KI-Modell verrät, was beim Lesen im Gehirn wirklich passiert

Beim Lesen verteilt das Gehirn Aufmerksamkeit gezielt: Eine KI erklärt, warum wir Wörter überspringen, zurückspringen und unter Zeitdruck anders lesen.

Unter Zeitdruck springen die Augen häufiger über Wörter hinweg – mit mehr Lesezeit steigt dagegen das Textverständnis deutlich. © Unsplash

Unter Zeitdruck springen die Augen häufiger über Wörter hinweg – mit mehr Lesezeit steigt dagegen das Textverständnis deutlich. © Unsplash

Lesen wirkt selbstverständlich, verlangt dem Kopf aber weit mehr ab, als es sich anfühlt. Während die Augen über eine Seite wandern, muss das Gehirn Wörter erkennen, Bedeutungen zusammenfügen und Wichtiges im Gedächtnis halten. Dabei wird keineswegs jedes Wort gleich behandelt. Eine neue Untersuchung legt nahe, dass das Gehirn beim Lesen seine begrenzte Aufmerksamkeit laufend verteilt: Vorhersehbare Wörter bekommen weniger davon, schwierige Passagen mehr. Unter Zeitdruck verändert sich diese Strategie.

Forscher der Aalto University und mehrerer asiatischer Universitäten haben dieses Verhalten mit einem KI-Modell nachgebildet. Ihre Studie erschien im Fachjournal Nature Human Behaviour. Das Modell basiert auf Reinforcement Learning und soll erklären, wie Blickbewegungen und Textverständnis zusammenhängen. „Zum ersten Mal haben wir KI-Methoden eingesetzt, um zu verstehen und nicht bloß nachzuahmen, wie Menschen lesen“, sagt Antti Oulasvirta von der Aalto University. Grundlage sind bekannte Blickbewegungsdaten sowie ein eigenes Experiment zum Lesen unter Zeitdruck.

Beim Lesen verteilt das Gehirn Aufmerksamkeit gezielt

Die Forscher teilen den Vorgang in drei Ebenen:

  • Auf der Wortebene geht es darum, welche Buchstaben die Augen erfassen müssen.
  • Auf Satzebene entscheidet sich, welches Wort als Nächstes betrachtet, übersprungen oder erneut gelesen wird.
  • Auf Textebene zählt der größere Zusammenhang: Reicht das bisher Verstandene aus oder lohnt sich der Blick zurück zu einem früheren Satz?

Das Modell behandelt Aufmerksamkeit dabei wie eine begrenzte Ressource, die möglichst viel Verständnis bringen soll. Das lässt sich an vertrauten Lesemustern erkennen. Kurze, häufige und gut vorhersehbare Wörter werden öfter übersprungen. Bei längeren oder schwer vorhersehbaren Wörtern bleiben die Augen länger. Schwierige Begriffe führen außerdem häufiger zu Rücksprüngen.

Die Simulation bildete diese menschlichen Muster in derselben Richtung nach. Auch innerhalb eines Wortes landet der erste Blick bevorzugt zwischen Wortanfang und Mitte. Bleibt Unsicherheit, wandern die Augen eher zu früheren Buchstaben zurück.

Warum das Gehirn beim Lesen zurückspringt

Zurücklesen ist daher nicht zwangsläufig ein Zeichen von Unaufmerksamkeit. Bei mehrdeutigen oder schwer verständlichen Sätzen kann ein zweiter Blick helfen, den Zusammenhang wiederherzustellen. In menschlichen Vergleichsdaten lag die mittlere Wahrscheinlichkeit für einen Rücksprung bei mehrdeutigem Material bei 0,19, bei eindeutigem Material bei 0,07. Das Modell reagierte ähnlich und kam auf Werte von 0,13 und 0,09.

„Lesen fühlt sich mühelos an, aber das Gehirn entscheidet ständig, wohin es blickt, was es überspringt und wann es zurückgeht“, sagt Shengdong Zhao von der City University of Hong Kong. Er vergleicht Aufmerksamkeit mit einem Budget, das möglichst sinnvoll eingesetzt wird. Praktisch bedeutet das: Liefert ein zusätzlicher Blick voraussichtlich wenig neue Information, geht es weiter. Bleibt die Bedeutung unsicher, steigt der Nutzen eines erneuten Blicks.

Zeitdruck verändert Lesen im Gehirn

Wie stark die verfügbare Zeit diese Entscheidungen beeinflusst, untersuchten die Forscher mit drei Zeitlimits von 30, 60 und 90 Sekunden. Für die Blickbewegungen lagen Daten von 28 Teilnehmern vor, für die Verständniswerte von 32 Personen. Unter stärkerem Zeitdruck lasen sie schneller, übersprangen mehr und sprangen seltener zurück. Mit mehr Zeit wurden Texte gründlicher abgetastet und schwierige Stellen häufiger erneut betrachtet.

Auch das Textverständnis änderte sich. Mit längerer Lesezeit stieg die Trefferquote bei Verständnisfragen von durchschnittlich 59 auf 83 Prozent. Bei der freien Erinnerung verbesserten sich die Werte von 64 auf 73 Prozent. Das KI-Modell entwickelte denselben Trend. Über 15 untersuchte Kennwerte hinweg lag die Korrelation zwischen menschlichen Ergebnissen und Simulation bei r = 0,9999. Das ist keine Trefferquote von 99,99 Prozent, sondern zeigt, wie ähnlich die gemessenen Verläufe waren.

Vorwissen hilft dem Gedächtnis beim Lesen

Wie viel von einem Text hängen bleibt, hängt außerdem vom vorhandenen Wissen und vom Aufbau des Textes ab. Menschen mit höherem Vorwissen erinnerten sich in einem ausgewerteten Datensatz an durchschnittlich 45 Prozent der erfassten Informationseinheiten, Menschen mit geringerem Vorwissen an 34 Prozent.

Gut zusammenhängende Texte schnitten ebenfalls besser ab: Bei hoher inhaltlicher Kohärenz lag die Erinnerungsleistung bei 43 Prozent, bei schwächer aufgebauten Texten bei 35 Prozent. Das Modell näherte sich diesen Werten stark an.

Wie sehr menschliches Lesen von Begrenzungen geprägt wird, zeigte ein Vergleich mit künstlich unbegrenztem Gedächtnis. Dieses Modell erreichte bei Multiple-Choice-Fragen 85,2 Prozent, Menschen kamen auf 71,6 Prozent. Bei der freien Erinnerung waren es 87,4 gegenüber 69,2 Prozent. Zugleich sprang das künstliche System viel seltener im Text zurück. Erst begrenzte Gedächtnisleistung, begrenzte Wahrnehmung und eine längerfristige Orientierung am Verständnis ließen sein Verhalten stärker dem menschlichen Lesen ähneln.

Kurz zusammengefasst:

  • Beim Lesen verteilt das Gehirn seine Aufmerksamkeit je nach Schwierigkeit und Vorhersagbarkeit eines Wortes unterschiedlich.
  • Unter Zeitdruck lesen Menschen schneller, überspringen mehr Wörter und erinnern sich anschließend an weniger Inhalte.
  • Vorwissen und gut aufgebaute Texte verbessern das Verständnis und helfen dabei, Informationen länger im Gedächtnis zu behalten.

Übrigens: Wie gut Menschen lesen, hängt offenbar nicht nur davon ab, wie das Gehirn Aufmerksamkeit verteilt, sondern auch von seiner Anatomie – bestimmte Sprachregionen unterscheiden sich bei starken und schwächeren Lesern. Mehr dazu in unserem Artikel.

Bild: © Unsplash

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