Wann Sie sich bewegen, könnte mitentscheiden, wie schnell Ihr Körper altert
Ein klarer Tagesrhythmus mit aktiven Tagen und ruhigen Nächten hängt mit günstigeren Werten des biologischen Alterns zusammen.
Nicht nur, wie viel wir uns bewegen, zählt, sondern auch wann: Der tägliche Wechsel zwischen Aktivität und Ruhe hängt mit dem biologischen Altern zusammen. © Pexels
Zehntausend Schritte sind zehntausend Schritte – könnte man meinen. Doch für den Körper macht es offenbar einen Unterschied, ob diese Bewegung früh am Tag, gleichmäßig über viele Stunden oder erst spät am Abend stattfindet. Denn unser Organismus lebt nach einem 24-Stunden-Rhythmus. Aktivität am Tag und Ruhe in der Nacht sind Teil dieses Takts – und genau dieses Muster hängt offenbar damit zusammen, wie schnell der Körper biologisch altert.
Wie eng Tagesrhythmus und biologisches Altern zusammenhängen, haben Forscher der Harvard T.H. Chan School of Public Health mit mehrjährigen Fitbit-Daten untersucht. Dafür werteten sie die Aktivitätsmuster von 2222 Erwachsenen über insgesamt 8447 Personenjahre aus. Im Fachmagazin Nature Communications berichten sie über drei besonders relevante Merkmale:
- die Stärke des Wechsels zwischen Aktivität und Ruhe,
- den Zeitpunkt der täglichen Aktivitätsspitze,
- die Stabilität dieses Rhythmus über längere Zeit.
Der Tagesrhythmus hängt deutlich mit biologischem Altern zusammen
Für die Analyse kombinierten die Wissenschaftler die Bewegungsdaten mit dem sogenannten PhenoAge. Dieser Wert soll erfassen, wie stark ein Körper physiologisch gealtert ist. Dafür wird das tatsächliche Alter mit neun klinischen Blutwerten verrechnet. Ein Mensch kann dadurch biologisch jünger oder älter erscheinen, als es sein Geburtsdatum vermuten lässt.
Besonders auffällig war die Stärke des Ruhe-Aktivitäts-Rhythmus. Menschen mit einem ausgeprägteren Unterschied zwischen aktiven und ruhigen Phasen hatten eine geringere Wahrscheinlichkeit für beschleunigtes biologisches Altern. Je nach verwendetem Messwert lagen die Chancen dafür um 26 bis 46 Prozent niedriger. Gemeint ist damit kein einzelner Sporttermin, sondern das Muster über den gesamten Tag hinweg.
Ein klarer Unterschied zwischen Tag und Nacht fällt positiv auf
Ein kräftiger Tagesrhythmus bedeutet vereinfacht: tagsüber mehr Bewegung, nachts deutlich weniger Aktivität. Bei einem schwächeren Rhythmus liegen aktive und ruhige Phasen näher beieinander. Diese Unterschiede konnten die Fitbit-Daten über längere Zeiträume abbilden.
Die Forscher betrachteten dabei weit mehr als die Zahl der Schritte. Sie analysierten die Intensität des täglichen Rhythmus, seine zeitliche Lage und seine Stabilität. Diese Kombination macht die Untersuchung interessant. Zwei Menschen können ähnlich aktiv sein, ihre Bewegung aber über völlig unterschiedliche Tageszeiten verteilen.
Spätere Aktivitätsspitzen gehen mit ungünstigeren Werten einher
Auch der Zeitpunkt der stärksten Aktivität hing mit dem biologischen Alter zusammen. Lag die Aktivitätsspitze später am Tag, traten Hinweise auf beschleunigtes Altern häufiger auf. Der Zusammenhang mit Zeitpunkt und Regelmäßigkeit war bei Frauen ausgeprägter als bei Männern.
Bei Männern fanden die Wissenschaftler ein komplizierteres Muster. Beschleunigtes Altern ging dort mit einer zweiphasigen Instabilität einher: Aktivitätsschübe am frühen Morgen wurden von einem erneuten Anstieg spät am Abend begleitet. Dieses Muster spricht gegen eine einfache Einteilung in „früh ist gut“ und „spät ist schlecht“.
Frauen reagieren offenbar stärker auf Zeitpunkt und Regelmäßigkeit
Bei Frauen waren sowohl der Zeitpunkt der Aktivität als auch die Regelmäßigkeit des Tagesablaufs enger mit dem biologischen Alter verknüpft. Ein stabilerer Rhythmus ging häufiger mit günstigeren Alterswerten einher. Bei Männern war dieser Zusammenhang weniger eindeutig.
Die Autoren sprechen deshalb von mehreren Dimensionen des täglichen Ruhe-Aktivitäts-Rhythmus. Intensität, Zeitpunkt und Stabilität lieferten jeweils eigene Informationen. Ein einzelner Wert wie die tägliche Schrittzahl würde einen erheblichen Teil dieses Musters nicht erfassen.
Johns-Hopkins-Studie stützt den Zusammenhang zwischen Tagesrhythmus und Altern
Ein ähnliches Muster fanden bereits Forscher der Johns Hopkins Bloomberg School of Public Health. Sie zeichneten bei 207 Erwachsenen auf, wann diese aktiv waren und wann sie ruhten. Anschließend verglichen sie diese Tagesrhythmen mit vier Verfahren, die das biologische Alter anhand epigenetischer Veränderungen im Blut abschätzen. Dabei ergaben sich vor allem folgende Zusammenhänge:
- Ein klarerer und regelmäßigerer Wechsel zwischen Aktivität und Ruhe ging mit günstigeren Alterswerten einher.
- Häufige Wechsel zwischen Ruhe und Aktivität waren dagegen mit ungünstigeren Werten verbunden.
- Auch stark schwankende Schlaf- und Ruhezeiten gingen mit schnellerem biologischen Altern einher.
„Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass Ruhe-Aktivitäts-Rhythmen nützliche Marker für die Geschwindigkeit des physiologischen Alterns bei Erwachsenen sein könnten“, sagt Adam Spira, Co-Seniorautor der Studie und Professor an der Johns Hopkins Bloomberg School of Public Health. Sollten weitere Untersuchungen die Ergebnisse bestätigen, könnten solche Rhythmen laut Spira künftig auch als Ansatzpunkt dienen, um Alterungsprozesse gezielt zu beeinflussen.
Die im Mai 2026 in JAMA Network Open veröffentlichte Untersuchung war allerdings als Querschnittsstudie angelegt und erfasste den Tagesrhythmus nur über wenige Tage. Die Harvard-Arbeit ergänzt diese Ergebnisse nun mit mehrjährigen Wearable-Daten.
Wearables könnten künftig Hinweise auf Alterungsprozesse liefern
Die Arbeit geht damit über die gewöhnliche Nutzung von Fitnesstrackern hinaus. Solche Geräte zählen Schritte, erfassen Aktivitätsphasen und registrieren, wann Menschen ruhiger werden. Über Monate und Jahre entsteht daraus ein digitales Muster des Alltags.
„Unsere Ergebnisse liefern groß angelegte longitudinale Hinweise darauf, dass mit Verbraucher-Wearables erfasste Ruhe-Aktivitäts-Rhythmen als digitale Biomarker für Alterungsverläufe dienen könnten“, schreiben die Autoren. Gemeint ist damit zunächst eine Messmöglichkeit. Ein Fitbit kann das biologische Alter nicht direkt bestimmen, könnte langfristig aber Hinweise auf Muster liefern, die mit schnellerem oder langsamerem Altern verbunden sind.
Bewegung allein erklärt die Unterschiede nicht
Entscheidend bleibt die Unterscheidung zwischen Zusammenhang und Ursache. Die Untersuchung belegt nicht, dass ein früherer oder regelmäßigerer Tagesrhythmus den Körper tatsächlich langsamer altern lässt. Ebenso denkbar ist, dass Menschen mit günstigeren biologischen Voraussetzungen einen stabileren Aktivitätsrhythmus entwickeln.
Hinzu kommt, dass die untersuchten Teilnehmer nicht die gesamte Bevölkerung abbildeten. Menschen, die ihre Fitbit-Daten für das „All of Us“-Forschungsprogramm bereitstellten, waren im Durchschnitt jünger, häufiger weiblich und aktiver als die US-Bevölkerung insgesamt. Die Ergebnisse lassen sich daher nicht ohne Weiteres auf alle Alters- und Bevölkerungsgruppen übertragen.
Biologisches Altern lässt sich nicht auf eine Uhrzeit reduzieren
Trotzdem erweitert die Untersuchung den Blick auf Bewegung. Bisher zählt bei Empfehlungen meist, wie viel Aktivität über einen Tag oder eine Woche zusammenkommt. Die neuen Daten sprechen dafür, zusätzlich die zeitliche Verteilung zu betrachten.
Ein klarer Wechsel zwischen aktiven Stunden am Tag und ruhigen Phasen in der Nacht war besonders deutlich mit günstigeren Alterswerten verbunden. Zeitpunkt und Regelmäßigkeit kamen als weitere Faktoren hinzu. Ob sich das biologische Altern durch gezielte Veränderungen des Tagesrhythmus beeinflussen lässt, müssen künftige Untersuchungen klären.
Kurz zusammengefasst:
- Ein klarer Tagesrhythmus mit viel Aktivität am Tag und Ruhe in der Nacht war in einer Harvard-Studie mit günstigeren Werten des biologischen Alterns verbunden.
- Besonders relevant waren die Stärke des Tag-Nacht-Rhythmus, der Zeitpunkt der täglichen Aktivitätsspitze und die Regelmäßigkeit des Musters; ähnliche Zusammenhänge fanden auch Forscher von Johns Hopkins.
- Die Ergebnisse beschreiben Zusammenhänge, keine Ursache: Ob ein regelmäßiger Tagesrhythmus das Altern tatsächlich verlangsamt, müssen weitere Studien klären.
Übrigens: Nicht nur Ihr Tagesrhythmus hängt offenbar mit biologischem Altern zusammen – auch genetisch mitgeprägte Persönlichkeitsmerkmale sind mit Nachtaktivität, Wohnort und Gesundheitsverhalten verknüpft. Mehr dazu in unserem Artikel.
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