Tabakerhitzer: Schon nach zehn Minuten finden deutsche Forscher DNA-Schäden – auch Blutgefäße sind betroffen
Nach zwei Tabaksticks stiegen bei Rauchern der Blutdruck und die Belastung der Blutgefäße. Auch an Blutzellen fanden Forscher DNA-Schäden.
Schon wenige Minuten mit einem Tabakerhitzer können messbare Folgen haben: Mainzer Forscher fanden nach dem Konsum DNA-Schäden in Blutzellen und eine beeinträchtigte Gefäßfunktion. © Unsplash
Zwei Tabaksticks reichen aus, um Blutgefäße zu beeinträchtigen und messbare DNA-Schäden in Blutzellen zu hinterlassen. Das haben deutsche Wissenschaftler nach nur wenigen Minuten Konsum festgestellt. Untersucht wurden sogenannte Tabakerhitzer: elektronische Geräte, die echten Tabak erhitzen, statt ihn wie eine Zigarette zu verbrennen. Sie gelten häufig als weniger schädliche Alternative zum Rauchen. Doch schon nach zwei Sticks stieg bei den Teilnehmern der Blutdruck. Gleichzeitig verloren ihre Blutgefäße einen Teil der Fähigkeit, sich bei erhöhtem Blutfluss zu weiten und die Durchblutung zu regulieren.
Die Ergebnisse stammen von einem Forschungsteam der Universitätsmedizin Mainz um Lea Strohm. Die Wissenschaftler untersuchten 30 erwachsene Raucher vor und nach dem Konsum mit einem Tabakerhitzer. Die im European Journal of Preventive Cardiology veröffentlichte Studie dokumentiert unmittelbare Veränderungen an Gefäßen, Blutwerten und Blutzellen. Die DNA-Analysen umfassten allerdings nur sechs Teilnehmer. Ob die beobachteten Veränderungen dauerhaft bestehen bleiben, ist noch ungeklärt.
Tabakerhitzer verursachen schon nach kurzer Zeit DNA-Schäden
Für das Experiment nutzten die 30 Teilnehmer ein IQOS-Gerät. Unter Aufsicht nahmen sie innerhalb von acht bis zwölf Minuten insgesamt 24 bis 30 Züge. Die Probanden waren durchschnittlich 34,5 Jahre alt und konsumierten bereits regelmäßig Nikotinprodukte. Vor und unmittelbar nach dem Versuch entnahmen die Wissenschaftler Blutproben und kontrollierten verschiedene Körperfunktionen.
Für die DNA-Untersuchung analysierte das Forschungsteam rund 5900 Blutzellen von sechs Teilnehmern. Ein spezielles Laborverfahren machte Brüche in den DNA-Strängen sichtbar. Nach dem Konsum waren solche Schäden statistisch signifikant häufiger nachweisbar. Ob der Körper sie anschließend reparierte, blieb offen.
Blutgefäße reagieren unmittelbar auf erhitzten Tabak
Bei 28 Teilnehmern prüften die Wissenschaftler mit Ultraschall die Funktion einer Arterie im Oberarm. Normalerweise erweitert sie sich bei erhöhtem Blutfluss. Nach dem Tabakkonsum fiel diese Reaktion messbar schwächer aus.
Eine eingeschränkte Gefäßfunktion gilt als früher Risikomarker für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Besonders die Gefäßinnenwand ist für die Regulierung der Durchblutung verantwortlich. Bleibt ihre Funktion dauerhaft beeinträchtigt, kann dies die Entstehung von Arteriosklerose begünstigen. Dabei bilden sich Ablagerungen in den Arterien, die den Blutfluss behindern.
Sauerstoffsättigung sinkt von 71 auf 46 Prozent
Bei 24 Teilnehmern untersuchte das Mainzer Team zusätzlich Blutdruck und Blutgaswerte. Neben dem bereits festgestellten Anstieg des oberen Blutdruckwerts registrierten die Wissenschaftler weitere Veränderungen:
- Sauerstoffsättigung: Im venösen Blut sank sie von durchschnittlich 71 auf 46 Prozent.
- Kohlendioxid: Der Kohlendioxidpartialdruck im venösen Blut stieg signifikant an.
- Blutzucker: Der Glukosewert nahm zu, während die Laktatkonzentration sank.
- Roter Blutfarbstoff: Der Anteil an Methämoglobin erhöhte sich. Diese veränderte Form des Hämoglobins kann keinen Sauerstoff transportieren.
Die gemessene Sauerstoffsättigung stammt aus venösem Blut. Sie ist nicht mit dem Wert vergleichbar, den ein Pulsoximeter am Finger ermittelt. Die Veränderungen deuten nach Einschätzung der Wissenschaftler auf eine gestörte Sauerstoffversorgung und veränderte Stoffwechselprozesse hin.
Nikotin kann Blutgefäße verengen
Als mögliche Auslöser gelten Nikotin und weitere Schadstoffe im eingeatmeten Aerosol. Nikotin aktiviert das sympathische Nervensystem. Dadurch können sich Blutgefäße verengen und der Blutdruck steigen. Hinzu kommen ultrafeine Partikel und chemische Verbindungen, die beim Erhitzen des Tabaks entstehen.
Welchen Anteil die einzelnen Stoffe an den gemessenen Veränderungen hatten, ließ sich nicht bestimmen. Anders als herkömmliche Zigaretten erzeugen Tabakerhitzer zwar weniger bestimmte Verbrennungsprodukte. Daraus lässt sich jedoch nicht automatisch eine geringere Belastung für Herz und Blutgefäße ableiten.
Mainzer Studie stellt Sicherheitsversprechen infrage
„Unsere Ergebnisse zeigen, dass eine akute Exposition ausreichte, um bei ansonsten gesunden Rauchenden Gefäßfunktionsstörungen, Stoffwechselstörungen und genetische Schäden auszulösen“, erklärt Studienleiterin Strohm in der Pressemitteilung der Universitätsmedizin Mainz.
Die Aussagekraft der Untersuchung hat allerdings Grenzen. Alle Teilnehmer konsumierten bereits Nikotinprodukte. Eine Kontrollgruppe ohne Tabakkonsum fehlte ebenso wie ein direkter Vergleich mit herkömmlichen Zigaretten. Zudem untersuchten die Wissenschaftler die DNA-Schäden lediglich bei sechs Personen. Ob die festgestellten Veränderungen dauerhaft bestehen bleiben oder langfristig das Erkrankungsrisiko erhöhen, ist nicht geklärt.
Mainzer Kardiologe fordert strengere Regeln
Mitautor Thomas Münzel, Seniorprofessor am Zentrum für Kardiologie der Universitätsmedizin Mainz, warnt vor einer Unterschätzung der Gesundheitsrisiken. „Kein nikotinhaltiges Produkt, egal ob geraucht, erhitzt, verdampft oder resorbiert, kann als sicher für das Herz und die Blutgefäße angesehen werden“, erklärt der Kardiologe.
Münzel fordert einheitliche Regeln für sämtliche Nikotinprodukte. Dazu gehören Beschränkungen für Aromastoffe, Werbeverbote und Rauchverbote. Die derzeitigen Vorschriften unterscheiden sich je nach Produktart.
Kurz zusammengefasst:
- DNA-Schäden: Bereits nach zwei Tabaksticks fanden Mainzer Wissenschaftler vermehrte DNA-Schäden in Blutzellen, die sie bei sechs Studienteilnehmern untersuchten.
- Herz-Kreislauf-System: Bei den Rauchern stieg der Blutdruck, die Gefäßfunktion verschlechterte sich und die Sauerstoffsättigung im venösen Blut sank deutlich.
- Gesundheitsrisiken: Tabakerhitzer sind nicht harmlos, auch wenn sie Tabak nur erhitzen statt verbrennen; ob die gemessenen Veränderungen dauerhafte Schäden verursachen, ist noch ungeklärt.
Übrigens: Nikotin steht auch mit psychischen Beschwerden bei Jugendlichen in Verbindung. In einer schwedischen Untersuchung berichteten fast 80 Prozent der nikotinkonsumierenden Mädchen über klinisch relevante Angstsymptome. Ob Nikotin diese Beschwerden verursacht, lässt sich daraus allerdings nicht ableiten. Mehr dazu in unserem Artikel.
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