Frauen arbeiten genauso viel wie Männer – warum sie trotzdem 43 Prozent weniger Rente bekommen
Trotz gleicher Gesamtarbeitszeit zeigt der Pay Gap in Deutschland klare Unterschiede bei Lohn, Teilzeit und Altersvorsorge.
Die Untersuchung zeigt auch, dass Mütter und Väter zwar gleich viele Stunden arbeiten, der Großteil der unbezahlten Sorgearbeit jedoch weiterhin bei den Frauen liegt. © Freepik
Deutschland diskutiert über längere Arbeitszeiten und mehr Leistungsbereitschaft. Gleichzeitig zeigen aktuelle Zahlen zum Pay Gap in Deutschland, dass viele Eltern längst am Limit arbeiten. Erwerbstätige Mütter und Väter kommen im Schnitt auf 60 Stunden Arbeit pro Woche – Erwerbsarbeit und Sorgearbeit zusammengerechnet. Der Unterschied liegt nicht im Einsatz, sondern darin, welche Stunden bezahlt werden. Und genau dort entsteht die Einkommenslücke.
Eine neue Auswertung der Hans-Böckler-Stiftung hat fast 30 Indikatoren zur Gleichstellung analysiert. Beim Lohn gab es leichte Fortschritte. Doch bei Arbeitszeit, Sorgearbeit und Altersvorsorge bestehen weiterhin deutliche Unterschiede.
Der Pay Gap bleibt in Deutschland weiterhin spürbar
Der Gender Pay Gap lag 2024 bei 16 Prozent. Frauen verdienen im Durchschnitt 4,10 Euro pro Stunde weniger als Männer. Damit liegt Deutschland über dem EU-Durchschnitt von 12 Prozent.
Auch bei Vollzeit zeigt sich ein Unterschied. Frauen verdienen 1,5-mal so häufig weniger als 2530 Euro brutto im Monat wie Männer. Langfristig wirkt sich das stark aus. 2023 erhielten Frauen im Schnitt 43 Prozent weniger Alterssicherung als Männer.
Nur knapp die Hälfte der angestellten Frauen kann ihre Existenz dauerhaft aus eigenem Einkommen sichern. Bei Männern gelingt das drei Vierteln. Ein Einkommen, das zusätzlich ein Kind absichert, erreichen nur rund ein Drittel der Frauen – aber etwa die Hälfte der Männer.
60 Stunden Arbeit – aber anders verteilt
Erwerbstätige Mütter und Väter leisten im Schnitt jeweils 60 Stunden pro Woche. Doch bei Müttern entfallen rund 60 Prozent dieser Zeit auf unbezahlte Haus- und Sorgearbeit. Bei Vätern bestehen etwa 60 Prozent aus bezahlter Erwerbsarbeit.
Kinderlose Frauen und Männer kommen auf 52 beziehungsweise knapp 51 Stunden pro Woche. Mütter investieren 1,8-mal so viel Zeit in Sorgearbeit wie kinderlose Frauen. Zwei Drittel der Kinderbetreuung übernehmen Frauen, ein Drittel Männer. Im Bericht heißt es:
Es bestehen weiterhin deutliche Unterschiede am Arbeitsmarkt zwischen Frauen und Männern. Die Geschlechterungleichheiten fallen besonders deutlich aus, wenn Kinder mit im Haushalt leben.
Erwerbsbeteiligung bleibt ungleich
Die Erwerbsquote von Frauen liegt sieben bis acht Prozentpunkte unter der von Männern. An diesem Abstand hat sich in den letzten Jahren kaum etwas geändert. Bei Paaren mit Kindern ist das Modell mit männlichem Alleinverdiener doppelt so häufig wie bei kinderlosen Paaren. Zwei Vollzeitstellen sind vor allem in Haushalten ohne Kinder üblich.
Frauen berichten zudem häufiger von Zeitdruck, Unterbrechungen und emotionaler Belastung. Viele arbeiten im sozialen, erzieherischen oder dienstleistungsnahen Bereich.
Teilzeit prägt weibliche Lebensläufe
Der Abstand bei der wöchentlichen Erwerbsarbeitszeit beträgt aktuell 7,5 Stunden. Seit rund 15 Jahren sinkt er leicht. Hauptgrund ist eine moderate Reduzierung der Arbeitszeit bei Männern. Strukturell bleibt der Unterschied jedoch deutlich:
- Fast jede zweite erwerbstätige Frau arbeitet weniger als 32 Stunden pro Woche.
- Nur jeder achte Mann arbeitet in diesem Umfang reduziert.
- Knapp 60 Prozent der Minijobber sind Frauen.
- Frauen mit Kindern arbeiten 1,7-mal häufiger in Teilzeit als Frauen ohne Kinder.
Männer mit Kindern bleiben dagegen überwiegend in Vollzeit. Betreuungspflichten führen bei ihnen deutlich seltener zu einer Reduzierung der Arbeitszeit.
Viele wünschen sich weniger Arbeitszeit
Viele Beschäftigte würden gern weniger arbeiten. Frauen wünschen sich im Durchschnitt 3,8 Stunden weniger pro Woche, Männer sogar 4,4 Stunden. Besonders ausgeprägt ist dieser Wunsch bei Eltern in Vollzeit. Eltern in Teilzeit möchten dagegen häufig etwas länger arbeiten.
„Der systematische Blick auf die relevanten Zahlen macht deutlich, wie wohlfeil Appelle sind, die Menschen in Deutschland müssten einfach mal mehr ‚Bock auf Arbeit‘ haben und sich ins Zeug legen“, sagt Prof. Dr. Bettina Kohlrausch vom WSI. „Gerade Menschen mit Sorgeverpflichtungen und ganz besonders Frauen, die Kinder haben oder Angehörige pflegen, müssen zwei Jobs unter einen Hut bringen.“
Elternzeit und Betreuung ändern wenig an der Verteilung
Fast alle Mütter beziehen Elterngeld. Bei Vätern ist es knapp die Hälfte. Mütter nutzen meist zehn bis 14 Monate, Väter überwiegend zwei Monate. Die Kinderbetreuung wurde ausgebaut. Rund jedes zweite Kind zwischen drei und sechs Jahren besucht eine Ganztagseinrichtung. Bei den Zwei- bis Dreijährigen sind es zwei Drittel zumindest für einen Teil des Tages.
Dennoch bleibt die Hauptverantwortung für Sorgearbeit meist bei den Müttern. Eltern arbeiten viel. Doch bei Müttern bleibt ein großer Teil dieser Leistung finanziell unsichtbar.
Kurz zusammengefasst:
- Erwerbstätige Eltern arbeiten im Schnitt 60 Stunden pro Woche, doch bei Müttern entfällt rund 60 Prozent dieser Zeit auf unbezahlte Sorgearbeit – eine Verteilung, die Einkommen, Karrierechancen und Rentenansprüche langfristig beeinflusst.
- Der Pay Gap beträgt in Deutschland 16 Prozent, Frauen verdienen durchschnittlich 4,10 Euro pro Stunde weniger und erhalten im Alter 43 Prozent geringere Renten – strukturelle Unterschiede wirken also über das gesamte Erwerbsleben hinweg.
- Teilzeit und Elternzeit verstärken die Ungleichheit: Fast jede zweite erwerbstätige Frau arbeitet unter 32 Stunden, Mütter sind 1,7-mal häufiger in Teilzeit als kinderlose Frauen, und sie übernehmen zwei Drittel der Kinderbetreuung – dadurch bleibt ein großer Teil ihrer Arbeit unsichtbar und unbezahlt.
Übrigens: Während neue Zahlen zum Pay Gap zeigen, wie viel Arbeit von Müttern unsichtbar bleibt, macht „Swiftynomics“ deutlich, wie stark Frauen ganze Volkswirtschaften tragen – oft ohne in Statistiken aufzutauchen. Warum Care-Arbeit, Eigentum und Zeit über wirtschaftliche Macht entscheiden, mehr dazu in unserem Artikel.
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