Aspirin schützt nicht vor Darmkrebs – große Analyse warnt vor Blutungsrisiko

Eine Studie mit über 124.000 Teilnehmern zeigt: Aspirin schützt kurzfristig nicht vor Darmkrebs, erhöht aber das Risiko schwerer Blutungen.

Frau hält ein Glas Wasser und eine Tablette in der Hand

Zur allgemeinen Vorbeugung von Darmkrebs eignet sich Aspirin nach aktueller Studienlage nicht – das Blutungsrisiko ist klar belegt. © Freepik

Seit Jahren kursiert die Hoffnung, eine Aspirin-Tablette täglich könne vor Darmkrebs schützen. Eine große Auswertung stellt diese Annahme nun infrage. Forscher des West China Hospital analysierten zehn randomisierte Studien mit mehr als 124.000 Teilnehmern und fanden keinen verlässlichen Beleg für eine Schutzwirkung in den ersten 15 Jahren der Einnahme. Gleichzeitig steigt das Risiko für schwere Blutungen messbar an. Die Ergebnisse wurden in der Cochrane Database of Systematic Reviews veröffentlicht.

Mehr als 55.000 Menschen wurden 2023 in Deutschland neu mit Darmkrebs diagnostiziert. Trotz sinkender Raten bleibt die Erkrankung eine der häufigsten Krebsarten. Entsprechend groß war in den vergangenen Jahren die Hoffnung auf zusätzliche Möglichkeiten der Vorbeugung. Auch Aspirin geriet dabei in den Blick. Weil Entzündungen bei der Entstehung von Tumoren eine Rolle spielen, schien eine dauerhafte Hemmung naheliegend. In einigen Ländern wurde eine regelmäßige Einnahme zeitweise sogar empfohlen. Die neue Auswertung fällt nun deutlich nüchterner aus.

Zehn Studien mit 124.837 Teilnehmern ausgewertet

In die Analyse flossen zehn randomisierte, kontrollierte Studien ein. Insgesamt nahmen 124.837 Menschen mit durchschnittlichem Darmkrebsrisiko teil. Meist erhielten sie täglich 75 bis 100 Milligramm Aspirin.

Geeignete Studien zu anderen nicht steroidalen Antirheumatika fanden die Autoren nicht. Die Bewertung bezieht sich daher ausschließlich auf Aspirin. Entscheidend waren zwei Hauptkriterien: die Häufigkeit von Darmkrebs und das Auftreten schwerer Nebenwirkungen.

In den ersten 15 Jahren kein messbarer Schutz

Die Ergebnisse zeichnen ein klares Bild. Zwischen fünf und zehn Jahren Einnahme ergab sich kein Unterschied bei der Erkrankungsrate. Auch im Zeitraum von zehn bis 15 Jahren blieb ein schützender Effekt aus.

Erst nach mindestens 15 Jahren Beobachtungszeit fanden einzelne Studien Hinweise auf eine geringere Zahl an Darmkrebserkrankungen. Die berechnete Risikoreduktion lag bei rund 22 Prozent. Die Autoren bewerten diese Daten jedoch als „sehr geringe Sicherheit“. Sie stammen aus verlängerten Beobachtungsphasen. In dieser Zeit konnten Teilnehmer ihre Medikation eigenständig verändern oder zusätzliche Therapien beginnen. Solche Faktoren erhöhen das Risiko systematischer Verzerrungen.

Ein ähnliches Muster zeigte sich bei der Sterblichkeit durch Darmkrebs. In den ersten fünf bis zehn Jahren deuteten die Daten sogar auf eine mögliche Erhöhung der Todesfälle hin. Nach mehr als 15 Jahren ergaben sich Hinweise auf eine Verringerung um etwa 26 Prozent. Auch hier betonen die Autoren die geringe Sicherheit der Evidenz.

„Die Vorstellung, dass Aspirin langfristig vor Darmkrebs schützt, ist zwar verlockend, aber unsere Analyse zeigt, dass dieser Nutzen nicht garantiert ist und mit unmittelbaren Risiken einhergeht“, erklärt Dr. Zhaolun Cai, Erstautor der Studie.

Blutungsrisiken treten sofort auf

Während ein möglicher Nutzen erst nach Jahrzehnten diskutiert wird, sind die Nebenwirkungen klar belegt. Die tägliche Einnahme von Aspirin erhöht das Risiko schwerer Blutungen außerhalb des Gehirns deutlich.

Das relative Risiko stieg um 59 Prozent. Diese Einschätzung beruht auf einer hohen Beweissicherheit. Zusätzlich erhöht sich wahrscheinlich das Risiko für hämorrhagische Schlaganfälle. Hier lag die Risikosteigerung bei etwa 40 Prozent.

Auch niedrig dosiertes Aspirin, oft als „Baby-Aspirin“ bezeichnet, ist nicht frei von Risiken. Höhere Dosierungen steigern die Gefahr weiter. Besonders ältere Menschen sowie Personen mit Magengeschwüren oder Blutgerinnungsstörungen gelten als anfällig.

„Meine größte Sorge ist, dass Menschen annehmen könnten, eine Aspirin-Tablette heute schütze sie morgen vor Krebs. In Wirklichkeit braucht ein möglicher vorbeugender Effekt mehr als ein Jahrzehnt – wenn er überhaupt eintritt –, während das Blutungsrisiko sofort beginnt“, warnt Dr. Bo Zhang, der ebenfalls an der Forschung beteiligt war.

Kein pauschaler Ansatz für alle

Frühere Hinweise auf mögliche Vorteile betrafen vor allem Hochrisikogruppen, etwa Menschen mit genetischer Veranlagung wie dem Lynch-Syndrom. Die aktuelle Analyse konzentriert sich ausdrücklich auf Personen mit durchschnittlichem Risiko. Für diese Gruppe bleibt der langfristige Nutzen unsicher.

„Diese Auswertung zeigt, dass wir uns von einem Einheitsansatz verabschieden müssen. Eine breite Anwendung von Aspirin in der Allgemeinbevölkerung wird durch die aktuelle Evidenz nicht gestützt“, sagt Studienautor Dr. Dan Cao.

„Die aktuelle Evidenz unterstützt keine allgemeine Empfehlung, Aspirin ausschließlich zur Vorbeugung von Darmkrebs einzunehmen“, erklären die Autoren in einer gemeinsamen Mitteilung.

Was nachweislich vor Darmkrebs schützt

Unabhängig von der Aspirin-Debatte gelten Vorsorgeuntersuchungen als wirksamste Prävention. In Deutschland können Menschen ab 50 Jahren regelmäßig eine Darmspiegelung oder alternativ einen Stuhltest durchführen lassen. So lassen sich Vorstufen oft erkennen und entfernen, bevor Krebs entsteht.

Auch der Lebensstil spielt eine zentrale Rolle: Normalgewicht, regelmäßige Bewegung, wenig Alkohol und der Verzicht auf Rauchen senken das Risiko messbar.

Kurz zusammengefasst:

  • Eine Auswertung von 10 hochwertigen Studien mit 124.837 Teilnehmern zeigt: In den ersten 15 Jahren senkt Aspirin das Darmkrebsrisiko nicht nachweisbar; mögliche Vorteile nach mehr als 15 Jahren gelten als wissenschaftlich unsicher.
  • Gleichzeitig steigt das Risiko für schwere Blutungen deutlich an (+59 Prozent); auch hämorrhagische Schlaganfälle treten häufiger auf (+40 Prozent).
  • Für Menschen mit durchschnittlichem Risiko gibt es damit keine belastbare Grundlage, Aspirin gezielt zur Vorbeugung von Darmkrebs einzunehmen.

Übrigens: Chronische Darmentzündungen können das Immunsystem bis ins Knochenmark verändern und so Darmkrebs begünstigen. Welche Rolle der Botenstoff TL1A dabei spielt, mehr dazu in unserem Artikel.

Bild: © Freepik

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