Wer im Wald läuft, schafft mehr Strecke – ohne sich stärker anzustrengen
Eine Studie mit 47 Erwachsenen zeigt: Im Wald liefen sie 4,6 Prozent weiter – bei ähnlicher Herzfrequenz und Anstrengung.
Laufen im Wald kann mehr bewirken als ein schöneres Trainingsgefühl: In der Studie legten Teilnehmer bei ähnlicher Anstrengung im Schnitt 182 Meter mehr zurück als in der Stadt. © Pexels
Wer 30 Minuten läuft, erwartet normalerweise eines: Je weiter die Strecke, desto höher die Belastung. Im Wald gerät diese einfache Rechnung ins Wanken. Dort legten junge Erwachsene im Schnitt 182 Meter mehr zurück als auf einer städtischen Strecke – bei praktisch gleicher Herzfrequenz und ähnlich empfundener Anstrengung. Laufen im Wald steigert die Leistung damit zumindest unter den Bedingungen des Experiments um 4,6 Prozent.
Für den Vergleich absolvierten 47 gesunde Erwachsene im Alter zwischen 18 und 31 Jahren beide Varianten selbst. Die Untersuchung der Loughborough University erschien 2026 im Fachjournal Evolution, Medicine, and Public Health. Einmal liefen die Teilnehmer durch einen Wald, einmal auf einem Rundkurs in einem Industriegebiet. Jeweils 30 Minuten lang hielten sie ihre Belastung bei vier von zehn Punkten – spürbar anstrengend, aber noch gut kontrollierbar. Vier Wochen lagen zwischen den beiden Terminen, die Reihenfolge wurde zufällig festgelegt. Auch Spaß, Stimmung und die Bereitschaft, künftig wieder Sport zu treiben, fielen nach dem Waldlauf deutlich höher aus.
Der schwierigere Waldkurs bremst die Läufer nicht
Eigentlich sprach der Untergrund gegen den Wald. Der Stadtkurs verlief auf gleichmäßigem Asphalt und war fast vollständig flach. Im Wald kamen pro Runde dagegen 17,7 Höhenmeter zusammen. Der Boden war unebener und nach Regen teilweise schlammig und rutschig. Solche Bedingungen kosten beim Laufen normalerweise zusätzliche Energie und erschweren ein gleichmäßiges Tempo.
Trotzdem kamen die Teilnehmer auf dem Waldkurs weiter. Der Unterschied bei der Laufleistung war statistisch signifikant, mit einer Effektstärke von 0,2 allerdings klein. Der größere Kontrast zwischen beiden Umgebungen zeigte sich an anderer Stelle: beim Erleben des Trainings und bei der Bereitschaft, es zu wiederholen.
Im Wald steigt die Lust auf Bewegung
Nach dem Lauf durch den Wald bewerteten die Teilnehmer Spaß, Stimmung und ihre künftige Motivation wesentlich höher. Besonders groß fiel der Abstand bei der Frage aus, ob sie dieselbe Aktivität noch einmal machen würden:
- 77,4 Prozent betrug die kurzfristige Bereitschaft nach dem Waldlauf, in der Stadt waren es 30,6 Prozent.
- 71,5 Prozent konnten sich regelmäßige Bewegung an diesem Ort über die kommenden zwölf Monate vorstellen, nach dem Stadtlauf waren es 21,0 Prozent.
- Beim Spaß am Training erreichte der Wald 98,7 Punkte, die städtische Umgebung 73,9 Punkte.
Auch die Stimmung entwickelte sich unterschiedlich. Nach dem Waldlauf verbesserte sie sich deutlich. Nach der Bewegung im Industriegebiet verschlechterte sie sich leicht; dieser einzelne Rückgang war jedoch nicht statistisch eindeutig. „Wir stellten fest, dass die Teilnehmer in der natürlichen Umgebung deutlich weiter liefen als in der städtischen, obwohl sie ihre Anstrengung als gleich empfanden“, erklärt Studienautor Matthew Putland.
Luft, Licht und Geräusche kommen als Ursachen infrage
Warum die Umgebung einen solchen Unterschied machte, bleibt offen. Eine mögliche Erklärung ist die Luftqualität. Für das Industriegebiet lagen die öffentlich verfügbaren PM2,5-Emissionswerte bei rund 1,16 Tonnen pro Quadratkilometer. Für den Waldstandort waren es 0,04 Tonnen pro Quadratkilometer. Damit lag die Emissionsdichte am städtischen Standort rechnerisch etwa 30-mal höher.
Während der Läufe wurde die Luftverschmutzung allerdings nicht direkt gemessen. Auch andere Einflüsse kommen infrage: geringere mentale Ermüdung, psychische Erholung und natürliche Sinneseindrücke wie Pflanzen, Tageslicht oder Vogelstimmen. Welcher Faktor wie viel beiträgt, lässt sich bislang nicht trennen.
Gleiche Herzfrequenz bedeutet nicht gleichen Energieverbrauch
Die fast identische Herzfrequenz erlaubt ebenfalls nur begrenzte Rückschlüsse. Sie beschreibt die körperliche Belastung nicht vollständig. Wie viel Energie die Läufer tatsächlich verbrauchten, wurde nicht gemessen. Gerade der anspruchsvollere Untergrund im Wald könnte den Energiebedarf zusätzlich erhöht haben.
Fest steht deshalb nur: Die Teilnehmer kamen dort innerhalb derselben Zeit weiter, ohne eine stärkere Belastung anzugeben und ohne dass ihre durchschnittliche Herzfrequenz höher lag. Aussagen über einen niedrigeren Energieverbrauch oder eine grundsätzlich bessere körperliche Effizienz lassen sich daraus nicht ableiten.
Mehr Motivation bedeutet noch nicht dauerhaft mehr Sport
Auch die hohen Werte für die künftige Bewegung beschreiben zunächst eine Absicht. Direkt nach dem Lauf beantworteten die Teilnehmer zwei Fragen: Würden sie die Aktivität am selben Ort in der kommenden Woche wiederholen? Und könnten sie sich vorstellen, dort in den nächsten zwölf Monaten regelmäßig aktiv zu sein?
Ob daraus tatsächlich mehr Bewegung entstand, wurde anschließend nicht verfolgt. Die Ergebnisse liefern deshalb keinen Nachweis dafür, dass Waldläufe langfristig die Trainingshäufigkeit erhöhen. Die sehr großen Unterschiede bei der erklärten Bereitschaft machen diesen Zusammenhang jedoch interessant für weitere Untersuchungen.
Die Gruppe selbst war zudem recht speziell zusammengesetzt. Alle Teilnehmer waren zwischen 18 und 31 Jahre alt. 31 von 47 waren Männer, 81 Prozent stammten aus Ostasien. Zudem erfüllten 44 der 47 Personen bereits die Mindestempfehlungen der Weltgesundheitsorganisation für körperliche Aktivität.
Für ältere Menschen, überwiegend sitzende Personen oder andere Bevölkerungsgruppen sind deshalb weitere Untersuchungen nötig. Auch ein längerer Beobachtungszeitraum müsste klären, ob der größere Spaß und die höhere Motivation im Wald tatsächlich dazu führen, dass Menschen über Monate hinweg häufiger aktiv bleiben.
Kurz zusammengefasst:
- Im Wald legten die 47 Teilnehmer in 30 Minuten im Schnitt 182 Meter mehr zurück als in der Stadt – bei ähnlicher Herzfrequenz und wahrgenommener Anstrengung.
- Besonders deutlich waren die Unterschiede bei Spaß, Stimmung und Motivation: Nach dem Waldlauf wollten deutlich mehr Teilnehmer die Aktivität künftig wiederholen.
- Die Ergebnisse gelten zunächst für junge, überwiegend bereits aktive Erwachsene; ob Waldläufe langfristig tatsächlich zu mehr Bewegung führen, wurde nicht untersucht.
Übrigens: Nicht nur beim Laufen scheint der Wald messbare Vorteile zu bringen – drei Tage Waldbaden senkten bei älteren Menschen mit Bluthochdruck unter anderem Blutdruck und Entzündungswerte. Mehr dazu in unserem Artikel.
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