5.000 Jahre alte Schädel liefern neue Hinweise auf Menschenopfer im alten Ägypten

Bei 18 von 46 untersuchten Schädeln aus Abydos fanden Forscher Verletzungen, die um den Todeszeitpunkt entstanden.

Die Pyramiden von Gizeh im Jahr 1938: Sie entstanden rund 500 Jahre nach den Königsgräbern von Abydos, in denen die nun untersuchten Toten bestattet wurden.

Die Pyramiden von Gizeh entstanden rund 500 Jahre nach den Königsgräbern von Abydos, in denen die nun untersuchten Toten bestattet wurden. © Pexels

Vor rund 5.000 Jahren entstand am Nil einer der ersten großen Staaten der Menschheitsgeschichte. Doch zum Aufstieg der frühen ägyptischen Könige könnte auch ein Ritual gehört haben, das heute verstört: Menschen aus ihrem Umfeld wurden möglicherweise getötet, um ihnen ins Jenseits zu folgen. Neue Analysen von Schädeln aus Abydos liefern dafür weitere Hinweise.

Bei 18 von 46 untersuchten Schädeln fanden sich Verletzungen, die um den Todeszeitpunkt entstanden. Das entspricht 39 Prozent. Darunter sind lange Bruchlinien, eine penetrierende Verletzung an der Kopfseite und eine Hiebverletzung im Bereich eines Auges. Damit gibt es neue forensische Anhaltspunkte für die seit Jahrzehnten diskutierte Frage nach Menschenopfern im alten Ägypten. Ein rituelles Töten lässt sich anhand der Schädel allein jedoch nicht zweifelsfrei belegen.

Die Toten lagen in Nebengräbern rund um königliche Grabanlagen der ersten Dynastie. Sie stammen aus der Zeit zwischen etwa 3078 und 2900 vor Christus. Viele gehörten vermutlich zum königlichen Hof, darunter Beamte, Handwerker und weitere Angehörige des Herrscherhaushalts. In Frontiers wertet die Anthropologin Roselyn A. Campbell von der Purdue University die alten Funde mit modernem Wissen aus Bioarchäologie und Forensik neu aus.

Menschenopfer in Ägypten wurden schon früh vermutet

Rund um manche Herrschergräber von Abydos lagen Hunderte zusätzliche Bestattungen. Viele Gräber scheinen innerhalb kurzer Zeit geschlossen worden zu sein. Frühe Archäologen vermuteten deshalb sogenannte Gefolgschaftsopfer. Mitglieder des Hofes könnten nach dem Tod eines Herrschers getötet worden sein, damit sie ihm im Jenseits weiter dienten.

Andere Wissenschaftler hielten natürliche Todesfälle für möglich. Der britische Ägyptologe Flinders Petrie, der die Gräber Anfang des 20. Jahrhunderts ausgrub, fand nach damaligem Kenntnisstand keine eindeutigen tödlichen Schädelverletzungen. Auffällige Körperhaltungen brachten ihn sogar auf die Idee, einige Menschen könnten lebendig begraben worden sein.

Heute lassen sich solche Positionen auch anders erklären. Arme und Beine können sich während der Verwesung verlagern. Einige Körper könnten zudem hastig in die Gräber gelegt worden sein.

Alte Brüche wurden offenbar falsch eingeschätzt

Petrie dürfte mehrere Bruchstellen durchaus gesehen haben. Zur Stabilisierung trug er bei manchen Schädeln Paraffinwachs auf. Das Wachs befindet sich teilweise direkt an Bereichen, die heute als Verletzungen aus dem Zeitraum um den Tod gelten.

Damals fehlten wichtige forensische Kriterien zur zeitlichen Einordnung von Brüchen. Frischer Knochen enthält noch Feuchtigkeit und reagiert elastischer auf Gewalt. Trockener Knochen wird dagegen spröde und bricht anders.

Bei den untersuchten Schädeln treten vor allem drei Verletzungsmuster auf:

  • lange lineare Brüche über dem Schädeldach,
  • Verletzungen durch scharfe Gewalteinwirkung,
  • schwere Schäden an Kopfseite und Augenbereich.

Die häufigsten Frakturen verlaufen über die Scheitelbeine. Solche Verletzungen können innere Blutungen verursachen. Ohne medizinische Behandlung konnten sie in der Antike tödlich enden.

Lage der Verletzungen spricht gegen einfache Stürze

Viele Schäden liegen oberhalb der sogenannten Hutkrempenlinie. Forensische Untersuchungen moderner Fälle zeigen, dass Verletzungen in diesem Bereich häufiger durch gezielte Gewalteinwirkung entstehen als durch gewöhnliche Stürze.

Auch die Form der Brüche liefert Hinweise. Auf ägyptischen Darstellungen schlagen Herrscher ihre Gegner häufig mit schweren Keulen nieder. Zu den Schädeln aus Abydos passt dieses Bild jedoch nur bedingt. Stein- oder Streitkeulen verursachen eher eingedrückte Frakturen. In Abydos dominieren lange lineare Brüche.

Solche Verletzungen entstehen eher beim Aufprall auf eine breite, flache Fläche oder durch Schläge mit größeren, leichteren Gegenständen. Denkbar wären etwa Objekte aus Holz. Eine konkrete Tatwaffe lässt sich nicht bestimmen.

Verletzungen müssen nicht den Tod verursacht haben

Auch der Zeitpunkt bleibt entscheidend. Eine perimortale Verletzung entstand in engem zeitlichen Zusammenhang mit dem Tod. Sie muss aber nicht zwangsläufig die Todesursache gewesen sein. Knochen können auch kurz nach dem Tod noch Eigenschaften lebenden Gewebes besitzen.

Einzelne Brüche könnten deshalb beim Umgang mit den Toten entstanden sein. Auch ein Einsturz der Grabkonstruktion ist grundsätzlich denkbar. Dazu müssten jedoch weitere Schäden an anderen Knochen oder Grabbeigaben passen.

Bei vielen Bestattungen blieben selbst kleine Knochen an Händen und Füßen weitgehend an ihrem ursprünglichen Platz. Das spricht dagegen, dass bereits verweste Leichen später in die Nebengräber umgebettet wurden.

Nur ein Teil der Bestatteten ist erhalten

Die 46 untersuchten Schädel bilden nur einen kleinen Ausschnitt der damaligen Bestattungen. Bei einzelnen Grabanlagen entsprechen sie etwa fünf bis 15 Prozent der ursprünglichen Belegung. Bei vielen Toten fehlen zudem große Teile des übrigen Skeletts.

28 der 46 Schädel weisen keine entsprechenden Verletzungen auf. Daraus lässt sich jedoch kein friedlicher Tod ableiten. Schäden an anderen Körperregionen können wegen der fehlenden Knochen häufig nicht mehr überprüft werden.

Die Verletzungen bei 18 Schädeln stützen die Annahme, dass zumindest ein Teil der Menschen rund um die frühen Königsgräber Gewalt erlebte. Ob sie tatsächlich als Gefolgschaftsopfer für verstorbene Herrscher getötet wurden, bleibt offen.

Kurz zusammengefasst:

  • Bei 18 von 46 untersuchten Schädeln aus Abydos fanden sich Verletzungen aus der Zeit rund um den Tod – das entspricht 39 Prozent.
  • Die Verletzungsmuster sprechen bei einem Teil der Toten eher für Gewalteinwirkung als für einfache Stürze, beweisen aber kein rituelles Menschenopfer.
  • Die Funde stützen damit die These von Gefolgschaftsopfern im frühen Ägypten, lassen die genaue Todesursache vieler Bestatteter jedoch offen.

Übrigens: Knochen aus Ägyptens Königsgräbern erzählen nicht nur von möglicher Gewalt, sondern auch von einem überraschend aktiven Leben am Hof. Rund 4000 Jahre alte Überreste deuten darauf hin, dass Prinzessinnen mit Pfeil und Bogen trainierten – mehr dazu in unserem Artikel.

Bild: © Pexels

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