Schlafqualität im Alter entscheidet über die Tagesform – nicht die Zahl der Stunden

Schlafqualität im Alter zählt mehr als Schlafstunden: Häufiges nächtliches Aufwachen bremst Denken und Reaktion am nächsten Tag.

Ältere Mann im Bett

Ältere Menschen, die nachts häufiger wachliegen, schneiden am nächsten Tag in Gedächtnis- und Aufmerksamkeitstests schlechter ab – unabhängig davon, wie lange sie insgesamt geschlafen haben. © Pexels

Über Jahrzehnte galt beim Schlaf vor allem ein Maßstab: die Anzahl der Stunden. Sieben, acht oder mehr sollten ausreichen, um erholt in den Tag zu starten. Dennoch fühlen sich viele ältere Menschen am Morgen geistig weniger wach, obwohl die Nacht lang genug war. Gedanken kommen langsamer, Entscheidungen fallen schwerer, der Alltag beginnt spürbar träge. Die naheliegende Erklärung, es habe schlicht an Schlaf gefehlt, gerät damit ins Wanken.

Eine große Beobachtungsstudie vom Albert Einstein College of Medicine liefert dafür eine einfache Erklärung: Nicht die Länge der Nacht entscheidet über die geistige Tagesform, sondern wie sie verläuft. Wer im Schlaf immer wieder aufwacht, startet am nächsten Tag messbar langsamer – selbst dann, wenn die Schlafdauer ausreichend war.

Unruhige Nächte wirken bis in den nächsten Tag

Grundlage der Auswertung waren Daten von 261 Menschen über 70 Jahren, die selbstständig lebten und keine Demenz hatten. Über 16 Tage hinweg trugen sie Messgeräte am Handgelenk, ähnlich wie Fitnessuhren. Diese erfassten Schlaf und Wachphasen. Gleichzeitig absolvierten die Teilnehmer mehrmals täglich kurze Denkaufgaben auf einem Smartphone – morgens, tagsüber und abends.

So kamen mehr als 20.000 einzelne Tests zusammen. Sie prüften unter anderem Reaktionsgeschwindigkeit, visuelles Gedächtnis und Aufmerksamkeit, also genau jene Fähigkeiten, die im Alltag ständig gebraucht werden – beim Einkaufen, im Straßenverkehr oder beim Umgang mit Medikamenten.

Das Ergebnis fällt eindeutig aus: Nicht die Schlafdauer entschied über die geistige Tagesform, sondern die Zahl der nächtlichen Unterbrechungen. Im Durchschnitt lagen die Teilnehmer pro Nacht mehr als eine Stunde wach, verteilt auf viele kurze Phasen. Schon zusätzliche 30 Minuten nächtliches Wachsein reichten aus, um die geistige Leistung am nächsten Tag messbar zu verschlechtern. „Wiederholtes Aufwachen in der Nacht mindert die Qualität des Schlafs deutlich“, erklärt Studienleiter Orfeu Buxton. Entscheidend für die geistige Tagesform sei vor allem, wie ruhig die Nacht verlaufe – nicht ihre Länge.

Schlafqualität im Alter zählt mehr als lange Nächte

Besonders aufschlussreich ist der direkte Tagesvergleich. War eine Nacht unruhiger als sonst, reagierten die Betroffenen am Folgetag langsamer. Die gemessene Verzögerung lag bei rund 200 Millisekunden. Das klingt wenig, kann im Alltag jedoch einen spürbaren Unterschied machen – etwa beim Einschätzen von Verkehrssituationen oder beim Erfassen neuer Informationen.

Dieser Effekt trat unabhängig von der gesamten Schlafdauer auf. Auch wer sieben oder acht Stunden im Bett lag, profitierte nicht, wenn der Schlaf immer wieder unterbrochen wurde. Mittagsschlaf, frühes Zubettgehen oder längeres Liegen am Morgen änderten daran nichts.

Warum das Gehirn ruhige Nächte braucht

Schlaf erfüllt im Körper mehrere Aufgaben. Er hilft, Erlebtes zu verarbeiten, Energie zu sparen und Stoffwechselprozesse zu steuern. Dafür braucht es vor allem Kontinuität. Häufige Unterbrechungen stören diese Abläufe stärker als eine etwas kürzere, aber ruhige Nacht.

Hinzu kommt ein altersbedingter Effekt. Mit den Jahren wird der Schlaf leichter. Tiefschlafphasen nehmen ab. Dadurch reagiert das Gehirn empfindlicher auf zusätzliche Störungen. Die Untersuchung zeigt, dass sich diese Veränderungen nicht erst langfristig bemerkbar machen, sondern schon am nächsten Tag.

So lässt sich die Schlafqualität im Alter verbessern

Weder längere Schlafzeiten noch der Zeitpunkt des Einschlafens verbesserten die geistige Leistung. Auch kurze Schlafphasen am Tag änderten nichts. Die verbreitete Strategie, Schlafmangel durch langes Liegen auszugleichen, greift demnach zu kurz.

Für den Alltag lässt sich daraus ableiten: Es lohnt sich mehr, auf Ruhe und Regelmäßigkeit zu achten als auf das bloße Sammeln von Stunden. Hilfreich sind:

  • feste Zeiten für Zubettgehen und Aufstehen
  • eine dunkle, ruhige Schlafumgebung
  • der Verzicht auf Bildschirmlicht am Abend

Medikamente gelten bei älteren Menschen dagegen als problematisch, weil sie das Sturzrisiko erhöhen können.

Kurz zusammengefasst:

  • Nicht die Schlafdauer, sondern die Schlafqualität im Alter entscheidet über die geistige Leistungsfähigkeit: Häufiges nächtliches Aufwachen verlangsamt Denken und Reaktion am nächsten Tag – selbst bei scheinbar ausreichendem Schlaf.
  • Schon kurze zusätzliche Wachphasen haben messbare Folgen: Bereits etwa 30 Minuten mehr nächtliches Wachliegen reichen aus, um Aufmerksamkeit und Verarbeitungsgeschwindigkeit spürbar zu verschlechtern.
  • Für den Alltag zählt deshalb Ruhe statt Stunden zählen: Regelmäßige Zeiten, eine ruhige Schlafumgebung und weniger nächtliche Störungen sind wichtiger als langes Liegen im Bett.

Übrigens: Gedächtnisabbau im Alter verläuft oft lange unauffällig – bis ein biologischer Kipppunkt erreicht ist, ab dem die Leistung plötzlich schneller nachlässt. Große Langzeitdaten zeigen, warum dieser Übergang kein Zufall ist und welche Hirnveränderungen dahinterstehen – mehr dazu in unserem Artikel.

Bild: © Pexels

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