30.000 Jahre alte DNA einer Frau entdeckt – Höhle war möglicherweise Treffpunkt für Eiszeitmenschen aus Ost und West
Die Höhle von Isturitz könnte Eiszeitmenschen als Treffpunkt gedient haben. Archäologische Funde deuten auf gemeinsame Jagden und Austausch hin.
In der Höhle von Isturitz fanden Archäologen den rund 30.000 Jahre alten Knochen einer Frau. Ihre DNA liefert Hinweise auf genetische Verbindungen zwischen Eiszeitmenschen aus Ost- und Westeuropa. © Severine Dabadie
Vor rund 30.000 Jahren könnte eine Höhle im heutigen Südwesten Frankreichs ein Treffpunkt für Menschen aus verschiedenen Teilen Europas gewesen sein. Dort kamen möglicherweise Gruppen zusammen, die weite Strecken zurückgelegt hatten, um gemeinsam zu jagen, Gegenstände auszutauschen oder Partner zu finden. Den entscheidenden Hinweis liefert die DNA einer Frau, die damals in dieser Region lebte. Ihr Erbgut enthält genetische Spuren, die auf Verbindungen zwischen West- und Osteuropa hinweisen.
Ein internationales Forschungsteam unter Leitung der Universität Wien untersuchte menschliche Überreste aus Frankreich, Spanien und Italien. Wie die Wissenschaftler im Fachjournal Science Advances berichten, könnte es bereits vor rund 32.000 Jahren zu einem genetischen Austausch zwischen östlichen und westlichen Bevölkerungsgruppen gekommen sein. Besonders die Höhle von Isturitz am Rand der Pyrenäen liefert Hinweise darauf, wie weitreichend die Kontakte der Eiszeitmenschen möglicherweise waren.
Eiszeitmenschen nutzten Höhle möglicherweise als Treffpunkt
Die Höhle von Isturitz liegt an einem natürlichen Übergang zwischen dem europäischen Festland und der Iberischen Halbinsel. Über Jahrtausende hinterließen Menschen dort Werkzeuge, Kunstgegenstände und Spuren ihrer Aufenthalte. Archäologen entdeckten zahlreiche verzierte Objekte, die Ähnlichkeiten mit Funden aus anderen Regionen Europas aufweisen. Isturitz gilt deshalb schon länger als möglicher überregionaler Versammlungsort.
Solche Treffpunkte boten Eiszeitmenschen verschiedene Möglichkeiten:
- Gemeinsame Jagden: Mehrere Gruppen konnten sich bei der Beschaffung von Nahrung zusammenschließen.
- Austausch von Gegenständen: Menschen aus verschiedenen Regionen konnten Werkzeuge, Schmuck und andere Gegenstände miteinander tauschen.
- Soziale Kontakte: Begegnungen ermöglichten den Austausch von Informationen und die Partnersuche.
30.000 Jahre alte DNA verbindet Ost- und Westeuropa
Aus einem menschlichen Knochen, den Archäologen bereits bei früheren Ausgrabungen entdeckt hatten, gewannen die Wissenschaftler genetische Informationen an 454.258 Stellen des Erbguts. Der Knochen gehörte einer Frau, die vor ungefähr 30.000 Jahren lebte. Ihre DNA bildet den bislang ältesten genomweiten Datensatz eines modernen Menschen aus Südwesteuropa.
Die Frau gehörte zur sogenannten Gravettien-Kultur, die vor etwa 34.000 bis 25.000 Jahren in weiten Teilen Europas verbreitet war. Genetisch unterschieden sich die westlichen und östlichen Bevölkerungsgruppen deutlich. Im Erbgut der Frau aus Isturitz fanden sich jedoch Merkmale beider Abstammungslinien. Vergleichbare Hinweise entdeckten die Wissenschaftler bei einem bereits früher untersuchten Menschen aus Ormesson in Nordfrankreich.
Genetischer Austausch begann möglicherweise vor 32.000 Jahren
Statistische Berechnungen datieren die mögliche genetische Vermischung auf die Zeit vor 32.450 bis 31.600 Jahren. Damit könnte es bereits rund 2.000 Jahre vor der Geburt der Frau zu genetischem Austausch zwischen Menschen aus Ost- und Westeuropa gekommen sein.
„Unsere Ergebnisse zeigen, dass osteuropäische und westeuropäische Populationen genetisch nicht so isoliert waren, wie bisher angenommen“, erklärt Erstautor Pere Gelabert vom Institut für Evolutionsanthropologie der Universität Wien.
Allerdings lässt sich nicht nachweisen, dass Menschen aus Osteuropa tatsächlich bis nach Isturitz wanderten. Die genetischen Gemeinsamkeiten könnten teilweise auch von älteren Bevölkerungsgruppen stammen, die bereits zuvor in Westeuropa lebten. Ebenso bleibt offen, ob die Frau oder ihre Vorfahren die Höhle als Treffpunkt nutzten.
Menschliche DNA überdauerte 22.000 Jahre im Höhlenboden
In der El-Mirón-Höhle in Nordspanien gewannen die Wissenschaftler aus einer rund 22.000 Jahre alten Bodenschicht 14.737 verwertbare genetische Marker. Menschliche Knochen oder Zähne lagen dort nicht vor. Die DNA gehörte zu einer westeuropäischen Abstammungslinie, deren Spuren sich in der Region über Jahrtausende verfolgen lassen.
Die genetischen Daten aus den verschiedenen Fundorten liefern drei Erkenntnisse über das damalige Europa:
- Kontakte über große Entfernungen: Menschen aus Ost- und Westeuropa teilten bereits vor mehr als 30.000 Jahren genetische Merkmale.
- Beständige Bevölkerung: Eine westeuropäische Abstammungslinie blieb über viele Jahrtausende in Südwesteuropa erhalten.
- Rückzugsgebiet während der Eiszeit: Die Iberische Halbinsel bot Menschen möglicherweise Schutz während besonders kalter Klimaphasen.
In Italien entdecken Wissenschaftler eine Mutter-Sohn-Verbindung
In der Höhle von Ostuni in Süditalien untersuchten die Wissenschaftler die rund 27.800 Jahre alten Überreste eines ungeborenen Jungen. Genetische Analysen ergaben, dass er höchstwahrscheinlich der Sohn einer Frau war, deren Skelett bereits früher untersucht worden war. Beide gehörten zu einer Abstammungsgruppe, die auch aus Mitteleuropa bekannt ist.
Der Vater stammte wahrscheinlich aus derselben genetischen Population wie die Mutter. Dennoch fanden die Wissenschaftler keine Hinweise auf eine enge Verwandtschaft der Eltern. Daraus lässt sich allerdings nicht ableiten, dass Eiszeitmenschen bewusst bestimmte Regeln bei der Partnerwahl befolgten.
Genanalysen liefern überraschende Hinweise auf das Aussehen
Die Wissenschaftler untersuchten außerdem genetische Varianten, die mit Haut-, Haar- und Augenfarbe zusammenhängen. Ihre Berechnungen deuten bei den Menschen aus Isturitz, Chufín und Ostuni auf dunkle Haut, dunkle Haare und braune Augen hin. Die Angaben beruhen auf genetischen Vorhersagemodellen und erlauben keine sichere Rekonstruktion des individuellen Aussehens.
Kurz zusammengefasst:
- Genetische Verbindungen: Die 30.000 Jahre alte DNA einer Frau aus Frankreich enthält Hinweise auf einen genetischen Austausch zwischen Menschen aus Ost- und Westeuropa.
- Möglicher Treffpunkt: Die Höhle von Isturitz könnte Eiszeitmenschen aus verschiedenen Regionen als Treffpunkt für gemeinsame Jagden, den Austausch von Gegenständen und die Partnersuche gedient haben.
- Überleben während der Eiszeit: Menschliche DNA aus 22.000 Jahre alten Höhlensedimenten belegt, dass eine westeuropäische Abstammungslinie in Südwesteuropa über Jahrtausende fortbestand.
Übrigens: Eine andere Höhle in den Pyrenäen birgt ein ähnliches Rätsel: In 2235 Metern Höhe entdeckten Archäologen Kinderknochen, Feuerstellen und Spuren früher Kupferverarbeitung. Menschen nutzten den abgelegenen Ort über Jahrtausende immer wieder. Mehr dazu in unserem Artikel.
Bild: © Severine Dabadie
