Forscher kartieren versunkene Stadt der Seidenstraße – ein Erdbeben riss sie in den Issyk-Kul-See
Unter dem Issyk-Kul-See entdeckten Archäologen Straßen, Gebäude und Gräber einer mittelalterlichen Handelsstadt der Seidenstraße.
Der Issyk-Kul-See im Tian-Shan-Gebirge war über Jahrhunderte Teil wichtiger Handelswege zwischen Ost- und Zentralasien. © Wikimedia
Steinmauern, Straßen, öffentliche Gebäude und ein großer muslimischer Friedhof liegen heute unter Wasser. Dort, wo am Nordufer des Issyk-Kul-Sees in Kirgisistan nur wenige Meter tiefes Wasser schwappt, zeichnen sich die Umrisse einer einst bedeutenden Handelsstadt ab. Die versunkene Stadt der Seidenstraße gehörte offenbar zu einem wichtigen Knotenpunkt des mittelalterlichen Fernhandels – bis ein schweres Erdbeben sie vor rund 600 Jahren im See verschwinden ließ.
Archäologen kartierten die Überreste im Herbst 2025. Taucher arbeiteten in Wassertiefen zwischen einem und vier Metern. Unter ihnen fanden sie Backsteinmauern, eingestürzte Gebäude, Holzbalken und einen großen Mühlstein, wie die Russische Geographische Gesellschaft berichtet.
Taucher legen erstaunlich gut erhaltene Stadtreste frei
Die Untersuchungen konzentrierten sich auf den überfluteten Komplex Toru-Aygyr am nordwestlichen Ufer des Sees. Das Team um den Unterwasserarchäologen Maxim Menschikow von der Russischen Akademie der Wissenschaften und Valery Koltschenko von der Nationalen Akademie der Wissenschaften Kirgisistans dokumentierte vier Bereiche der versunkenen Siedlung.
Neben Tauchgängen wurden auch Unterwasserdrohnen eingesetzt, Bohrungen durchgeführt und Materialproben entnommen. Die Forscher untersuchten Holz, Lehm und Bodenproben, um Alter und Entwicklung der Siedlung genauer bestimmen zu können. Auch chinesische Quellen aus dem Mittelalter sollen nun mit den archäologischen Funden abgeglichen werden.
Die versunkene Stadt der Seidenstraße besaß Mühlen und öffentliche Gebäude
Besonders aufschlussreich war ein Bereich mit gemauerten Backsteinstrukturen. Dort entdeckten die Archäologen einen großen Mühlstein. Solche Funde gelten als Hinweis auf eine dauerhafte Versorgung größerer Bevölkerungsgruppen.
Hinzu kam ein kunstvoll gestaltetes Architekturfragment. Es könnte einst zu einer Moschee, einem Badehaus oder einer Madrasa gehört haben. Koltschenko beschreibt die Anlage als „eine Stadt oder eine große Handelsagglomeration“ an einem wichtigen Abschnitt der Seidenstraße.
Händler, Pilger und Karawanen nutzten die Route durch die Berge
Der Issyk-Kul-See lag an einer bedeutenden Verbindung zwischen Ost und West. Mit den Karawanen gelangten nicht nur Waren, sondern auch Religionen, Technologien und Ideen durch Zentralasien bis nach Europa.
Der See selbst ist eine Naturmarke dieser Landschaft: Sein Name bedeutet auf Kirgisisch „warmer See“, weil sein salzhaltiges Wasser im Winter meist eisfrei bleibt. Mit rund 6.280 Quadratkilometern ist er etwa zwölfmal so groß wie der Bodensee.

Die Region rund um das Tian-Shan-Gebirge war deshalb weit mehr als eine abgelegene Berglandschaft. Der Abschnitt am Issyk-Kul stand zeitweise unter Kontrolle der Karachaniden, einer turkstämmigen Dynastie. Chinesische Quellen erwähnten das Gebiet ebenfalls. China betrachtete die Region offenbar als Interessenzone, konnte sie aber nicht kontrollieren.
In einem zweiten Untersuchungsgebiet stießen die Forscher auf eine muslimische Nekropole aus dem 13. und 14. Jahrhundert. Sie umfasst rund 300 mal 200 Meter. Die Toten lagen nach islamischer Tradition bestattet, mit Blickrichtung zur Qibla, also zur Kaaba in Mekka.
Die Anlage liefert wertvolle Hinweise auf die Bevölkerung der damaligen Stadt. Die Forscher bargen die Überreste eines Mannes und einer Frau. Wellen und Erosion bedrohen Teile des Friedhofs bereits heute.
Gräber bewahren Spuren verschiedener Kulturen
Die Region erlebte über Jahrhunderte einen intensiven Austausch von Kulturen und Glaubensrichtungen. Vor der weiten Verbreitung des Islam waren hier unter anderem Tengrismus, Buddhismus und das nestorianische Christentum verbreitet.
Im 13. Jahrhundert gewann der Islam unter dem Einfluss der Goldenen Horde in der Region deutlich an Bedeutung. Die Friedhofsanlage passt in diese Phase. Sie ergänzt das Bild einer Stadt, in der Handel, Religion und Macht eng miteinander verbunden waren.
Erdbeben ließ die Stadt vermutlich im See versinken
Der Issyk-Kul-See besitzt keinen natürlichen Abfluss. Flüsse speisen ihn, doch sein Wasser gelangt nicht ins Meer. Über Jahrhunderte veränderten sich dadurch immer wieder die Uferlinien.
Nach Einschätzung der Forscher traf Anfang des 15. Jahrhunderts ein starkes Erdbeben die Region. Teile der Stadt sanken ab oder wurden überflutet. Koltschenko zieht einen Vergleich mit Pompeji, hält den Fall aber für deutlich weniger bekannt. Nach seiner Einschätzung hatten die Bewohner die Siedlung zum Zeitpunkt der Katastrophe wohl bereits verlassen.
An einem dritten Fundort entdeckten die Archäologen mittelalterliche Keramik und ein großes, vollständig erhaltenes Khum-Gefäß. Solche großen Vorratsgefäße dienten in Zentralasien häufig zur Lagerung von Lebensmitteln oder Flüssigkeiten.
Das Gefäß steckt noch tief im Boden. Die Forscher wollen es deshalb erst in der nächsten Saison bergen. In der Nähe fanden sie drei weitere Gräber. Sie könnten zu einem älteren Friedhof gehören und auf eine längere Nutzung des Areals hinweisen.
Holzbalken sollen das Alter präzise bestimmen
Mehrere geborgene Holzbalken gehen nun in Speziallabore. Dort analysieren Wissenschaftler die Jahresringe der Hölzer. Diese Methode kann oft erstaunlich genau bestimmen, wann ein Baum gefällt wurde.
Zusätzlich kommt die Beschleuniger-Massenspektrometrie zum Einsatz. Dabei messen Experten den Anteil bestimmter Kohlenstoffisotope. So lässt sich das Alter organischer Materialien genauer eingrenzen.
Unter dem See entsteht das Bild einer ganzen Stadt
Frühere Untersuchungen hatten bereits mittelalterliche Backsteingebäude, Brennöfen, Keramikreste, Tierknochen und Metallverarbeitung nachgewiesen. Die neuen Funde fügen dem Puzzle weitere Teile hinzu.
Immer klarer zeichnet sich eine komplette Stadtlandschaft ab. Straßen, Werkstätten, religiöse Gebäude, Vorratsgefäße und Friedhöfe deuten auf ein lebendiges Zentrum des Handels hin. Dort kauften Menschen Waren, mahlten Getreide, beteten und bestatteten ihre Angehörigen – bis Naturgewalten die Stadt unter den Wassern des Issyk-Kul-Sees verschwinden ließen.
Kurz zusammengefasst:
- Unter dem Issyk-Kul-See in Kirgisistan haben Archäologen die Reste einer mittelalterlichen Handelsstadt der Seidenstraße kartiert: Straßen, Gebäude, Mühlstein, Keramik und Gräber.
- Die Funde deuten auf ein wichtiges Handelszentrum hin, in dem Waren, Religionen und Kulturen zwischen Ost und West aufeinandertrafen.
- Ein schweres Erdbeben Anfang des 15. Jahrhunderts ließ Teile der Stadt im See verschwinden; die Bewohner hatten sie damals wohl schon verlassen.
Übrigens: Auch in der Adria bewahrt Wasser Spuren vergangener Handelswege – dort verrät ein römisches Wrack, wie Seeleute ihre Schiffe mit Pech und Wachs über Jahre seetüchtig hielten. Mehr dazu in unserem Artikel.
Bild: © Maritza Cerda Cerda via Wikimedia unter CC BY-SA 4.0
