Helfer zögern: Bei Reanimation haben Frauen schlechtere Karten als Männer

Eine Studie mit Medizinstudenten zeigt, dass Helfer bei der Reanimation von Frauen häufiger zögern und dadurch wichtige Sekunden verlieren.

Mehrere Menschen stehen um eine Reanimationspuppe herum, während ein Mann eine Herzdruckmassage simuliert.

Studenten testen die Wiederbelebung an einer Simulationspuppe mit Defibrillator. Die Messungen zeigen deutliche Unterschiede in Drucktiefe und Qualität der Reanimation. © MUI/D. Bullock

In Deutschland erleiden jedes Jahr rund 70.000 Menschen außerhalb von Krankenhäusern einen Herz-Kreislauf-Stillstand. In den ersten Minuten nach dem Zusammenbruch entscheidet oft nicht ein Arzt über das Überleben. Häufig greifen Passanten, Kollegen oder Familienmitglieder ein, lange bevor Rettungskräfte eintreffen. Sie beginnen mit der Wiederbelebung. In dieser Phase zeigt sich ein bislang wenig beachtetes Problem. Bei einem Herzstillstand zählt jede Sekunde – doch Frauen bekommen seltener Hilfe als Männer, und selbst wenn Helfer eingreifen, fällt die Reanimation oft schlechter aus.

Eine aktuelle Untersuchung der Medizinischen Universität Innsbruck bestätigt dieses Muster nun auch im Training angehender Mediziner. Der wichtigste Grund: Viele Helfer zögern, den Oberkörper von Frauen freizulegen oder sind unsicher im Umgang mit BH und Handposition auf dem Brustkorb. Diese Hemmungen können wertvolle Sekunden kosten – und verschlechtern die Qualität der Wiederbelebung.

Studie untersucht Unterschiede bei der Reanimation von Frauen

Für die Untersuchung wurde analysiert, wie Medizinstudenten eine Wiederbelebung durchführen. Ziel war es, mögliche Unterschiede zwischen männlichen und weiblichen Patienten sichtbar zu machen.

An der Studie nahmen 164 Studenten der Human- und Zahnmedizin teil. Alle absolvierten ein standardisiertes Reanimationstraining. Die Teilnehmer führten Herzdruckmassage und Beatmung an speziellen Übungspuppen durch.

Diese Trainingspuppen sind mit Sensoren ausgestattet. Eine App wertet die Bewegungen der Helfer aus und misst mehrere wichtige Faktoren der Wiederbelebung.

Messsystem bewertet Qualität der Wiederbelebung

Die Software registriert unter anderem:

  • wie tief die Helfer den Brustkorb drücken
  • wie gleichmäßig der Rhythmus der Herzdruckmassage ist
  • wie lange die Beatmung dauert

Aus diesen Daten berechnet das System einen Gesamtscore für die Qualität der Wiederbelebung. Die Skala reicht von 0 bis 100 Punkten.

Dabei zeigten sich deutliche Unterschiede. Bei einer männlichen Trainingspuppe erreichten die Teilnehmer im Durchschnitt 80,4 Punkte. Bei der weiblichen Puppe lag der Wert deutlich niedriger – hier kamen sie im Schnitt nur auf 70,5 Punkte.

Selbst Studenten mit praktischer Erfahrung schnitten bei der weiblichen Puppe schlechter ab. Einige von ihnen hatten bereits eine Ausbildung im Rettungsdienst abgeschlossen.

Unsicherheit beim Freilegen der Brust verzögert Hilfe

Die Studie zeigt auch, wo diese Hemmungen konkret entstehen. „Für die Studienteilnehmer war beispielsweise das Freilegen der Brust unangenehm“, sagt Studienleiterin Sabine Ludwig. Vor allem der Umgang mit einem BH sorgte für Zurückhaltung. Auch die korrekte Position der Hände auf dem Brustkorb führte bei einigen Teilnehmern zu Unsicherheit.

Der Medizinstudent Jakob Stähr, der an der Untersuchung beteiligt war, berichtete ebenfalls von diesen Schwierigkeiten. Besonders das Entfernen eines BHs und die richtige Handposition stellten für einige Teilnehmer eine Herausforderung dar.

Mehrere Befürchtungen spielten bei den Teilnehmern eine Rolle:

  • Angst vor möglichen Vorwürfen sexuellen Fehlverhaltens
  • Sorge, eine Frau bei der Herzdruckmassage stärker zu verletzen
  • Unsicherheit über die korrekte Position der Hände
  • Zurückhaltung beim Freilegen des Oberkörpers

Solche Hemmungen können wertvolle Sekunden kosten. Bei einem Herzstillstand sinkt die Überlebenschance mit jeder Minute ohne Hilfe deutlich.

Internationale Studien zeigen ähnliche Unterschiede

Auch internationale Untersuchungen kommen zu ähnlichen Ergebnissen. Frauen haben im öffentlichen Raum etwa 14 Prozent geringere Chancen, von zufälligen Helfern wiederbelebt zu werden.

Zu diesem Unterschied tragen mehrere Gründe bei. Herzprobleme äußern sich bei Frauen oft anders als bei Männern. Dadurch erkennen Umstehende einen Notfall manchmal später. Zudem spielen gesellschaftliche Hemmungen eine Rolle. Viele Menschen haben Angst, etwas falsch zu machen.

Aus medizinischer Sicht sind diese Ängste jedoch unbegründet. „Es gibt keinen medizinischen Unterschied bei der Reanimation zwischen Männern und Frauen“, stellt der Intensivmediziner Benjamin Treichl klar. Druckpunkt, Drucktiefe und Rhythmus der Herzdruckmassage bleiben identisch. Auch beim Einsatz eines Defibrillators gelten dieselben Regeln. Die Elektroden werden an denselben Stellen auf dem Brustkorb angebracht.

Frauen haben bei Herzstillstand ungünstigere Ausgangslage

Ein weiterer Faktor verschärft die Situation. „Frauen haben bei einer Wiederbelebung von vornherein eine schlechtere Prognose“, erklärt Barbara Sinner, Intensivmedizinerin und Direktorin der Universitätsklinik für Anästhesie und Intensivmedizin.

Der Grund liegt häufig im Herzrhythmus während des Notfalls. Frauen entwickeln seltener einen sogenannten defibrillierbaren Rhythmus. In solchen Fällen kann ein Defibrillator weniger effektiv wirken. Deshalb sind schnelle Basismaßnahmen besonders wichtig:

  • sofortige Herzdruckmassage
  • regelmäßige Beatmung
  • schneller Einsatz eines Defibrillators

Ausbildung entdeckt lange übersehenes Trainingsproblem

Die Studie macht außerdem ein strukturelles Problem sichtbar. In vielen Erste-Hilfe-Kursen fehlten lange geeignete Trainingspuppen für Frauen. Viele Ausbildungsstätten arbeiteten deshalb hauptsächlich mit männlichen Modellen oder improvisierten Lösungen. „In der Ausbildung haben wir uns mit Puppen beholfen, auf die Brüste einfach aufgeklebt werden“, erzählt Ludwig.

Die Ergebnisse der Studie haben derweil erste Konsequenzen. Immer mehr Ausbildungseinrichtungen planen den Einsatz von Trainingspuppen, die den weiblichen Körper realistischer darstellen. Damit auch Frauen in Notfällen zukünftig besser geholfen werden kann.

Kurz zusammengefasst:

  • Frauen werden bei Herzstillstand seltener reanimiert. Internationale Daten zeigen etwa 14 Prozent geringere Chancen auf Wiederbelebung.
  • Auch die Qualität der Hilfe ist schlechter. In einer Innsbrucker Studie erreichten Medizinstudenten bei einer männlichen Trainingspuppe 80,4 Punkte, bei einer weiblichen nur 70,5 Punkte.
  • Der Unterschied liegt nicht an der Medizin, sondern an Unsicherheit und fehlender Ausbildung mit weiblichen Trainingsmodellen.

Übrigens: Während Studien zeigen, dass Frauen im Notfall oft schlechter reanimiert werden, lohnt sich auch ein Blick auf einen anderen Gesundheitsfaktor: die Ernährung. Eine große Studie mit über 100.000 Menschen zeigt, dass Männer und Frauen mit unterschiedlichen Lebensmitteln ihre Lebenserwartung um bis zu drei Jahre erhöhen können – mehr dazu in unserem Artikel.

Bild: © MUI/D. Bullock

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