Neuer Eiszeit-Leopard aus Thüringen – ungewöhnlich hoher BMI verrät seinen massigen Körperbau
Ein Eiszeit-Leopard fasziniert Forscher: Die Großkatze lebte vor 125.000 Jahren und war für ihre Körperlänge ungewöhnlich massig gebaut.
Der Unterkiefer mit Fangzahn und Zahnreihe gehört zur neu beschriebenen Leoparden-Unterart Panthera pardus burgtonnae aus Burgtonna in Thüringen. Der Maßstab entspricht drei Zentimetern. © Senckenberg
Vor rund 125.000 Jahren lebte bei Burgtonna nahe Gotha eine Großkatze, deren Körperbau deutlich gedrungener war als bei vielen heutigen Leoparden. Fossilien aus der Eem-Warmzeit lassen nun erkennen, dass es sich sogar um eine bislang unbekannte Unterart handelte. Wie die Studie von Forschern des Senckenberg Forschungsinstituts und Naturmuseums Frankfurt beschreibt, trägt sie den Namen Panthera pardus burgtonnae. Das Tier wog vermutlich 35 bis 40 Kilogramm und erinnerte mit seiner kräftigen Statur eher an einen kleinen Jaguar.
Gefunden wurden die Überreste bereits 1993 in den Travertinablagerungen von Burgtonna, einer der bedeutenden Fossilfundstellen Thüringens. Ein privater Fossiliensammler aus Mühlhausen namens Andreas Lindner barg dort über Jahre rund 2.500 Wirbeltierreste. Die Knochen und Zähne des Eiszeit-Leoparden lagen 4,4 bis 5,3 Meter tief im Gestein und stammen wahrscheinlich von einem einzigen, noch relativ jungen Tier. Erhalten blieben unter anderem ein Unterkiefer mit Zähnen, ein oberer Reißzahn sowie Knochen aus Armen, Füßen und Zehen. Diese wenigen Stücke reichen aus, um Körperbau, Alter und sogar die neue Unterart erstaunlich genau einzugrenzen.
Eiszeit-Leopard war ungewöhnlich kräftig gebaut
Besonders viel verrät ein Fragment des Oberarmknochens. Aus dessen Breite errechneten Helmut Hemmer und Ralf-Dietrich Kahlke eine Körpermasse von 37,4 Kilogramm. Die Kopf-Rumpf-Länge lag nach den Berechnungen bei ungefähr 107 bis 112 Zentimetern. Damit war das Tier nicht außergewöhnlich lang. Auffällig war vielmehr, wie viel Körpermasse auf diese Länge kam. Die Forscher halten es aufgrund der Knochen- und Zahnmaße für ein Weibchen. Bei heutigen großen afrikanischen Leoparden liegt dieses Gewicht über dem Mittelwert der Weibchen, aber noch im normalen Schwankungsbereich.
Um solche Unterschiede besser vergleichen zu können, führen die Autoren einen eigenen Körpermassenindex für Leoparden ein. Er funktioniert ähnlich wie der BMI beim Menschen, setzt jedoch Körpergewicht und Kopf-Rumpf-Länge in einer speziell angepassten Formel ins Verhältnis. Für den Burgtonna-Leoparden ergibt sich ein Wert von rund 30. Heutige große Leoparden aus Westafrika und Namibia liegen in der Auswertung im Mittel bei etwa 19 bis 23. Tiere aus KwaZulu-Natal erreichen dagegen knapp 30. Der hohe Wert bedeutet daher nicht „Übergewicht“, sondern beschreibt einen kompakten und schweren Körperbau. Andere fossile Leoparden aus Europa erreichen in den Berechnungen sogar Werte um 39 bis 43.
Seine Zähne verraten eine neue Leoparden-Unterart
Für die Einordnung als neue Unterart waren vor allem die Zähne wichtig. Der erste untere Backenzahn fällt vergleichsweise schmal und niedrig aus. Ein davor liegender Zahn besitzt dagegen eine auffällig breite Vorderseite. „Diese Kombination von Merkmalen macht den Burgtonna-Leoparden innerhalb der europäischen Leopardenfunde gut erkennbar“, erklärt Kahlke. Ähnliche Merkmale kennen Paläontologen von Funden aus Taubach und den Mosbach-Sanden. Der rechte Unterkiefer aus Burgtonna dient deshalb als sogenannter Holotyp, also als wissenschaftliches Referenzstück für die neu benannte Unterart.
Die neue Form unterscheidet sich von Panthera pardus antiqua, die während der späteren Weichsel-Kaltzeit in Europa verbreitet war. Auch andere europäische Leoparden des späten Pleistozäns besaßen einen sehr robusten Körperbau. Besonders auffällig sind Funde aus der französischen Jaurens-Höhle. Dort rekonstruieren die Autoren bei etwa 124 Zentimetern Kopf-Rumpf-Länge ein Gewicht von 70 bis 100 Kilogramm. Heutige afrikanische Leoparden derselben Länge bringen laut den herangezogenen Vergleichsdaten eher 30 bis 40 Kilogramm auf die Waage. Ihre Körperform war damit eher mit sehr kleinen Jaguaren vergleichbar als mit heutigen Leoparden.
Manche Eiszeit-Leoparden erinnerten körperlich an Jaguare
Die Unterschiede fallen bei mehreren europäischen Fossilien auf. Hemmer und Kahlke beschreiben die beiden Leopardenformen des späten Pleistozäns als „besonders kräftig gebaut“ und körperlich nahe an Jaguaren. Europäische Leoparden lebten zeitweise neben Jaguaren, die damals ebenfalls auf dem Kontinent vorkamen. Die Autoren halten deshalb einen früheren Austausch von Erbgut zwischen den Arten für möglich. Einen genetischen Nachweis gibt es bislang nicht. Der jaguarähnliche Körperbau allein reicht nicht aus, um eine solche Vermischung zu belegen. Für eine Klärung wären vollständige Genome aus ausreichend gut erhaltenem Fossilmaterial nötig. Auch eine frühere Vermischung mit europäischen Schneeleoparden ziehen die Forscher in Betracht.
Sicherer lässt sich die räumliche Verbreitung der neu beschriebenen Form bestimmen: Funde mit vergleichbaren Merkmalen reichen von Mitteleuropa bis auf die Apenninenhalbinsel. Panthera pardus burgtonnae gehörte damit offenbar zu einer europäischen Leopardenlinie, die während der Eem-Warmzeit weiter verbreitet war und sich von der später häufigeren Form Panthera pardus antiqua unterschied.
Kurz zusammengefasst:
- Forscher haben in Burgtonna in Thüringen eine bislang unbekannte Leoparden-Unterart beschrieben, die vor rund 125.000 Jahren während der Eem-Warmzeit lebte.
- Panthera pardus burgtonnae wog vermutlich 35 bis 40 Kilogramm und war für seine Körperlänge ungewöhnlich kräftig und gedrungen gebaut.
- Ob der jaguarähnliche Körperbau durch früheren Genfluss mit Jaguaren oder Schneeleoparden entstand, ist bislang nicht belegt und müsste genetisch untersucht werden.
Übrigens: Während fossile Leoparden aus Thüringen durch ihren massigen Körperbau auffallen, kämpft ihr heutiger Verwandter im Hochgebirge mit extrem geringer genetischer Vielfalt. Warum das den Schneeleoparden im Klimawandel besonders verletzlich macht, zeigt eine Stanford-Studie. Mehr dazu in unserem Artikel.
Bild: © Senckenberg
