Warum Jugendliche wirklich rauchen: Neue Studie zeigt unterschätzten Auslöser
Jugendliche rauchen laut Studie häufiger nach Mobbing oder Gewalt. Mit jeder weiteren Belastung steigt das Risiko für Tabakkonsum.
Belastende Gewalterfahrungen könnten erklären, warum manche Jugendliche häufiger rauchen oder E-Zigaretten nutzen. © Unsplash
Wenn Jugendliche rauchen, wird oft über Gruppendruck, Neugier oder den Einfluss von Freunden gesprochen. Eine neue Studie legt jedoch nahe, dass auch belastende Erfahrungen eine wichtige Rolle spielen. Jugendliche, die Mobbing, Cybermobbing oder Gewalt erlebt hatten, griffen häufiger zu Zigaretten und E-Zigaretten als Gleichaltrige ohne solche Erfahrungen.
Besonders auffällig: Der Zusammenhang wurde mit jeder zusätzlichen Gewalterfahrung stärker. Wer mehrere Formen von Gewalt erlebt hatte, konsumierte häufiger Tabakprodukte. Die Analyse von mehr als 37.000 Schülerinnen und Schülern aus den USA deutet damit auf einen Risikofaktor hin, der bei der Diskussion über das Rauchen junger Menschen bislang oft wenig Beachtung findet.
Jugendliche rauchen häufiger nach Mobbing und Gewalt
Für die Untersuchung werteten Forscher Daten des Youth Risk Behavior Survey aus. Dabei handelt es sich um eine große Gesundheitsbefragung unter Jugendlichen. Die Analyse umfasste 17.232 Teilnehmer aus dem Jahr 2021 sowie weitere 20.103 Teilnehmer aus dem Jahr 2023.
Die Wissenschaftler betrachteten vier Belastungen:
- Mobbing
- Cybermobbing
- sexuelle Gewalt
- Gewalt im häuslichen Umfeld
Anschließend verglichen sie diese Erfahrungen mit dem Konsum von Zigaretten und E-Zigaretten in den vergangenen 30 Tagen. Das Ergebnis fiel deutlich aus. Jede der untersuchten Gewaltformen stand mit einem häufigeren Konsum von Tabakprodukten in Verbindung. Das galt sowohl für klassische Zigaretten als auch für E-Zigaretten.
Gewalt ist für viele Jugendliche trauriger Alltag
Nach Angaben der Studienautorin Nicole Haderlein von der Brown University berichtete etwa jeder fünfte Jugendliche von Mobbing. Rund 15 Prozent gaben Cybermobbing an. Jeweils etwa fünf Prozent berichteten von sexueller Gewalt oder Gewalt im familiären Umfeld. Diese Zahlen machen deutlich, dass es sich nicht um seltene Einzelfälle handelt. Viele Jugendliche erleben Belastungen, die weit über die üblichen Herausforderungen des Schulalltags hinausgehen.
Für Eltern, Lehrkräfte und Schulpsychologen liefert die Studie deshalb einen wichtigen Hinweis. Wer bei Jugendlichen einen auffälligen Konsum von Zigaretten oder E-Zigaretten bemerkt, sollte mögliche Belastungen im sozialen Umfeld nicht aus dem Blick verlieren.
Mehrere Gewalterfahrungen erhöhen das Risiko weiter
Die Forscher fanden einen sogenannten Dosis-Wirkungs-Effekt. Gemeint ist damit: Mit jeder zusätzlichen Form von Gewalt stieg auch die Häufigkeit des Tabakkonsums. „Jede einzelne Form von Gewalt war mit einem erhöhten Risiko für den Konsum der jeweiligen Produkte verbunden“, erklärt Verhaltenswissenschaftler Alexander Sokolovsky. Noch deutlicher wird seine zweite Aussage: „Das Risiko für Tabakkonsum steigt, wenn Jugendliche mehreren Formen von Gewalt ausgesetzt sind.“
Damit beschränkt sich der Zusammenhang nicht auf einzelne Erlebnisse. Wer beispielsweise sowohl Mobbing als auch Cybermobbing erlebt hatte, zeigte häufiger einen erhöhten Konsum als Jugendliche mit nur einer Belastung.
Die Autoren vermuten, dass manche Jugendliche Nikotin möglicherweise nutzen, um mit Stress, Unsicherheit oder emotionalem Druck umzugehen. Die Studie beweist zwar keine direkte Ursache. Der Zusammenhang zog sich jedoch durch alle untersuchten Gewaltformen.
Unterschiede zwischen Jungen und Mädchen werden kleiner
Die Forscher prüften auch, ob Gewalterfahrungen Jungen und Mädchen unterschiedlich beeinflussen. 2021 war der Zusammenhang zwischen Gewalt und klassischem Rauchen bei Jungen noch stärker ausgeprägt als bei Mädchen.
Im Jahr 2023 zeigte sich dieser Unterschied nicht mehr. Jungen und Mädchen mit Gewalterfahrungen griffen ähnlich häufig zu Zigaretten oder E-Zigaretten. Die Daten deuten damit darauf hin, dass sich das Risikoverhalten beider Gruppen angenähert hat.
„Die Lücke, die 2021 und in den Jahren zuvor möglicherweise bestand, scheint sich mit der Zeit zu schließen“, sagt Haderlein. Nach ihren Angaben reagierten Jungen und Mädchen zuletzt ähnlich auf Belastungen wie Mobbing oder Gewalt.
Warum Gewaltprävention auch vor Nikotin schützen könnte
Die Forscher empfehlen, bei Jugendlichen früher auf mögliche Gewalterfahrungen zu achten. Helfen könnten dabei vor allem Menschen, die regelmäßig Kontakt zu ihnen haben:
- Lehrkräfte
- Schulpsychologen
- Kinder- und Jugendärzte
- Sozialarbeiter
Wer Belastungen früh erkennt, kann möglicherweise verhindern, dass Jugendliche zu Zigaretten oder E-Zigaretten greifen. Sokolovsky warnt:
Wenn man solche Resultate sieht, gehen die Alarmglocken an.
Aus seiner Sicht verdienen Jugendliche mit Gewalterfahrungen besondere Aufmerksamkeit. Der Wissenschaftler sagte: „Die Ergebnisse legen nahe, dass Gewaltprävention eine Form der Suchtprävention sein kann.“
Die Forschungsergebnisse zeigen also: Hinter dem Griff zur Zigarette könnten manchmal Probleme stehen, die weit über Neugier oder Gruppendruck hinausgehen. Für viele Jugendliche beginnt die eigentliche Herausforderung möglicherweise lange bevor die erste Zigarette angezündet wird.
Kurz zusammengefasst:
- Jugendliche mit Erfahrungen von Mobbing, Cybermobbing oder anderer Gewalt greifen häufiger zu Zigaretten und E-Zigaretten als Gleichaltrige ohne solche Belastungen.
- Jugendliche rauchen offenbar häufiger, wenn sie mehrere belastende Gewalterfahrungen gemacht haben. Das Risiko stieg mit jeder zusätzlichen Form von Gewalt.
- Früh erkannte Gewalterfahrungen und gezielte Unterstützung in Schule, Familie oder Gesundheitswesen könnten dazu beitragen, Tabakkonsum bei Jugendlichen zu verhindern.
Übrigens: Hinter einem gescheiterten Rauchstopp steckt häufig nicht mangelnder Wille. Forscher fanden heraus, dass das direkte Umfeld den Erfolg beim Aufhören stark beeinflusst – mehr dazu in unserem Artikel.
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