Deutschland fehlen Ingenieure – trotzdem erreicht ihre Arbeitslosigkeit einen Rekord
65.427 Ingenieur- und IT-Fachkräfte sind arbeitslos – ein Rekord seit 2011. Gleichzeitig melden Unternehmen 105.340 offene Stellen.
In der Industrie verändern sich die Anforderungen an Ingenieure. Berufserfahrung allein reicht bei der Suche nach einer neuen Stelle nicht immer aus. © Unsplash
Deutschland hat ein Problem, das auf den ersten Blick kaum zusammenpasst: Unternehmen suchen händeringend Ingenieure und IT-Fachkräfte, während die Arbeitslosigkeit in diesen Berufen steigt. Im dritten Quartal 2026 standen bundesweit 105.340 offene Stellen insgesamt 65.427 Arbeitslosen gegenüber. Das ist der höchste Arbeitslosenstand seit Beginn der Erhebung im Jahr 2011.
Besonders in der technischen Forschung und Produktionssteuerung gehen Arbeitsplätze verloren. Im Bauwesen sowie in der Energie- und Elektrotechnik suchen Unternehmen dagegen weiterhin dringend Fachkräfte. Das Problem: Die Qualifikationen der Arbeitslosen passen häufig nicht zu den Anforderungen der offenen Stellen. So können Fachkräftemangel und steigende Arbeitslosigkeit nebeneinander bestehen.
Arbeitslosigkeit bei Ingenieuren steigt um 13,7 Prozent
Die Zahlen stammen aus dem neuen Ingenieurmonitor des Vereins Deutscher Ingenieure (VDI) und des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW). Binnen eines Jahres stieg die Arbeitslosigkeit in Ingenieur- und Informatikberufen um 13,7 Prozent. Gleichzeitig wuchs die Zahl offener Stellen um 5,9 Prozent – erstmals nach drei Jahren Rückgang.
Dahinter steht ein Arbeitsmarkt, der sich je nach Branche unterschiedlich entwickelt. Besonders deutlich wird das im Bauingenieurwesen: Hier kommen rechnerisch 318 offene Stellen auf 100 Arbeitslose. Allerdings können Ingenieure aus anderen Bereichen diese Stellen nicht ohne Weiteres besetzen. Wer beispielsweise bisher in der Fahrzeugtechnik gearbeitet hat, bringt nicht automatisch die erforderlichen Kenntnisse für das Bauingenieurwesen mit.
Süden besonders von Arbeitslosigkeit betroffen
Besonders hart trifft der Beschäftigungsrückgang die süddeutschen Industrieregionen. In Baden-Württemberg stieg die Arbeitslosigkeit in Ingenieur- und Informatikberufen binnen eines Jahres um 20,6 Prozent, in Bayern um 16,8 Prozent. Nordrhein-Westfalen verzeichnete mit 12.895 Betroffenen die meisten Arbeitslosen. Allerdings wächst ihre Zahl inzwischen langsamer: Von Januar bis September 2026 betrug der Anstieg 2,3 Prozent, im Vorjahreszeitraum waren es 10,8 Prozent.
Auch bei den offenen Stellen unterscheiden sich die technischen Berufe erheblich. Während Unternehmen wieder mehr Informatiker suchen, sinkt die Nachfrage in anderen Bereichen. Besonders deutlich fällt der Rückgang in den sonstigen Ingenieurberufen mit 17,5 Prozent aus. In der Kunststoffherstellung und chemischen Industrie beträgt das Minus 12,4 Prozent.
Bauingenieure bleiben trotz Krise besonders gefragt
Im Bauwesen hält sich der Fachkräftemangel besonders hartnäckig. Im dritten Quartal 2026 waren bundesweit 36.310 Stellen für Bauingenieure offen. Das entspricht mehr als einem Drittel aller offenen Stellen in den untersuchten Berufen. Öffentliche Investitionen sorgen laut VDI für zusätzliche Nachfrage. Die Arbeitslosigkeit stieg in diesem Bereich lediglich um drei Prozent.
Auch in der Energie- und Elektrotechnik fehlen Beschäftigte. Besonders angespannt ist die Personalsituation in folgenden Bereichen:
- Bauingenieurwesen: 318 offene Stellen je 100 Arbeitslose.
- Energie- und Elektrotechnik: 238 offene Stellen je 100 Arbeitslose.
- Maschinen- und Fahrzeugtechnik: 174 offene Stellen je 100 Arbeitslose.
- Informatikberufe: 117 offene Stellen je 100 Arbeitslose.
Bayern sucht die meisten Ingenieure und IT-Fachkräfte
Regional führt Bayern mit 18.600 offenen Stellen, gefolgt von Nordrhein-Westfalen mit 18.320 und Baden-Württemberg mit 14.030. Besonders kräftig wächst die Nachfrage jedoch im Norden Deutschlands. Dort stieg die Zahl der offenen Stellen um 22,4 Prozent. Sachsen verzeichnete ein Plus von 14,1 Prozent, Berlin und Brandenburg kamen auf 12,5 Prozent.
Bei den Fachkräfteengpässen liegen dagegen andere Regionen vorn. In Sachsen-Anhalt und Thüringen kommen rechnerisch 249 offene Stellen auf 100 Arbeitslose, in Sachsen sind es 219. Bundesweit sank dieser Wert innerhalb eines Jahres von 173 auf 161. Die Nachfrage übersteigt damit weiterhin das verfügbare Angebot an arbeitslos gemeldeten Fachkräften, auch wenn die Engpässe insgesamt kleiner geworden sind.
315.000 Fachkräfte verlassen in zehn Jahren den Arbeitsmarkt
In den kommenden zehn Jahren werden nach Berechnungen des VDI rund 315.000 Ingenieur- und IT-Fachkräfte altersbedingt aus dem Berufsleben ausscheiden. Für Unternehmen entsteht dadurch zusätzlicher Ersatzbedarf. Gleichzeitig verändern neue Technologien die Anforderungen an viele technische Berufe.
„Die steigende Zahl offener Stellen ist ein erstes positives Signal für den Ingenieur- und Informatikarbeitsmarkt, auch wenn von einer echten Trendwende noch keine Rede sein kann“, erklärt VDI-Direktor Adrian Willig. Er fordert schnellere Innovationen und eine bessere Qualifizierung für neue Tätigkeiten. Besonders Beschäftigte aus schrumpfenden Bereichen sollen dadurch neue berufliche Möglichkeiten erhalten.
Weiterbildung soll den Fachkräftemangel verringern
Knapp zwei Drittel der Befragten einer VDI-Untersuchung sehen in ihrer Branche einen hohen oder sehr hohen Bedarf an beruflicher Neuqualifizierung. Beim sogenannten Re-Skilling erwerben Beschäftigte Kenntnisse für andere Tätigkeiten. Das kann beispielsweise den Wechsel zwischen technischen Fachgebieten erleichtern.
Zusätzlich setzt der VDI darauf, mehr Frauen für technische Berufe zu gewinnen. Bislang ist nur etwa jeder fünfte Beschäftigte in einem Ingenieurberuf eine Frau. Laut einer gemeinsamen Untersuchung des VDI und des Instituts der deutschen Wirtschaft lag der Frauenanteil Mitte 2025 bei 20,6 Prozent. Ende 2012 waren es noch 15,1 Prozent. Die Forscher berechneten zudem, dass eine stärkere Beteiligung von Frauen in Ingenieur- und Informatikberufen bis 2035 eine zusätzliche jährliche Wertschöpfung von rund sieben Milliarden Euro ermöglichen könnte.
Unabhängig davon ist die Gesamtzahl der Beschäftigten in Ingenieur- und Informatikberufen in den vergangenen Jahren deutlich gewachsen. Ende 2025 arbeiteten rund 1,54 Millionen Menschen sozialversicherungspflichtig in diesen Berufen. Das entspricht einem Anstieg von 59 Prozent gegenüber 2012. Trotz dieses Beschäftigungswachstums suchen Unternehmen weiterhin qualifiziertes Personal. Der VDI sieht deshalb auch in der Zuwanderung internationaler Fachkräfte eine Möglichkeit, den Personalmangel zu verringern.
Kurz zusammengefasst:
- Arbeitslosigkeit auf Rekordniveau: Im dritten Quartal 2026 waren 65.427 Ingenieur- und IT-Fachkräfte arbeitslos – der höchste Wert seit Beginn der Erhebung 2011.
- Fachkräftemangel bleibt bestehen: Gleichzeitig gab es 105.340 offene Stellen, besonders groß war der Bedarf im Bauingenieurwesen sowie in der Energie- und Elektrotechnik.
- Weiterbildung gewinnt an Bedeutung: In den kommenden zehn Jahren scheiden voraussichtlich 315.000 Ingenieur- und IT-Fachkräfte altersbedingt aus, während neue Technologien andere Qualifikationen erfordern.
Übrigens: Ein neuer Arbeitsplatz kann sich auch finanziell auszahlen – besonders bei einem Umzug in eine andere Region. Wer für den Beruf 200 bis 400 Kilometer umzog, verdiente laut einer Untersuchung im Durchschnitt 947 Euro brutto mehr im Monat. Mehr dazu in unserem Artikel.
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