Eine Lebensmittelallergie entsteht nicht zufällig – im Darm fällt die Entscheidung

Bestimmte Darm-Immunzellen erkennen gezielt Eiweißfragmente aus Mais, Weizen oder Soja und verhindern so eine Lebensmittelallergie.

Maispflanze

Mais enthält – ebenso wie Sojabohnen und Weizen – ein bestimmtes Speicherprotein, das laut der Studie zur Entwicklung von Toleranz gegenüber Lebensmitteln beiträgt und so vor einer Lebensmittelallergie schützen kann. © Salk Institute

Eine Lebensmittelallergie kann den Alltag massiv beeinträchtigen. Für manche Betroffene reicht ein kleiner Bissen, und der Körper reagiert mit Atemnot, Hautausschlag oder Kreislaufproblemen. In schweren Fällen kann die Reaktion sogar lebensbedrohlich sein. Weizen, Mais oder Soja steht bei vielen hingegen täglich auf dem Speiseplan – ohne Beschwerden auszulösen. Warum verträgt die große Mehrheit diese Lebensmittel problemlos?

Die Antwort liegt offenbar im Darm. Dort arbeitet ein aktives Kontrollsystem des Immunsystems. Es ignoriert Nahrung nicht einfach. Es prüft sie. Spezielle Abwehrzellen untersuchen gezielt einzelne Eiweißbestandteile und entscheiden, ob Alarm ausgelöst wird oder Ruhe herrscht. Eine neue Studie in der Fachzeitschrift Science Immunology beschreibt nun genauer, wie dieses Training funktioniert und warum es bei den meisten Menschen zuverlässig greift.

„Friedenszellen“ im Darm verhindern Überreaktionen

Im Zentrum stehen sogenannte regulatorische T-Zellen, kurz Treg-Zellen. Sie gelten als die „Friedensstifter“ des Immunsystems. Ihre Aufgabe besteht darin, überschießende Abwehrreaktionen zu bremsen. Sie patrouillieren im Darm und scannen Eiweißbestandteile aus der Nahrung.

Studienautorin Elizabeth Sattely von der Stanford University erklärt: „Wir wissen viel darüber, was das Immunsystem bei einer Allergie sieht und tut. Aber wir wissen sehr wenig darüber, was passiert, wenn alles richtig läuft.“ Dieser Frage ging die Untersuchung nach.

„Früher glaubten wir, dass Toleranz bedeutet, dass das Immunsystem Nahrung einfach ignoriert“, so Sattely. Heute gelte: „Wir wissen jetzt, dass Toleranz ein aktives und anpassungsfähiges Verhalten ist.“

Bestimmte Eiweißbausteine geben Entwarnung

Die Forscher fanden heraus, dass Treg-Zellen nicht auf jedes beliebige Protein reagieren. Sie konzentrieren sich auf kurze Abschnitte bestimmter Eiweiße. Diese kleinen Teile, sogenannte Epitope, wirken wie ein Signal für Sicherheit.

Besonders auffällig war ein Protein aus dem Maiskorn, das Alpha-Zein heißt. Innerhalb dieses Moleküls reagierten die Treg-Zellen vor allem auf ein einziges Fragment. „Was mich wirklich überrascht hat, war, wie fokussiert der Mechanismus ist“, berichtet Ryan Kong aus dem Team.

Obwohl im Darm täglich unzählige Stoffe auftauchen, reagiert das Immunsystem also sehr gezielt. Bis zu zwei Prozent aller regulatorischen T-Zellen im Körper können laut Untersuchung auf dieses Mais-Fragment reagieren. Das ist ein messbarer und relevanter Anteil der Immunabwehr.

Lebensmittelallergie entsteht, wenn dieses Training gestört ist

Die schützenden Treg-Zellen entwickeln sich früh im Leben. Sie entstehen etwa in der Phase rund um das Abstillen, wenn der Körper erstmals viele neue Nahrungsbestandteile kennenlernt. In dieser Zeit scheint das Immunsystem zu lernen, welche Stoffe harmlos sind. Fehlt dieses Training oder läuft es fehlerhaft ab, steigt offenbar das Risiko für eine Lebensmittelallergie. Die Forschungsergebnisse legen nahe:

  • Nur bestimmte Eiweißfragmente lösen eine tolerierende Reaktion aus.
  • Diese Fragmente stammen vor allem aus Speicherproteinen von Samen wie Mais, Weizen oder Soja.
  • Treg-Zellen unterdrücken aktiv andere Immunzellen, die sonst Entzündungen auslösen würden.

Damit wird klar: Verträglichkeit von Nahrungsmitteln entsteht durch ein aktives Lernprogramm im Darm.

Darmzellen beruhigen das Immunsystem gezielt

Sattely beschreibt den Ablauf so: „Bestimmte Zellen im Darm durchsuchen die Nahrung nach speziellen Proteinen. Wenn sie diese finden, signalisieren sie dem Immunsystem, dass das Lebensmittel sicher ist.“

Die Treg-Zellen wirken dabei wie Aufseher. Sie verhindern, dass andere Abwehrzellen eine übertriebene Entzündung starten. Im Labor ließ sich zeigen, dass diese regulatorischen Zellen entzündliche T-Zellen gezielt bremsen können. Noch stammen die Ergebnisse allerdings aus Versuchen mit Mäusen. Doch das Forschungsteam hält es für wahrscheinlich, dass ähnliche Mechanismen auch beim Menschen wirken.

Neue Wege zur Vorbeugung und Behandlung

Wenn klar ist, welche Eiweißfragmente das Immunsystem beruhigen, lassen sich gezielte Strategien im Umgang mit Lebensmittelallergien entwickeln. Denkbar sind:

  • Therapien, die regulatorische T-Zellen gezielt aktivieren
  • frühe Kontakte mit toleranzfördernden Eiweißbausteinen
  • eine Art vorbeugende „Toleranz-Impfung“ für Risikopersonen

Sattely formuliert es so: „Wir könnten Patienten mit einer Lebensmittelallergie behandeln und diese regulatorischen T-Zellen gezielt aktivieren.“ Ebenso denkbar sei es, bei gefährdeten Kindern frühzeitig eine toleranzfördernde Immunantwort aufzubauen. Sie fasst zusammen:

Toleranz ist mehr als nur das Fehlen einer Allergie. Es ist ein spezifisches, von Peptiden gesteuertes Trainingsprogramm des Immunsystems.

Kurz zusammengefasst:

  • Das Immunsystem ignoriert Nahrung nicht, sondern prüft gezielt bestimmte Eiweißfragmente im Darm und lernt so aktiv, welche Lebensmittel sicher sind.
  • Spezialisierte regulatorische T-Zellen erkennen ausgewählte Proteinabschnitte aus Mais, Weizen oder Soja und bremsen dadurch allergische Entzündungsreaktionen.
  • Eine Lebensmittelallergie entsteht vermutlich dann, wenn dieses frühe Training im Darm gestört ist oder ausbleibt – das neue Wissen eröffnet Ansätze für gezielte Prävention und Therapie.

Übrigens: Wie bei der Lebensmittelallergie entscheidet auch beim Altern der Darm mit – neue Forschung zeigt, dass bestimmte Bakterien den Stoffwechsel stabilisieren könnten. Ein gezielt eingesetzter Wirkstoff verändert ihre Aktivität so, dass Tiere länger lebten und bessere Blutfettwerte entwickelten. Mehr dazu in unserem Artikel.

Bild: © Salk Institute

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