Gefährliches Körperfett: Wo es sitzt, entscheidet über die Gesundheit des Gehirns

Nicht nur das Gewicht zählt: Verstecktes Körperfett in Organen kann das Gehirn schneller altern lassen – auch bei normalem BMI.

Frau misst ihren Bauchumfang

Entscheidend ist nicht nur das Gewicht, sondern wo sich Fett im Körper ansammelt – das kann das Gehirn belasten. © Pexels

Das Körpergewicht gilt als zuverlässiger Gradmesser für die Gesundheit. Liegt es im Normalbereich, scheint alles in Ordnung. Doch dieser Eindruck kann täuschen. Denn Fett verteilt sich im Körper sehr unterschiedlich. Manche Ablagerungen bleiben sogar unsichtbar: Sie sitzen tief in Organen oder zwischen Muskeln.

Die Fettverteilung kann langfristig beeinflussen, wie gut das Gehirn arbeitet und wie schnell es altert. Darauf weist eine große Auswertung medizinischer Bilddaten hin, die kürzlich veröffentlicht wurde. Entscheidend ist demnach nicht nur die Menge des Fetts, sondern sein Speicherort. Besonders tückisch sind Fettansammlungen, die optisch nicht auffallen und auch bei Menschen mit moderatem Gewicht vorkommen.

Bildgebung macht versteckte Fettansammlungen sichtbar

Grundlage der Analyse sind MRT-Aufnahmen von 25.997 Erwachsenen aus der britischen UK Biobank. Die Teilnehmenden waren im Durchschnitt 55 Jahre alt. Mithilfe der Magnetresonanztomografie ließ sich Fett in verschiedenen Körperregionen präzise erfassen. Gemessen wurde unter anderem Fett in Leber, Bauchspeicheldrüse, Bauchraum, Muskulatur und rund um innere Organe.

Anschließend ordnete das Forschungsteam die Teilnehmenden nach typischen Mustern der Fettverteilung. Besonders zwei Muster fielen auf, weil sie eng mit Veränderungen im Gehirn verbunden waren.

Zwei Fettmuster mit besonderem Risiko fürs Gehirn

Das erste Muster betrifft Menschen mit auffallend hohem Fettanteil in der Bauchspeicheldrüse. Diese Ablagerungen verursachen meist keine direkten Beschwerden und bleiben lange unentdeckt. Im MRT sind sie jedoch klar sichtbar.

Das zweite Muster trägt den Namen „skinny fat“. Betroffene wirken oft schlank oder normalgewichtig. Gleichzeitig liegt viel Fett im Bauchraum vor, während die Muskelmasse gering ausfällt.

Beide Gruppen zeigten im Vergleich zu schlanken Personen deutliche Unterschiede im Gehirn. Die graue Substanz war reduziert. Bestimmte Hirnareale bauten schneller ab. Zudem fanden sich mehr Veränderungen in der weißen Substanz, die als Hinweis auf eine schlechtere Durchblutung und höhere Belastung des Gehirns gelten.

Der beteiligte Radiologe Kai Liu, außerordentlicher Professor an der Xuzhou Medical University in China, erklärt: „Die Gesundheit des Gehirns hängt nicht nur davon ab, wie viel Fett ein Mensch hat, sondern auch davon, wo es gespeichert wird.“

Fettverteilung wirkt bei Männern und Frauen unterschiedlich im Gehirn

Die beobachteten Veränderungen betreffen nicht nur einzelne Messwerte, sondern mehrere Hirnareale zugleich. Besonders betroffen sind Regionen im Stirn- und Schläfenlappen. Dort liegen Funktionen wie Planung, Gedächtnis und emotionale Steuerung. Bei Männern zeigte sich zusätzlich ein beschleunigtes biologisches Gehirnalter. Das Gehirn wirkte im Schnitt älter, als es dem tatsächlichen Lebensalter entsprach. Dieser Effekt trat vor allem bei Männern mit dem sogenannten „skinny fat“-Muster auf, also bei hoher innerer Fettbelastung trotz moderatem Körpergewicht.

Bei Frauen zeigte sich ein anderes Bild. Auch hier traten strukturelle Veränderungen im Gehirn auf, sie waren jedoch besonders eng mit einem hohen Fettanteil in der Bauchspeicheldrüse verknüpft. Dieses Fettmuster fiel im Alltag kaum auf und blieb lange unentdeckt. Je nach Hirnregion unterschieden sich Ausmaß und Verteilung der Veränderungen. Insgesamt ergab sich jedoch ein gemeinsamer Befund: Bestimmte Formen der Fettverteilung gehen bei beiden Geschlechtern mit mehr Abbau im Gehirn einher, wenn auch mit unterschiedlichen Schwerpunkten.

Die strukturellen Veränderungen spiegeln sich auch in kognitiven Tests wider. Die Effekte wirken auf den ersten Blick moderat, können im Alltag jedoch spürbar werden. Untersucht wurden unter anderem Reaktionszeiten, Gedächtnisleistungen und Aufmerksamkeit.

Typische Auffälligkeiten bei ungünstiger Fettverteilung sind:

  • langsamere psychomotorische Reaktionen
  • schwächeres Erinnern an geplante Handlungen
  • Einbußen beim visuellen Gedächtnis

Erhöhtes Risiko für neurologische Erkrankungen

Neben Hirnstruktur und Denkvermögen analysierte das Team auch ärztlich dokumentierte Diagnosen. Bestimmte neurologische Erkrankungen traten bei einzelnen Fettmustern häufiger auf. Dazu zählten depressive Episoden, Angststörungen, Schlaganfälle und in einigen Gruppen auch Epilepsien.

Bei Männern mit „skinny fat“-Muster lag das Risiko für Depressionen deutlich höher als bei schlanken Vergleichspersonen. Frauen mit viel Fett in der Bauchspeicheldrüse hatten ein erhöhtes Schlaganfallrisiko. Diese Zusammenhänge blieben bestehen, selbst wenn Faktoren wie Alter, Bluthochdruck, Diabetes oder körperliche Aktivität berücksichtigt wurden.

Fettverteilung erklärt Risiken fürs Gehirn besser als die Waage

Der Body-Mass-Index bleibt weiterhin ein grober Richtwert. Er unterscheidet jedoch nicht zwischen Muskel- und Fettmasse. Vor allem sagt er nichts darüber aus, wo Fett im Körper gespeichert ist. Auch die Diagnose Fettleber erfasst nur einen Teil des Problems. In der Auswertung zeigte sich, dass Fett in der Bauchspeicheldrüse teils stärkere Zusammenhänge mit Hirnveränderungen hatte als Fett in der Leber. „Aus Sicht der Gehirnstruktur, der kognitiven Leistung und des Risikos für neurologische Erkrankungen verdient Fett in der Bauchspeicheldrüse mehr Aufmerksamkeit als eine Fettleber“, so Liu.

Wichtig: Die Analyse beschreibt Zusammenhänge, keine direkten Ursachen. Sie macht jedoch sichtbar, dass die Verteilung von Fett im Körper eng mit der Gesundheit des Gehirns verknüpft ist.

Kurz zusammengefasst:

  • Nicht das Körpergewicht entscheidet allein, sondern die Fettverteilung im Körper: Fett in Organen wie der Bauchspeicheldrüse oder ein hoher Fett-zu-Muskel-Anteil kann die Alterung des Gehirn beschleunigen – auch bei normalem BMI.
  • Bildgebende Daten von rund 26.000 Erwachsenen zeigen: Bestimmte Fettmuster gehen mit Abbau grauer Substanz, schnellerer Gehirnalterung und messbaren Einbußen bei Gedächtnis, Reaktion und Aufmerksamkeit einher.
  • BMI und Waage greifen zu kurz, weil sie verstecktes Organfett nicht erfassen; für die Hirngesundheit zählen Muskelmasse, Bewegung und Stoffwechsel stärker als eine einzelne Zahl.

Übrigens: Langzeitdaten aus Schweden zeigen, dass Kraft und Ausdauer schon ab Mitte 30 langsam nachlassen und sich der Abbau ab 40 beschleunigt. Wie stark das im Alltag spürbar wird und warum selbst ein später Einstieg in Bewegung noch messbar hilft – mehr dazu in unserem Artikel.

Bild: © Pexels

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