Wie Tiere auf die Psyche wirken: Schon drei Minuten mit Mini-Pferden machen Teenager ruhiger und weniger einsam
Miniaturpferde können die Stimmung von Teenagern offenbar schon nach wenigen Minuten verändern. Besonders spannend ist dabei, dass nicht nur die Nähe zählt, sondern auch, wie das Tier auf die Begegnung reagiert.
Rebecca Calisi Rodríguez von der UC Davis erforscht, wie schon kurze Begegnungen mit Miniaturpferden die Stimmung von Jugendlichen verändern können. © Gregory Urquiaga/UC Davis
Psychische Probleme bei Jugendlichen nehmen zu. Deshalb wächst das Interesse an niedrigschwelligen Angeboten ohne Medikamente. Tierkontakte können das emotionale Wohlbefinden verbessern, doch bislang ist wenig darüber bekannt, warum sie wirken. Wissenschaftlerinnen der Universität von Kalifornien in Davis untersuchten in einer Studie die Reaktion von Jugendlichen und das Verhalten der Tiere während eines Kontakts.
Das erstaunlichste Ergebnis ergab sich aus einer eigentlich ablehnenden Reaktion der Tiere: Während ein Miniaturpferd das kräftige Kraulen am Hals genoss, wand sich ein anderes ab und suchte Abstand. Für die Jugendlichen lösten beide Verhaltensweisen emotional etwas aus. Wie stark Tiere auf die Psyche wirken, scheint nicht nur von Nähe und Berührung abzuhängen. Auch die Freiheit des Tieres, Kontakt zuzulassen oder zu beenden, könnte die Begegnung prägen.
Kräftiges Kraulen oder sanftes Streicheln?
Vor der Begegnung bekamen die Jugendlichen eine kurze Einführung in die Körpersprache der Tiere. Sie lernten zwei Signale kennen: ein leichtes Bewegen der Oberlippe und das Weggehen. Die Lippenbewegung werteten die Forscherinnen als mögliches Zeichen für eine positive Reaktion. Das Weggehen galt als Hinweis darauf, dass das Tier Abstand wollte.
61 Jugendliche verbrachten im Versuch jeweils drei Minuten mit Miniaturpferden und -eseln und wurden zufällig einer von zwei Kontaktformen zugeteilt: Eine Gruppe strich sanft über den Rücken der Tiere. Die andere kraulte kräftiger am Hals. Diese zweite Berührung ähnelt dem gegenseitigen Kraulen unter Pferden. Während der drei Minuten durften die Tiere selbst entscheiden, ob sie Nähe suchten, stehen blieben oder weggingen.
Beim Halskraulen gingen die Tiere deutlich seltener weg. 41,7 Prozent der Jugendlichen aus dieser Gruppe beobachteten einen Rückzug der Vierbeiner. Beim Streicheln über den Rücken waren es 88,9 Prozent. Auch die wohlige Lippenbewegung trat beim Halskraulen häufiger auf: 75 Prozent der Jugendlichen meldeten dieses Verhalten, nur 48,1 Prozent konnten dieses Verhalten beim Streicheln auslösen. Dieser zweite Unterschied verfehlte allerdings knapp die statistische Signifikanz.
Wie Tiere mit ihrer Wirkung auf die Psyche überraschen
Spannend wurde es bei den Gefühlen der Jugendlichen. Wer eine Lippenbewegung wahrnahm, berichtete anschließend über einen stärkeren Rückgang der Einsamkeit. Noch überraschender war aber ein anderer Zusammenhang: Jugendliche, die ein Tier weggehen sahen, fühlten sich danach weniger traurig als jene, bei denen die Tiere blieben.
Mehr Tierkontakt ist also nicht automatisch besser. „Eine bedeutsame Begegnung muss nicht voraussetzen, dass ein Tier dauerhaft mit uns interagiert“, erklärt Studienautorin Rebecca Calisi Rodríguez von der UC Davis. Ein Tier solle frei entscheiden, ob es sich nähere, bleibe oder weggehe. Gerade diese Wahl könne eine Begegnung authentischer wirken lassen.
Diese Erklärung bleibt allerdings eine Hypothese. Die Forscherinnen prüften nicht, warum der Rückzug eines Tieres mit weniger Traurigkeit zusammenhing. Möglich wäre, dass die Jugendlichen die freiwillige Entscheidung des Tieres positiv wahrnahmen. Ebenso könnten kurze Unterbrechungen die soziale Anspannung in der Begegnung verringert haben.
Tiere und Menschen beeinflussen sich gegenseitig
Hinter der Untersuchung steckt eine einfache Idee: Tiergestützte Angebote behandeln Tiere oft wie einen festen Bestandteil einer Intervention. Doch Pferde oder Esel reagieren auf Berührungen, entscheiden über Nähe oder Abstand und verändern damit die Situation. In der Wissenschaft nennt man diesen Ansatz „Two-Way Hypothesis“, also eine „Zwei-Wege-Hypothese“: Menschliches Verhalten beeinflusst das Tier, dessen Reaktion wiederum mit den Gefühlen des Menschen zusammenhängt.
„Es geht hier wirklich nicht darum, wie man einen Esel am besten streichelt“, sagt Calisi Rodríguez. „Es geht um Gegenseitigkeit.“ Für Schulen, Kliniken oder therapeutische Angebote könnte das in der Praxis relevant sein. Programme müssten stärker darauf ausgerichtet sein, wie wohl sich das Tier fühlt und ob es freiwillig Kontakt sucht.
Warum freiwillige Nähe für Mensch und Tier wichtig sein könnte
Die Zahlen klingen signifikant, verlangen aber eine vorsichtige Einordnung. Es gab keine Kontrollgruppe von Jugendlichen ohne Tierkontakt. Deshalb lässt sich aus dem Versuch nicht ableiten, dass allein die Anwesenheit der Tiere die Stimmung verbessert hat.
Hinzu kommt die sehr kleine Gruppe von 61 Jugendlichen und vier Tieren. Die Stimmung wurde unmittelbar nach einer einzigen Begegnung erfasst. Langfristige Effekte blieben offen. Die Reaktionen der Pferde und Esel wurden von den Jugendlichen selbst dokumentiert und nicht durch unabhängige Beobachter. Eine Untersuchung sollte auch klären, wie unterschiedliche Formen der Berührung das Verhalten der Tiere verändert.
Für tiergestützte Angebote ergibt sich aus dem Versuch dennoch ein konkreter Ansatz. Wenn ein Tier Nähe selbst wählen darf, schützt das sein Wohlbefinden. Und womöglich verändert gerade diese Freiheit auch die emotionale Erfahrung des Menschen in der Interaktion. Eine wichtige Erkenntnis der Wissenschaftlerin Calisi Rodríguez aus dem Versuch stellt das Tier in den Mittelpunkt: Sollen Tiere wichtige Partner für unser Wohlbefinden werden, müssen wir auch deren eigenes verstehen.
Kurz zusammengefasst:
- Schon drei Minuten Kontakt mit Miniaturpferden und -eseln gingen bei 61 Jugendlichen mit weniger Nervosität, Traurigkeit und Einsamkeit sowie mehr Ruhe einher.
- Wie die Tiere reagierten, machte einen Unterschied: Beobachtete wohlige Lippenbewegung der Tiere ging bei den Jugendlichen mit weniger gefühlter Einsamkeit einher, während das Weggehen eines Tieres mit einem stärkeren Rückgang der Traurigkeit verbunden war.
- Die Ergebnisse sprechen dafür, tiergestützte Angebote stärker als wechselseitige Begegnung zu verstehen – mit freiwilliger Nähe und Rückzugsmöglichkeiten für das Tier. Ein langfristiger Therapieeffekt ist damit aber noch nicht belegt.
Übrigens: Nicht nur Tiere beeinflussen die Psyche positiv. Auch Natur stärkt Konzentration, Stimmung und Wohlbefinden – selbst dann, wenn vorher gar kein Stress bestand. Warum schon ein wenig Grün im Alltag mehr als nur einen Erholungseffekt hat, lesen Sie in unserem Artikel.
Bild: © Gregory Urquiaga/UC Davis
