Psychische Erkrankungen erhöhen Demenzrisiko schon mit 30 drastisch

Fast 700.000 Gesundheitsdaten zeigen: Schwere psychische Erkrankungen gehen schon früh häufiger mit Demenz einher.

Fast 700.000 Gesundheitsdaten zeigen: Schwere psychische Erkrankungen gehen schon früh häufiger mit Demenz einher.

Bei Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen trat Demenz schon in jungen Jahren deutlich häufiger auf als in der Vergleichsgruppe. © Unsplash

Mit 30 oder 40 Jahren gehört Demenz für die meisten Menschen zu den Krankheiten, die noch weit entfernt erscheinen. Neue Gesundheitsdaten aus Katalonien liefern jedoch einen ungewöhnlichen Befund: Bei Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen tauchen Demenzdiagnosen bereits in jungen Jahren häufiger auf. Besonders groß war der Unterschied bei den 30- bis 39-Jährigen. Dazu zählten Menschen mit Schizophrenie, bipolarer Störung oder schwerer Depression.

Das European College of Neuropsychopharmacology (ECNP) berichtet über die Auswertung von 694.086 Erwachsenen. 176.870 von ihnen hatten mindestens eine schwere psychische Erkrankung. 517.216 Menschen ohne entsprechende Diagnose bildeten die Vergleichsgruppe. Die Daten stammen aus der öffentlichen Gesundheitsversorgung Kataloniens. Sie erlauben allerdings keinen Beweis dafür, dass psychische Erkrankungen Demenz verursachen. Erfasst wurde, wie häufig beide Diagnosen bei denselben Menschen vorkamen.

Psychische Erkrankungen und Demenzrisiko hängen schon mit 30 auffällig zusammen

Am stärksten fiel der Unterschied bei den 30- bis 39-Jährigen aus. Von 20.172 Menschen mit schwerer psychischer Erkrankung hatten 111 eine Demenzdiagnose. Das entspricht 0,55 Prozent. In der Vergleichsgruppe waren es lediglich 16 von 67.122 Menschen oder 0,02 Prozent. Demenz blieb in diesem Alter also auch unter psychisch Erkrankten selten. Der Unterschied zwischen den beiden Gruppen war trotzdem erheblich.

Die Forscher berechneten daraus eine sogenannte Odds Ratio von 23,21. Vereinfacht gesagt waren die statistischen Chancen auf eine bereits vorhandene Demenzdiagnose in dieser Altersgruppe rund 23-mal so hoch. Als die Wissenschaftler Unterschiede beim sozialen Status und bei körperlichen Erkrankungen berücksichtigten, lag der Wert immer noch bei 20,51. Das ist nicht gleichbedeutend mit einem 20-fach höheren persönlichen Demenzrisiko. Die Autoren nennen das Ausmaß des Zusammenhangs bei jüngeren Menschen die „auffälligste Beobachtung“ ihrer Analyse.

Im höheren Alter wird Demenz absolut noch viel häufiger

Mit zunehmendem Alter schrumpfte der relative Abstand zwischen den Gruppen. Verschwunden war er jedoch nicht. Bei den 70- bis 79-Jährigen hatten 16,16 Prozent der Menschen mit schwerer psychischer Erkrankung eine Demenzdiagnose. In der Vergleichsgruppe waren es 2,78 Prozent. Bei den 80- bis 89-Jährigen lagen die Werte bereits bei 33,48 beziehungsweise 9,45 Prozent.

Bei den 90- bis 99-Jährigen hatten 39,51 Prozent der psychisch Erkrankten und 17,70 Prozent der Vergleichsgruppe eine Demenzdiagnose. Dass der statistische Unterschied mit dem Alter kleiner wurde, hat einen einfachen Grund: Demenz tritt bei älteren Menschen generell wesentlich häufiger auf. Dadurch nähern sich die relativen Werte an, obwohl zwischen den Gruppen weiterhin große absolute Unterschiede bestehen.

Auch Schlaganfälle treten bei psychisch Erkrankten früher häufiger auf

Neben Demenz untersuchten die Wissenschaftler ischämische Schlaganfälle. Sie entstehen, wenn ein Gefäß im Gehirn verstopft und Teile des Gehirns nicht mehr ausreichend mit Blut versorgt werden. Besonders auffällig waren die 40- bis 49-Jährigen. Von 37.453 Menschen mit schwerer psychischer Erkrankung hatten 471 bereits einen solchen Schlaganfall erlitten. Das waren 1,26 Prozent.

In der Vergleichsgruppe traf das auf 456 von 107.650 Menschen zu, also auf 0,42 Prozent. Zunächst lagen die statistischen Chancen damit knapp dreimal so hoch. Nach Berücksichtigung des sozialen Status und körperlicher Begleiterkrankungen fiel der Unterschied kleiner aus. Eine zusätzliche Berechnung bezog zudem Rauchen und Körpergewicht ein. Danach lag der Wert für die 40- bis 49-Jährigen noch bei 1,93. Beim Schlaganfall beeinflussen bekannte Risikofaktoren den Zusammenhang daher stärker als bei Demenz.

Mehrere Belastungen könnten Gehirn und Gefäße gleichzeitig treffen

Eine einzelne Ursache für die Unterschiede lässt sich aus den Daten nicht bestimmen. Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen litten häufiger unter Bluthochdruck, Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Diese Krankheiten können Blutgefäße schädigen und erhöhen ihrerseits das Schlaganfall- und Demenzrisiko. Hinzu kommen mögliche Auswirkungen von Rauchen, Bewegungsmangel und Stoffwechselproblemen. Manche Medikamente gegen psychische Erkrankungen können außerdem Gewicht und Zuckerstoffwechsel beeinflussen.

Auch getrennte Berechnungen für Schizophrenie, schwere Depression und bipolare Störungen ergaben erhöhte Werte für Demenz. Bei Menschen mit bipolarer Störung zwischen 30 und 39 Jahren lag die Odds Ratio beispielsweise bei 24,73. Gerade in den jüngsten Altersgruppen gab es allerdings nur wenige Demenzfälle. Dadurch werden solche Berechnungen statistisch unsicherer.

Zudem erfassten die Gesundheitsdaten weder einzelne Demenzformen noch den Zeitpunkt ihres tatsächlichen Beginns. Die Autoren sprechen sich deshalb dafür aus, bei Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen früher auf Blutdruck, Stoffwechselerkrankungen und Veränderungen der geistigen Leistungsfähigkeit zu achten.

Kurz zusammengefasst:

  • Schwere psychische Erkrankungen wie Schizophrenie, bipolare Störungen oder schwere Depressionen treten deutlich häufiger zusammen mit Demenz auf.
  • Besonders auffällig ist der Zusammenhang bei 30- bis 39-Jährigen, obwohl Demenz in diesem Alter insgesamt selten bleibt.
  • Die Studie belegt einen statistischen Zusammenhang, aber keine Ursache-Wirkungs-Beziehung zwischen psychischer Erkrankung und Demenz.

Übrigens: Wer Bluthochdruck, Diabetes und Rauchen in der Lebensmitte vermeidet, könnte im Schnitt mehr als zwölf zusätzliche Jahre ohne Demenz leben. Mehr dazu in unserem Artikel.

Bild: © Unsplash

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