Stasi-Spionage steigerte DDR-Wirtschaftsleistung um geschätzt 7,4 Prozent

Stasi-Wirtschaftsspionage stärkte laut Modell die DDR-Industrie erheblich. Auch Zulieferer und Abnehmer profitierten.

Mikrocomputer wie dieser stehen für den technologischen Wettlauf der 1970er- und 1980er-Jahre. Die Stasi beschaffte dafür auch technisches Wissen aus dem Westen.

Mikrocomputer wie dieser stehen für den technologischen Wettlauf der 1970er- und 1980er-Jahre. Die Stasi beschaffte dafür auch technisches Wissen aus dem Westen. © Pexels

Die DDR hatte ein Problem: Im Westen entstanden Computerchips, Maschinen und neue Verfahren, an die sie wegen Embargos und technologischer Rückstände nur schwer herankam. Also beschaffte die Stasi das Wissen auf einem anderen Weg. Fast 190.000 wissenschaftliche und technische Informationen landeten zwischen 1968 und 1989 in ihrer Datenbank – viele davon aus Westdeutschland.

Wie viel dieses beschaffte Wissen der DDR tatsächlich brachte, lässt sich nun erstmals auf Ebene einzelner Unternehmen abschätzen. Die Ökonomen Albrecht Glitz, Adrian Lerche und Lukas Mergele verknüpften Stasi-Unterlagen mit Wirtschaftsdaten großer DDR-Kombinate. Ihre Modellrechnung kommt auf eine erstaunliche Größenordnung: Die Stasi-Wirtschaftsspionage könnte das DDR-Bruttoinlandsprodukt 1988 um rund 7,4 Prozent erhöht haben. In der untersuchten Industrie lag die geschätzte zusätzliche Wertschöpfung einschließlich der Effekte auf Zulieferer und Abnehmer sogar bei 22,3Prozent.

Die Berechnung stammt aus einem neuen Discussion Paper des Forschungsinstituts RFBerlin und ist noch nicht von Fachkollegen begutachtet. Die 7,4 Prozent wurden zudem nicht direkt gemessen. Die Forscher berechneten, wie sich die DDR-Industrie ohne die zwischen 1976 und 1985 beschafften wertvollen Spionageinformationen entwickelt hätte.

Stasi-Wirtschaftsspionage erreicht 144 große DDR-Kombinate

Die Daten erlauben einen ungewöhnlich detaillierten Blick auf die Stasi-Wirtschaftsspionage. Zu vielen Informationen hielten die Mitarbeiter fest, wann sie eingingen, von welcher Quelle sie stammten und an welche DDR-Betriebe sie weitergegeben wurden. Hinzu kam eine Bewertung des Materials auf einer Skala von eins bis fünf.

Für die wirtschaftliche Auswertung ließen sich die Geheimdienstdaten mit 144 großen Spionage-Kombinaten verbinden. Die ursprünglich erfassten 145 Kombinate erwirtschafteten 1985 zusammen 42,3 Prozent des DDR-Nationaleinkommens. Ein Unternehmen entfiel aus der Analyse, weil dafür keine passenden Patentdaten vorlagen.

Nur jede vierte Information galt als wertvoll

Viel Material bedeutete allerdings nicht automatisch großen wirtschaftlichen Nutzen. Nur 25,9 Prozent der bewerteten Informationen erhielten von der Stasi eine Einstufung als „wertvoll“ oder „sehr wertvoll“. Auf diese Informationen konzentrieren sich die wichtigsten Berechnungen.

Im Durchschnitt kamen pro Kombinat und Jahr 20,3 wertvolle Informationen an. Unternehmen mit einem stärkeren Zufluss entwickelten sich anschließend bei mehreren wirtschaftlichen Kennzahlen günstiger. Ein Anstieg der Informationsrate um einen Prozentpunkt ging in der bevorzugten Berechnung mit rund 0,9 Log-Punkten höherem jährlichen Wachstum der Arbeitsproduktivität einher.

Besonders auffällig waren drei Veränderungen:

  • Produktion und Arbeitsproduktivität nahmen stärker zu.
  • Die Kombinate investierten mehr Kapital je Beschäftigten und verwendeten mehr Vorprodukte.
  • Die Zahl und Zusammensetzung der Beschäftigten veränderten sich dagegen nicht statistisch belastbar.

Eine Spionageinformation entsprach rechnerisch vier Patenten

Wie wertvoll das Material sein konnte, macht der Vergleich mit eigenen Erfindungen greifbarer. Eine als wertvoll eingestufte Spionageinformation hatte rechnerisch einen ähnlich starken Zusammenhang mit dem Produktionswachstum wie etwa vier eigene Patentanmeldungen.

Zugleich gibt es Anzeichen dafür, dass Wissen aus dem Westen eigene Entwicklungen teilweise verdrängte. Kombinate mit mehr Spionageinformationen meldeten später tendenziell weniger Patente an. Dieser Zusammenhang war jedoch statistisch nicht signifikant. Ein belastbarer Nachweis, dass die Stasi-Spionage eigene Innovationen ersetzte, ergibt sich daraus nicht.

Im Westen bringt das Wissen keinen messbaren Exportvorteil

Mehr Produktivität machte die DDR-Betriebe auch zu stärkeren Exporteuren – allerdings vor allem innerhalb des sozialistischen Wirtschaftsraums. Besonders die Ausfuhren in die Sowjetunion nahmen zu. Einen vergleichbaren Effekt auf die Exporte in westliche Länder fanden die Autoren nicht.

Auch die Produktion veränderte sich. Die Kombinate verbreiterten ihr Sortiment nicht einfach um immer neue Produkte. Stattdessen konzentrierten sie sich stärker auf bestehende Kernprodukte und verbesserten deren Qualität.

Die wirtschaftlichen Folgen lassen sich damit grob in drei Ebenen unterteilen:

  • direkt: Betriebe nutzten die erhaltenen technischen Informationen selbst,
  • indirekt: Zulieferer profitierten von steigender Nachfrage und Abnehmer von produktiveren Lieferanten,
  • langfristig: Ein Teil der Vorteile blieb bis in die Zeit nach der Wiedervereinigung erkennbar.

Zulieferer und Abnehmer vervielfachen den Effekt

Gerade die zweite Ebene erklärt einen großen Teil der hohen Schätzung. Ein produktiveres Kombinat brauchte beispielsweise mehr Vorprodukte. Davon profitierten seine Lieferanten. Umgekehrt konnten bessere oder günstigere Vorprodukte wiederum die Leistung anderer Betriebe erhöhen.

Werden nur die direkt bei den Kombinaten angekommenen Informationen berücksichtigt, ergibt sich für 1988 eine geschätzte zusätzliche industrielle Wertschöpfung von 3,2 Prozent. Unter Einbeziehung dieser Verbindungen zwischen den Unternehmen steigt der berechnete Effekt auf 22,3 Prozent. Das entspricht rund 20,2 Milliarden DDR-Mark.

Eine wertvolle Information bringt rechnerisch 330.000 Euro

Auch der Wert einer einzelnen Information lässt sich aus der Modellrechnung ableiten. Die Autoren kommen auf einen jährlichen wirtschaftlichen Ertrag von rund 330.000 Euro je wertvoller Information, umgerechnet auf das Preisniveau von 2020.

Dafür setzen sie die geschätzten 20,216 Milliarden DDR-Mark zusätzlicher industrieller Wertschöpfung ins Verhältnis zu 12.291 wertvollen Informationen, die zwischen 1976 und 1985 bei den untersuchten Betrieben ankamen. Zuvor rechnen sie die DDR-Mark über den damaligen inoffiziellen Wechselkurs in D-Mark und anschließend in Euro um.

Carl Zeiss Jena erhält zuletzt 458 Informationen im Jahr

Wie unterschiedlich die Kombinate versorgt wurden, lässt sich an Carl Zeiss Jena ablesen. 1970 erhielt das Unternehmen vier hochwertige Informationen. 1988 waren es 458. Parallel stieg die Arbeitsproduktivität von 10.760 DDR-Mark je Beschäftigten im Jahr 1975 auf 38.800 Mark im Jahr 1988 – fast auf das Vierfache.

Auch beim Kombinat Mikroelektronik kamen vor allem Anfang der 1980er-Jahre große Mengen an Informationen an. Das Unternehmen produzierte elektronische Bauteile und kopierte unter anderem Mikroprozessoren von Intel und Zilog. Betriebe wie die Leuna-Werke oder das kleinere Kombinat Lacke und Farben erhielten dagegen wesentlich weniger Material.

Vorteile reichen bis in die Zeit nach der Wiedervereinigung

Nach 1990 taucht noch eine weitere Spur auf. Kombinate mit einem stärkeren Zufluss hochwertiger Spionageinformationen hatten unter bestimmten Modellannahmen bessere Chancen, dass Beschäftigte in erfolgreich privatisierte Unternehmen wechselten. Allerdings beeinflusst der Computerhersteller Robotron dieses Ergebnis stark. Er hatte außergewöhnlich viele Informationen erhalten, verlor nach der Wiedervereinigung aber einen großen Teil seiner Betriebe.

Ohne Robotron wird der Zusammenhang deutlicher: Steigt die Informationsrate um einen Prozentpunkt, erhöht sich der Anteil der Beschäftigten, die in privatisierte Unternehmen übergingen, in einer Berechnung um 0,8 Prozentpunkte. Die Autoren führen Robotrons Sonderfall auch auf den damaligen internationalen Niedergang vieler nationaler Computerindustrien zurück.

Die 7,4 Prozent bleiben eine Modellrechnung

Die 7,4 Prozent wurden nicht direkt gemessen. Die Autoren berechneten, wie sich die DDR-Industrie ohne die zwischen 1976 und 1985 erhaltenen Spionageinformationen entwickelt hätte. Dabei berücksichtigten sie auch Effekte auf Zulieferer und Abnehmer.

Die Autoren bezeichnen das Ergebnis selbst als grobe Abschätzung. Das im September 2026 veröffentlichte RFBerlin Discussion Paper ist zudem noch nicht peer-reviewed.

Kurz zusammengefasst:

  • Die Stasi beschaffte fast 190.000 wissenschaftliche und technische Informationen, vor allem aus Westdeutschland; rund ein Viertel der bewerteten Informationen galt als wertvoll oder sehr wertvoll.
  • Eine Modellrechnung schätzt, dass die Wirtschaftsspionage die industrielle Wertschöpfung 1988 einschließlich der Effekte auf Zulieferer und Abnehmer um 22,3 Prozent erhöhte.
  • Daraus leiten die Autoren rund 7,4 Prozent zusätzliches DDR-BIP ab; dieser Wert ist eine Schätzung aus einem noch nicht peer-reviewten Discussion Paper.

Übrigens: Technologische Abhängigkeit ist auch heute ein Wirtschaftsfaktor: Europas Digitalbilanz wird durch Irland stark verzerrt. Wie abhängig die EU tatsächlich von ausländischer Technik ist, mehr dazu in unserem Artikel.

Bild: © Pexels

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