Guter Schlaf zählt mehr als 10.000 Schritte – warum Nächte über Bewegung entscheiden

Eine Analyse mit 28 Millionen Tagen zeigt: Nur 13 Prozent schaffen ausreichend Schlaf und Bewegung. Wer gut schläft, ist am nächsten Tag deutlich aktiver – mehr Schritte allein helfen kaum.

Frau wacht morgens erholt auf

Erholsamer Schlaf als Grundlage: Ruhige, ungestörte Nächte entscheiden darüber, wie viel Energie Menschen am nächsten Tag für Bewegung haben. © Pexels

Der Wecker klingelt früh. Der Tag beginnt hektisch. Abends bleibt wenig Zeit. Viele Menschen kennen dieses Gefühl. Bewegung rutscht nach hinten. Schlaf ebenso. Beides gilt als gesund. Beides soll täglich gelingen. Doch genau daran scheitern die meisten.

Mehr als 28 Millionen Tage aus dem echten Leben liefern nun ein klares Bild. Die Daten stammen von über 70.000 Menschen weltweit, die ihren Schlaf und ihre Schritte über Jahre hinweg messen ließen. Das Ergebnis der Studie ist ernüchternd: Weniger als 13 Prozent schaffen es dauerhaft, genug zu schlafen und sich ausreichend zu bewegen.

Warum Schlaf und Bewegung im Alltag kollidieren

Empfohlen werden sieben bis neun Stunden Schlaf pro Nacht. Dazu mindestens 8.000 Schritte am Tag. Beides zusammen bleibt die Ausnahme. Die Auswertung zeigt: Rund 77 Prozent der Teilnehmer verfehlen die Schrittzahl. Fast die Hälfte schläft regelmäßig weniger als sieben Stunden.

Besonders auffällig ist eine Gruppe: Knapp 17 Prozent schlafen im Schnitt unter sieben Stunden und bewegen sich weniger als 5.000 Schritte täglich. Diese Kombination gilt als problematisch. Sie steht in Verbindung mit höherem Risiko für chronische Erkrankungen, Gewichtszunahme und psychische Belastungen.

Die Zahlen stammen aus einer Analyse, die an der Flinders University durchgeführt wurde. Erfasst wurden die Daten über dreieinhalb Jahre hinweg mit handelsüblichen Schlafsensoren und Fitnessuhren.

Schlaf entscheidet über Bewegung – nicht umgekehrt

Entscheidend ist die Richtung des Effekts. Gängige Annahmen geraten ins Wanken. Viele glauben: Wer sich tagsüber mehr bewegt, schläft nachts besser. Die Daten erzählen eine andere Geschichte.

„Wir haben festgestellt, dass eine gute Nacht – vor allem mit hoher Schlafqualität – die Grundlage für einen aktiveren Tag ist“, sagt Erstautor Josh Fitton von der Flinders University. Menschen mit erholsamem Schlaf bewegten sich am nächsten Tag deutlich mehr. Zusätzliche Schritte am Tag verbesserten den Schlaf in der folgenden Nacht dagegen kaum.

Die Effekte sind messbar. Wer effizient schläft, also weniger wach liegt und ruhiger schläft, legt am nächsten Tag im Schnitt 200 bis 300 Schritte mehr zurück. Umgekehrt bleibt der Einfluss gering. Selbst deutlich mehr Bewegung verkürzt die Einschlafzeit nur um wenige Minuten.

Sechs Stunden machen aktiv, sieben bis neun halten gesund – was Schlaf wirklich bewirkt

Die höchste Schrittzahl am Folgetag wurde nach rund sechs Stunden Schlaf gemessen. Nach solchen Nächten bewegten sich die Teilnehmer deutlich mehr als nach längerer Ruhe. Im direkten Vergleich legten sie im Schnitt rund 339 Schritte mehr zurück als nach acht Stunden Schlaf. Auch gegenüber sieben Stunden Schlaf lag die Aktivität noch etwa 200 Schritte höher.

„Unsere Daten zeigen, dass etwa sechs bis sieben Stunden Schlaf mit den höchsten Schrittzahlen am nächsten Tag verbunden sind“, sagt Fitton. Zugleich betont er: „Das heißt nicht, dass weniger Schlaf besser ist. Qualität ist genauso wichtig.“

Sehr kurze Nächte wirkten ebenfalls bremsend. Nach nur vier Stunden Schlaf ging die Aktivität wieder deutlich zurück – um rund 180 Schritte im Vergleich zu sechs Stunden. Der Zusammenhang folgt damit keiner einfachen Logik von „weniger oder mehr“, sondern einem schmalen Bereich dazwischen.

Für die Gesundheit ergibt sich daraus jedoch kein neues Schlafziel. Die empfohlenen sieben bis neun Stunden bleiben maßgeblich für langfristiges Wohlbefinden. Die höheren Schrittzahlen nach kürzerem Schlaf beschreiben eine kurzfristige Tagesreaktion, keine gesündere Schlafdauer. Entscheidend bleibt, wie erholsam die Nacht verläuft: wenige Unterbrechungen, kurze Wachphasen, ruhiger Schlaf.

Schlaf und Bewegung überfordern viele Menschen

Die Ergebnisse werfen Fragen an bestehende Empfehlungen auf. Beide Ziele gelten einzeln als sinnvoll. Zusammen sind sie für viele kaum erreichbar.

„Nur ein sehr kleiner Teil schafft beide Empfehlungen täglich“, so Fitton. „Wir müssen überlegen, wie diese Vorgaben im echten Leben zusammenpassen und wie Menschen dabei unterstützt werden können.“

Die Schwierigkeiten zeigen sich über alle Altersgruppen hinweg. Jüngere, Menschen mittleren Alters und Ältere kämpfen ähnlich. Selbst bei angepassten Richtwerten bleibt die Quote niedrig. Bei über 54-Jährigen erreichen nur rund 19 Prozent sowohl ausreichend Schlaf als auch genügend Bewegung.

Schlaf als Hebel für einen aktiveren Alltag

Für den Alltag bedeutet das eine Verschiebung der Prioritäten. Wer mehr Bewegung will, sollte zuerst auf den Schlaf schauen. Das betont auch Seniorautor der Studie, Professor Danny Eckert.

„Schlaf zu priorisieren kann der wirksamste Weg sein, um Energie, Motivation und Bewegungsfähigkeit zu steigern“, sagt Eckert. Kleine Änderungen reichten oft aus. Weniger Bildschirmzeit am Abend. Feste Schlafzeiten. Eine ruhige Umgebung.

„Schlaf ist kein passiver Zustand“, erklärt Eckert. „Er trägt aktiv dazu bei, wie gesund und beweglich Menschen ihren Alltag gestalten können.“

Schlaf als Schlüssel zur Bewegung: Danny Eckert (links) und Josh Fitton (rechts) von der Flinders University zeigen, warum erholsame Nächte den Alltag messbar aktiver machen. © Flinders University
Schlaf als Schlüssel zur Bewegung: Danny Eckert (links) und Josh Fitton (rechts) von der Flinders University zeigen, warum erholsame Nächte den Alltag messbar aktiver machen. © Flinders University

Was die Daten realistisch zeigen

Die Studie basiert auf objektiven Messungen. Sie bildet Alltag ab, keinen idealen Lebensstil. Genau das macht sie relevant. Die Effekte einzelner Nächte bleiben moderat. Niemand wird durch besseren Schlaf sofort sportlich. Doch auf Bevölkerungsebene zählt jeder Schritt.

Gleichzeitig relativieren die Zahlen Erwartungen. Eine Verbesserung der Schlafqualität steigert die Schritte um einige Hundert. Schlaf wirkt eher als Voraussetzung. Nicht als Ersatz.

Die Daten legen nahe: Wer erschöpft aufwacht, bewegt sich weniger. Wer erholt startet, hat mehr Spielraum. Bewegung folgt der Energie. Nicht umgekehrt.

Kurz zusammengefasst:

  • Nur rund 13 Prozent der Menschen erreichen gleichzeitig die empfohlenen 7–9 Stunden Schlaf und mindestens 8.000 Schritte pro Tag; Schlafmangel und Bewegungsarmut treten im Alltag häufig gemeinsam auf.
  • Die Richtung ist entscheidend: Erholsamer, effizienter Schlaf führt am nächsten Tag zu 200–300 zusätzlichen Schritten, während mehr Bewegung den Schlaf nur minimal verbessert.
  • Sechs bis sieben Stunden Schlaf gehen mit der höchsten Tagesaktivität einher, gelten aber nicht als neues Gesundheitsoptimum – für langfristige Gesundheit bleiben 7–9 Stunden maßgeblich, entscheidend ist die Schlafqualität.

Übrigens: Während guter Schlaf die Bewegung am nächsten Tag messbar ankurbelt, zeigt eine andere Langzeitstudie, dass schon 3.000 Schritte täglich reichen können, um den geistigen Abbau bei erhöhtem Alzheimer-Risiko um Jahre zu bremsen. Warum dabei Regelmäßigkeit wichtiger ist als große Ziele – mehr dazu in unserem Artikel.

Bild: © Pexels

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