1.000 Menschen vergruben ihre Unterhosen – Forscher testeten damit die Bodenqualität, in Gärten verschwanden sie am schnellsten
Wie fruchtbar und biologisch aktiv ein Boden ist, lässt sich mit einer Unterhose sichtbar machen – in Privatgärten war der Abbau am stärksten.
Nach zwei Monaten im Boden ist von der Baumwoll-Unterhose deutlich weniger übrig: Bodenorganismen haben große Teile des Stoffes zersetzt. © Nicolas Zonvi
Unter unseren Füßen arbeiten Milliarden Organismen daran, Pflanzenreste zu zerlegen und Nährstoffe verfügbar zu machen. Doch wie aktiv dieses verborgene Bodenleben tatsächlich ist, lässt sich mit bloßem Auge kaum erkennen. Und ausgerechnet eine Unterhose machte sichtbar, was sich sonst unseren Blicken entzieht. Nach zwei Monaten im Boden waren manche Exemplare stark zerfallen, andere deutlich weniger – abhängig davon, wo sie vergraben worden waren.
Für das Citizen-Science-Projekt der Universität Zürich (UZH) und Agroscope vergruben rund 1.000 Freiwillige mehr als 2.000 Unterhosen aus Bio-Baumwolle in der ganzen Schweiz. Baumwolle besteht überwiegend aus Zellulose, die Bodenorganismen abbauen können. Je stärker der Stoff verschwand, desto aktiver liefen diese Zersetzungsprozesse ab. Zusätzlich analysierten die Forscher Bodenproben und vergruben 12.000 Teebeutel, um die Ergebnisse mit einem etablierten Verfahren zu vergleichen.
Wie eine Unterhose die Bodenqualität sichtbar macht
Warum ausgerechnet eine Unterhose? Baumwolle besteht fast vollständig aus Zellulose. Dieses pflanzliche Material können Bakterien, Pilze und andere Bodenorganismen abbauen. Eine zerfallene Unterhose macht diesen Prozess deshalb unmittelbar sichtbar – ganz ohne Laborgerät.
Für das Experiment nutzten die Forscher standardisierte Unterhosen aus Bio-Baumwolle. Nach einem Monat waren im Mittel rund zehn Prozent des Materials verschwunden. Nach zwei Monaten lag der Abbau bereits bei etwa 50 Prozent. Je aktiver die Zersetzung im Boden verlief, desto weniger Stoff blieb übrig.
Besonders deutlich wurden die Unterschiede zwischen den verschiedenen Nutzungsarten:
- Privatgärten: rund 58 Prozent abgebaut
- Äcker: etwa 51 Prozent
- Dauergrünland: rund 47 Prozent
- Rasenflächen: etwa 40 Prozent
Nach zwei Monaten lagen die Privatgärten damit klar vorn. Rasenflächen zeigten die geringste Zersetzungsaktivität. Die Unterschiede zwischen den Landnutzungsarten waren statistisch signifikant.
In Privatgärten arbeiten Bodenorganismen besonders kräftig
„Unsere Resultate zeigen, dass die Bodenbewirtschaftung einen großen Einfluss auf Bodenleben und -qualität haben kann“, sagt Marcel van der Heijden, Professor für Agrarökologie an der Universität Zürich und Co-Leiter der Studie. „Ein lebendiger Boden ist entscheidend für die Fruchtbarkeit, die Nährstoffkreisläufe und zahlreiche weitere Ökosystemleistungen.“
Von allen untersuchten Faktoren erklärte die Art der Landnutzung die Unterschiede bei der Zersetzung am besten. Danach folgten chemische Eigenschaften des Bodens. Dazu gehörten vor allem verfügbare Nährstoffe. Auch Düngerart und Bodenstruktur wirkten sich auf den Abbau aus.
Die statistischen Modelle erfassten allerdings längst nicht alle Unterschiede zwischen den Standorten. Beim Unterhosen-Index erklärten die untersuchten Faktoren insgesamt nur rund 16,5 Prozent der beobachteten Schwankungen. Temperatur, Feuchtigkeit, lokale Bewirtschaftung und weitere Einflüsse können ebenfalls entscheidend sein.

Warum viel Zersetzung nicht automatisch besser ist
Eine fast verschwundene Unterhose bedeutet deshalb nicht automatisch, dass der Boden in jeder Hinsicht gesünder ist. Die Originalstudie ordnet den Test vorsichtiger ein. Der Unterhosen-Index erfasst vor allem biologische Zersetzungsaktivität und Bodenfruchtbarkeit.
Gerade die Privatgärten liefern dafür ein gutes Beispiel. Dort fanden die Forscher hohe Mengen organischen Kohlenstoffs und besonders viele verfügbare Nährstoffe. Der Phosphorgehalt lag im Durchschnitt bei rund 13,4 Milligramm pro Kilogramm Boden. Auf Äckern waren es etwa 3,5 Milligramm.
Nach den in der Studie genannten Schweizer Richtwerten gelten je nach Boden ungefähr 1,6 bis 4,3 Milligramm pro Kilogramm als optimal. Einzelne Gartenböden erreichten sogar Werte von mehr als 60 Milligramm.
Manche Gärten bekommen offenbar zu viel Dünger
Die hohen Phosphorwerte sprechen dafür, dass manche Privatgärten stärker gedüngt werden als für das Pflanzenwachstum nötig wäre. Pflanzen können überschüssigen Phosphor nicht vollständig aufnehmen. Über Abschwemmung oder Auswaschung kann er anschließend in Gewässer gelangen und dort Ökosysteme belasten.
„Ein maximaler Abbau ist aber nicht in jedem Ökosystem wünschenswert“, sagt Franz Bender von Agroscope. In naturnahen Lebensräumen können sehr hohe Nährstoffgehalte das natürliche Gleichgewicht verändern. Auch im Garten kann eine besonders stark zersetzte Unterhose daher auf eine Überversorgung mit Nährstoffen hindeuten.
Unterhosen liefern einen überraschend brauchbaren Bodentest
Damit die ungewöhnliche Methode nicht nur anschaulich, sondern auch wissenschaftlich belastbar ist, verglichen die Forscher sie mit dem etablierten Tea Bag Index. Dabei werden standardisierte Teeproben vergraben und später ausgewertet.
Beide Verfahren reagierten ähnlich auf Bodenbedingungen und biologische Zersetzungsprozesse. Die Übereinstimmung war zwar nicht perfekt, aber statistisch signifikant. Damit liefert die Unterhose tatsächlich brauchbare Informationen über das Geschehen im Boden.
Für die Auswertung blieben nach der Qualitätskontrolle Daten von 780 Standorten übrig. Insgesamt kamen 1.752 Unterhosen, 7.088 intakte Teebeutel und 883 Bodenproben zurück. Die Teilnehmer hatten zuvor nach einem einheitlichen Verfahren gearbeitet und ihre Standorte dokumentiert.
Der „Unterhosen-Index“ macht Bodenleben direkt sichtbar
Die Forscher schlagen deshalb einen eigenen „Unterhosen-Index“ vor. Er soll Zersetzungsprozesse im Boden möglichst einfach erfassbar machen. Anders als beim Tea Bag Index braucht es dafür keine Feinwaage und keine komplizierte Berechnung.
Schon der sichtbare Zustand des Stoffes liefert einen ersten Eindruck. Viel verschwundene Baumwolle spricht für hohe biologische Aktivität. Wenig Abbau deutet dagegen auf geringere Zersetzung hin.
Als umfassender Gesundheitscheck für die Bodenbeschaffenheit taugt die Unterhose trotzdem nicht. Temperatur, Feuchtigkeit, Nährstoffversorgung, Bodennutzung und weitere Faktoren beeinflussen den Abbau. Ihr größter Vorteil liegt deshalb woanders: Sie macht einen Prozess sichtbar, der normalerweise verborgen bleibt – und zeigt nach wenigen Wochen, wie lebendig ein Boden arbeitet.
Kurz zusammengefasst:
- Baumwoll-Unterhosen machen sichtbar, wie aktiv Bodenorganismen organisches Material abbauen; besonders stark war die Zersetzung in Privatgärten.
- Viel Abbau bedeutet vor allem hohe biologische Aktivität und Bodenfruchtbarkeit – nicht automatisch einen rundum gesunden Boden.
- Nährstoffe, Landnutzung, Feuchtigkeit und Temperatur beeinflussen den Test; deshalb eignet sich der „Unterhosen-Index“ vor allem als einfacher Hinweis auf Bodenaktivität und Fruchtbarkeit.
Übrigens: Wie wichtig gesunde Böden für unsere Ernährung sind, zeigt eine weitere Analyse: Bodendegradation steht weltweit mit Ernteverlusten von rund 20 Millionen Tonnen pro Jahr in Verbindung. Rechnerisch entspricht das genug Nahrungsenergie für etwa 71 Millionen Menschen – mehr dazu in unserem Artikel.
Bild: © Nicolas Zonvi
