Kinder in London hatten schwächere Lungen – dann wurde die Luft sauberer
Weniger Luftverschmutzung in London: Kinder holten ihren Rückstand bei der Lungenfunktion innerhalb von vier Jahren auf.
Die Londoner Ultra Low Emission Zone soll besonders schmutzige Fahrzeuge ausbremsen. Seit ihrer Einführung sank vor allem die Belastung mit Stickstoffdioxid deutlich. © Wikimedia
London zog 2019 die Abgasregeln drastisch an: Ältere, besonders schmutzige Fahrzeuge mussten für die Fahrt durch die neue Ultra Low Emission Zone (ULEZ) zahlen. Danach sank vor allem die Belastung mit Stickstoffdioxid aus dem Straßenverkehr deutlich. Vier Jahre später hatten Kinder im Zentrum Londons ihren Rückstand bei der Lungenfunktion praktisch aufgeholt.
Wissenschaftler begleiteten dafür 3414 Kinder im Alter von sechs bis neun Jahren über mehrere Jahre. 1664 lebten in London, 1750 im rund 50 Kilometer entfernten Luton ohne vergleichbare Umweltzone. Vor Einführung der ULEZ lag der wichtigste Lungenwert der Londoner Kinder im Schnitt 38 Milliliter niedriger. Im Fachjournal The Lancet Public Health berichten die Wissenschaftler zudem von einem mehr als doppelt so starken Rückgang der NO₂-Belastung in London.
Londoner Kinder holen bei der Lungenfunktion deutlich auf
Gemessen wurde die Lungenfunktion mit einer Spirometrie. Dabei atmen die Kinder so kräftig wie möglich in ein Messgerät aus. Entscheidend war vor allem der sogenannte FEV₁-Wert. Er zeigt, wie viel Luft innerhalb der ersten Sekunde ausgeatmet werden kann. Die Messungen wurden einmal im Jahr wiederholt. So konnten die Wissenschaftler verfolgen, wie sich die Lungenfunktion der Kinder entwickelte.
Die Londoner Kinder holten Jahr für Jahr auf. Ihr FEV₁-Wert stieg im Schnitt um 233 Milliliter jährlich, in Luton um 223 Milliliter. Der Unterschied von rund zehn Millilitern pro Jahr summierte sich über die Zeit: Nach vier Jahren war der anfängliche Rückstand praktisch verschwunden. London lag bei 2283 Millilitern, Luton bei 2282 Millilitern.
Kinder mit schwacher Lungenfunktion werden deutlich seltener
Auch bei besonders niedrigen Lungenwerten veränderte sich das Bild. Zu Beginn hatten in London 14 Prozent der untersuchten Kinder einen klinisch niedrigen FEV₁-Wert. Am Ende waren es noch 9 Prozent. In Luton sank der Anteil im gleichen Zeitraum von 9 auf 7 Prozent.
Eine eingeschränkte Lungenentwicklung kann bis ins Erwachsenenalter Folgen haben. Wer in jungen Jahren seine maximale Lungenfunktion nicht erreicht, hat später ein höheres Risiko für Asthma, chronisch-obstruktive Lungenerkrankungen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und einen früheren Tod. Die Autoren sprechen deshalb davon, dass frühere Defizite der Londoner Kinder offenbar wieder aufgeholt wurden.
Weniger Stickstoffdioxid geht mit schnellerem Lungenwachstum einher
Besonders eng war der Zusammenhang mit Stickstoffdioxid. Über beide Städte hinweg war eine höhere NO₂-Belastung mit einem langsameren Wachstum der Lungenfunktion verbunden. Eine um 16,51 Mikrogramm pro Kubikmeter höhere Belastung ging mit 21,46 Millilitern weniger FEV₁-Wachstum pro Jahr einher. Auch für PM10 und PM2,5 fanden die Wissenschaftler entsprechende Zusammenhänge.
Beim Feinstaub entwickelte sich die Belastung allerdings anders als beim Stickstoffdioxid. PM10 ging in Luton sogar stärker zurück, PM2,5 sank in beiden Städten ähnlich. Das passt zur Wirkung der ULEZ: Sie richtet sich vor allem gegen Abgase älterer Fahrzeuge. Feinstaub stammt zusätzlich aus Reifen- und Bremsabrieb, aufgewirbeltem Straßenstaub und überregionalen Quellen.
Corona erschwert die genaue Zuordnung zur ULEZ
Die Entwicklung lässt sich nicht allein der Umweltzone zuschreiben. Der Untersuchungszeitraum fiel teilweise in die Corona-Pandemie. Gerade zwischen 2019 und 2020 sank die NO₂-Belastung besonders stark. Damals gingen durch Ausgangsbeschränkungen, Schulschließungen und weniger Verkehr auch die Emissionen zurück. Die Autoren werteten deshalb wiederholte individuelle Messungen aus und stützten sich nicht auf einen einfachen Vergleich einzelner Jahre.
Hinzu kommt der Teilnehmerverlust über die Jahre. Von den ursprünglich 3414 Kindern blieben am Ende noch 1590 in der Untersuchung. Die verbliebenen Teilnehmer unterschieden sich bei wichtigen Ausgangsmerkmalen kaum von den ausgeschiedenen Kindern. Zusätzliche Berechnungen ergaben keinen Hinweis darauf, dass der Verlust die beobachtete Verbindung zwischen Luftverschmutzung und Lungenwachstum wesentlich verzerrte.
Beim zweiten Lungenwert bleibt noch ein Rückstand
Ganz verschwunden waren die Unterschiede zwischen London und Luton nicht. Bei der forcierten Vitalkapazität, kurz FVC, lagen die Londoner Kinder vor Einführung der ULEZ durchschnittlich 55 Milliliter zurück. Auch dieser Wert nahm anschließend schneller zu. Nach vier Jahren blieb jedoch noch ein Abstand von 25 Millilitern.
Beide Kindergruppen lebten zudem bereits vor Beginn der Untersuchung in stark belasteten Gebieten. Ob sich ihre Lungenfunktion bei dauerhaft saubererer Luft noch weiter verbessert, ist offen. Die CHILL-Kohorte soll deshalb bis ins Jugendalter weiter untersucht werden.
Kurz zusammengefasst:
- Londoner Kinder hatten vor Einführung der ULEZ eine schwächere Lungenfunktion; vier Jahre später war der Rückstand beim wichtigsten Messwert FEV₁ praktisch aufgeholt.
- Gleichzeitig sank die Belastung mit Stickstoffdioxid in London deutlich stärker als in Luton; höhere NO₂-Werte waren mit einem langsameren Wachstum der Lungenfunktion verbunden.
- Die Ergebnisse sprechen für gesundheitliche Vorteile saubererer Luft, beweisen aber nicht, dass die ULEZ allein dafür verantwortlich war, weil unter anderem die Corona-Pandemie den Verkehr stark beeinflusste.
Übrigens: Saubere Luft kann Kinderlungen schützen – und bei Asthma könnte zusätzlich ein neuer Kombi-Inhalator helfen, der Anfälle laut Studie um 45 Prozent senkt. Mehr dazu in unserem Artikel.
Bild: © Matt Brown via Wikimedia unter CC BY 2.0
