ADHS: Gehirn kippt kurz in eine Art Schlafmodus – und stört so die Konzentration
Bei ADHS rutscht das Gehirn häufiger kurz in einen schlafähnlichen Zustand. Diese Aussetzer stören die Konzentration und erhöhen Fehler im Alltag.
Kurze schlafähnliche Phasen verlangsamen einzelne Hirnbereiche bei ADHS und unterbrechen die Verarbeitung von Informationen – selbst während aktiver Aufgaben. © Pexels
Im Alltag mit ADHS ist das Problem oft nicht der Start, sondern das Dranbleiben. Eine Aufgabe beginnt klar, dann bricht der Fokus plötzlich weg. Neue Daten deuten auf einen messbaren Vorgang im Gehirn hin. Selbst im Wachzustand treten dort kurze, schlafähnliche Phasen auf. Sie dauern nur Sekunden, reichen aber aus, um Gedanken abreißen zu lassen und Fehler zu begünstigen.
Für Betroffene wirkt das oft widersprüchlich. Der Wille ist da, trotzdem geht der Faden verloren. Vor allem bei längeren oder fordernden Tätigkeiten häufen sich solche Aussetzer. Sie lassen sich kaum bewusst steuern. Das macht Konzentrationsprobleme bei ADHS so belastend.
Schlafähnliche Aktivität bringt bei ADHS die Konzentration aus dem Takt
Eine Studie in der Fachzeitschrift JNeurosci liefert dazu konkrete Daten. Forschende untersuchten 32 Erwachsene mit ADHS und verglichen sie mit 31 Personen ohne Diagnose. Alle lösten Aufgaben, die dauerhaft Aufmerksamkeit erforderten. Parallel erfassten Messgeräte die Hirnaktivität.
Im Gehirn von Menschen mit ADHS traten häufiger sogenannte langsame Wellen auf. Diese Aktivität ähnelt dem Zustand im Schlaf. Sie entsteht lokal, während die Person wach bleibt. Die Auswirkungen lassen sich direkt beobachten:
- Reaktionen erfolgen langsamer
- Fehler treten häufiger auf
- Leistungen schwanken stärker
- subjektive Müdigkeit steigt spürbar
Zusätzlich berichten viele von zwei typischen Zuständen: Gedanken schweifen ab oder brechen komplett ab. Fachleute sprechen von „Gedankenabschweifen“ und „Gedankenleere“. Beide hängen eng mit diesen kurzen Schlafmomenten im Gehirn zusammen.
Mehr dieser Phasen sorgen für anhaltende Unruhe
Diese Prozesse gelten nicht als klassischer Fehler. Auch gesunde Menschen erleben solche kurzen Phasen, vor allem unter hoher Belastung. „Schlafähnliche Hirnaktivität ist ein normales Phänomen bei anspruchsvollen Aufgaben“, erklärt Studienautorin Elaine Pinggal. Der Unterschied zeigt sich in der Häufigkeit. „Jeder hat diese kurzen Phasen schlafähnlicher Aktivität“, so die Neurowissenschaftlerin. „Bei Menschen mit ADHS tritt das jedoch häufiger auf.“
Diese Häufung macht die Konzentration im Alltag so instabil. Im Gehirn verlangsamt sich die Aktivität in einzelnen Bereichen. Diese Regionen arbeiten kurzzeitig wie im Schlaf, während andere aktiv bleiben. So entstehen kleine Lücken in der Verarbeitung. Informationen gehen verloren, Handlungen brechen ab. Viele Betroffene beschreiben genau dieses Gefühl: Sie sind eigentlich dabei – und verlieren trotzdem den Faden.
Warum alltägliche Aufgaben plötzlich schwerfallen
Die neuen Erkenntnisse verändern den Blick auf ADHS. Konzentration hängt nicht nur von Motivation ab. Sie wird durch biologische Prozesse gesteuert, die sich kurzfristig verändern.
Im Alltag zeigt sich das in vielen Situationen:
- Gespräche reißen plötzlich ab
- Aufgaben bleiben unvollständig
- Fehler entstehen trotz Wissen
- längere Tätigkeiten fallen besonders schwer
Diese Muster wirken nach außen wie Unaufmerksamkeit. Tatsächlich laufen im Hintergrund messbare Prozesse ab. Das kann helfen, Missverständnisse zu reduzieren. Vor allem im Job oder in der Schule spielt das eine wichtige Rolle.
Neue Ansätze zielen auf den Schlaf
Frühere Untersuchungen deuten darauf hin, dass gezielte akustische Signale im Schlaf bestimmte Hirnaktivität beeinflussen können. Dahinter steht ein naheliegender Gedanke: Wenn der Schlaf stabiler verläuft, könnte auch die Aufmerksamkeit am Tag stabiler bleiben. Dann würden womöglich weniger dieser schlafähnlichen Phasen im Wachzustand auftreten und die Konzentration seltener abreißen.
Für konkrete Anwendungen ist es noch zu früh. Trotzdem zeichnet sich eine wichtige Richtung ab. Aufmerksamkeit hängt nicht nur von Training oder Medikamenten ab. Auch grundlegende Prozesse im Gehirn wirken mit.
Kurz zusammengefasst:
- Bei ADHS kann das Gehirn selbst im Wachzustand kurz in einen schlafähnlichen Zustand wechseln, was die Konzentration abrupt unterbricht und Fehler begünstigt.
- Diese „Mikro-Aussetzer“ treten häufiger auf als bei anderen Menschen und führen zu langsameren Reaktionen, schwankender Leistung und erhöhter Müdigkeit.
- Die Erkenntnis erklärt typische Alltagsprobleme biologisch und eröffnet neue Ansätze, die Konzentration über Schlaf und Gehirnprozesse gezielt zu stabilisieren.
Übrigens: Während bei ADHS kurze Aussetzer im Gehirn die Konzentration stören, könnte eine neue App den Alltag spürbar entlasten. Erste Daten zeigen deutliche Verbesserungen bei den Symptomen – mehr dazu in unserem Artikel.
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