712 Tumoren hatten unter 50-Jährige gegenüber mindestens 70-Jährigen eine 2,7-fach erhöhte statistische Chance, zur Gruppe mit besonders hohem Verhältnis von Stützgewebe zu Tumorzellen zu gehören. Ein zweiter Datensatz mit 564 Tumoren bestätigte ebenfalls den Zusammenhang zwischen Patientenalter und Zellzusammensetzung.
Bei jungen Patienten sind 215 Gene stärker aktiv
Neben den Gewebeunterschieden entdeckten die Wissenschaftler altersabhängige Veränderungen in der Genaktivität. Dabei fielen insbesondere drei Ergebnisse auf:
- 215 Gene zeigten in untersuchten Krebszelltypen bei jüngeren Patienten eine höhere Aktivität. Bei 44 Genen war die Aktivität im höheren Alter stärker.
- 30 bis 45 Prozent der bei jüngeren Patienten stärker aktiven Gene gehörten in bestimmten Krebszelltypen zu den sogenannten langen nicht-codierenden RNAs. Diese Moleküle können die Aktivität anderer Gene regulieren.
- 19 Unterschiede in der Genaktivität ließen sich auch in einem unabhängigen Datensatz nachweisen. Darunter befand sich das Gen FN1, das mit Veränderungen der Beweglichkeit von Zellen zusammenhängt.
Viele der auffälligen RNA-Moleküle sind bislang kaum erforscht. Auch beim Gen FN1 bleibt offen, welche Folgen seine erhöhte Aktivität für den Krankheitsverlauf hat. In den untersuchten Tumoren aus dem linken Darmabschnitt fanden die Wissenschaftler allerdings weitere Hinweise auf veränderte Signalwege zwischen den Zellen.
Veränderte Zellkommunikation könnte Krebszellen beweglicher machen
Bei diesen Signalwegen geht es unter anderem um einen biologischen Vorgang, bei dem Zellen ihre ursprünglichen Eigenschaften verändern. Dadurch können sie beweglicher werden und leichter in umliegendes Gewebe eindringen. Bei jüngeren Patienten fanden die Forscher Hinweise auf eine verstärkte Aktivität solcher Prozesse. Das bedeutet allerdings nicht, dass sich ihre Tumoren nachweislich schneller ausbreiten.
Andere Eigenschaften unterschieden sich zwischen den Altersgruppen kaum. Grundlegende genetische Muster blieben weitgehend ähnlich. Auch eine eindeutig höhere Belastung durch bestimmte Chromosomenveränderungen ließ sich bei jüngeren Patienten mit mikrosatellitenstabilen Tumoren nicht nachweisen.
Darmbakterien und Ernährung geraten stärker ins Blickfeld
„Wir stehen noch am Anfang unseres Verständnisses davon, was diese Unterschiede bedeuten“, erklärt die Immunologin Ana C. Anderson in der Mitteilung des Dana-Farber Cancer Institute. Weitere Untersuchungen sollen klären, welche biologischen Mechanismen hinter den Veränderungen stehen und wie sie den Krankheitsverlauf beeinflussen.
Dabei interessieren sich die Wissenschaftler auch für chemische Stoffe aus der Nahrung und dem Stoffwechsel von Darmbakterien. Sie könnten mit den veränderten Zellprogrammen zusammenhängen. Ob sich daraus neue Möglichkeiten zur Vorbeugung oder Behandlung von Darmkrebs bei jüngeren Menschen ergeben, müssen weitere Untersuchungen klären.
Kurz zusammengefasst:
- Ein Tumor ist mehr als eine Ansammlung von Krebszellen: Bei jüngeren Darmkrebspatienten enthält er häufig mehr Binde- und Stützzellen als bei älteren Erkrankten.
- Auch die Gene verraten Unterschiede: Bei jüngeren Patienten sind bestimmte Gene aktiver, die mit der Beweglichkeit und möglichen Ausbreitung von Krebszellen zusammenhängen.
- Die Ursachen aggressiver Krankheitsverläufe werden verständlicher: Die entdeckten Unterschiede liefern neue Hinweise, doch ihr Einfluss auf Krebswachstum und Behandlung ist noch nicht bewiesen.
Übrigens: Auch in Deutschland erkranken zunehmend jüngere Menschen an Darmkrebs. Eine Auswertung von mehr als 28.000 Fällen zeigt: Besonders bei den 20- bis 39-Jährigen steigen die Erkrankungsraten. Mehr dazu in unserem Artikel.
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