Große Konzerne versprechen Naturschutz – doch nur 13 Prozent liefern Beweise

Nur 13 Prozent großer Unternehmen machen Biodiversitätsziele so konkret, dass Fortschritte überprüfbar sind.

Im Kakaosektor werden Biodiversitätsziele vergleichsweise klarer formuliert: Vier von fünf untersuchten Unternehmen machten überprüfbare Zusagen gegen Entwaldung in ihren Lieferketten. © Pexels

Im Kakaosektor werden Biodiversitätsziele vergleichsweise klarer formuliert: Vier von fünf untersuchten Unternehmen machten überprüfbare Zusagen gegen Entwaldung in ihren Lieferketten. © Pexels

Wälder schützen, Arten retten, Lieferketten sauberer machen: Die Versprechungen großer Konzerne sind gewaltig, sobald es um die Natur geht. Doch meist bleibt offen, was hinter den grünen Vorhaben von Unternehmen zum Thema Biodiversität wirklich steckt. Eine neue Studie zeigt: Viele Firmen bekennen sich zu Umweltschutz, doch nur ein kleiner Teil macht überprüfbare Angaben.

Experten der University of Oxford und des Stockholm Resilience Centre haben im Fachjournal One Earth die Biodiversitätszusagen von 180 besonders einflussreichen Konzernen untersucht. Diese Unternehmen kommen aus Branchen mit großem Einfluss auf Natur und Rohstoffe – etwa Energie, Bergbau, Landwirtschaft und Lebensmittelproduktion. Das Ergebnis fällt ernüchternd aus: 79 Prozent der untersuchten Firmen hatten irgendeine Zusage zur Biodiversität veröffentlicht, doch nur 13 Prozent legten mindestens ein Ziel so konkret offen, dass Außenstehende den Fortschritt prüfen können.

Bei Biodiversität bleiben Unternehmen oft auffällig vage

Die Forscher sprechen von „Keystone Corporations“, also von Konzernen mit besonders großem Einfluss auf Produktion, Handel, Rohstoffströme und Lieferketten. Wenn solche Firmen ihre Einkaufsregeln ändern, kann das ganze Branchen bewegen. Wenn ihre Versprechen unklar bleiben, fehlt dagegen die Grundlage für Kontrolle.

In den Berichten fanden die Wissenschaftler insgesamt 637 Biodiversitätsverpflichtungen. Davon waren 301 ausdrücklich als Ziel, Verpflichtung oder Vorhaben formuliert. Weitere 336 klangen eher indirekt, deuteten aber künftige Maßnahmen an. Belastbar waren am Ende nur 34 Verpflichtungen. Sie stammten von 23 Unternehmen. Anders gesagt: Die meisten Naturversprechen großer Firmen bleiben an mindestens einer wichtigen Stelle zu ungenau.

Klare Ziele brauchen Ort, Frist und Messwert

Ein glaubwürdiges Biodiversitätsziel muss mehrere Fragen beantworten. Welcher Teil der Natur soll geschützt werden? Geht es um Wälder, Arten, Lebensräume oder Ökosysteme? Welcher Schaden soll sinken, etwa Entwaldung, Verschmutzung oder Übernutzung? Dazu braucht es einen klaren Zeitraum, einen Ausgangswert, eine Messgröße und Berichte über den Fortschritt.

„Eine ernsthafte Biodiversitätsverpflichtung sollte klar machen, was angegangen wird, wo, bis wann und wie der Fortschritt bewertet wird“, sagt Dr. Jean-Baptiste Jouffray vom Stockholm Resilience Centre. „Ohne das ist sie kaum mehr als eine Absichtserklärung.“ Für Verbraucher, Anleger und Behörden liegt darin der praktische Unterschied zwischen einem grünen Bekenntnis und einem Ziel, das sich kontrollieren lässt.

Bei Biodiversität schneiden Unternehmen je nach Branche sehr unterschiedlich ab

Vergleichsweise gut stehen Agrar- und Lebensmittelbereiche da. Von den 23 Firmen mit mindestens einer robusten Zusage kamen 18 aus landwirtschaftlich geprägten Branchen. Besonders deutlich wird das bei Kakao und Soja. Im Kakaosektor machten alle fünf untersuchten Unternehmen Biodiversitätszusagen. Diese Firmen stehen laut Untersuchung für 56 Prozent der weltweiten Verarbeitung und Vermahlung. Vier erfüllten alle Kriterien für robuste Ziele, das fünfte Unternehmen erfüllte die meisten.

Auch beim Soja fand das Expertenteam viele konkrete Zusagen. Fünf von sechs untersuchten Unternehmen machten robuste Versprechen. Zusammen kontrollieren diese Firmen 42 Prozent der globalen Beschaffung. Ein naheliegender Grund: Entwaldung in Lieferketten lässt sich oft besser messen als andere Schäden an der Natur. Häufige Kennzahlen sind etwa der Anteil entwaldungsfreier Lieferketten oder die Rückverfolgbarkeit bis zu Mühlen und Plantagen.

Öl, Gas und Tierpharma liefern deutlich weniger

Ganz anders sieht es in anderen Branchen aus. Bei Tierarzneimitteln untersuchte das Team zehn Firmen, die zusammen 81 Prozent des Weltmarkts abdecken. Die Hälfte hatte keine Biodiversitätsverpflichtungen. Auch im Öl- und Gassektor war die Lücke groß. Neun Unternehmen machten keine Zusagen. Sieben davon veröffentlichten nicht einmal nutzbare Berichte.

Dabei berichteten viele Firmen grundsätzlich öffentlich über Nachhaltigkeit. 89 Prozent der untersuchten Unternehmen veröffentlichten irgendeinen Bericht. Kein einziges Unternehmen legte jedoch einen eigenständigen Biodiversitätsbericht vor. Die Angaben standen meist verteilt in Nachhaltigkeits-, ESG-, CSR- oder Geschäftsberichten. Für Vergleiche macht das die Lage mühsam, weil Ziele, Kennzahlen und Fortschritte oft schwer zu finden sind.

Manche Versprechen klingen größer, als sie sind

Die Forscher nennen mehrere Schwächen, die immer wieder auftauchen. Viele Zusagen bleiben allgemein. Andere verwenden Begriffe ungenau oder widersprüchlich. Einige Firmen stützen geringe Ambitionen auf ausgewählte Belege. Ein Agrochemieunternehmen verwies etwa auf eine selbst mitbeauftragte Analyse und stellte infrage, dass Pestizide ein Haupttreiber des Insektenrückgangs seien. Die Forscher halten dagegen: Es gibt starke wissenschaftliche Hinweise auf Risiken von Pestiziden für viele Teile der Biodiversität.

„Es ist vielversprechend, dass viele Unternehmen Biodiversitätszusagen machen“, sagt Dr. Thomas White von der University of Oxford. „Bei den meisten können wir derzeit aber nicht genau erkennen, was diese Versprechen bedeuten und ob die Maßnahmen zu globalen Zielen beitragen.“ Auch Seniorautor Dr. Sophus zu Ermgassen fordert mehr Verbindlichkeit: „Unternehmen müssen ehrgeizig und praktisch zugleich sein.“

Mehr Druck könnte Versprechen überprüfbar machen

Für bessere Zusagen nennen die Experten mehrere Wege: verpflichtende Berichtsregeln, mehr Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und Wirtschaft, strengere Brancheninitiativen und Druck durch Börsen, Geldgeber und andere Anspruchsgruppen. Standards könnten Firmen dazu bringen, Kennzahlen und Fortschritte regelmäßiger offenzulegen. Das alles kann dazu führen, dass:

  • verpflichtende Berichte Lücken zwischen Branchen verkleinern,
  • wissenschaftliche Daten helfen, realistische Ziele zu setzen,
  • Investoren klarere Naturziele zur Bedingung machen.

Für die Bewertung von Unternehmensversprechen bleibt am Ende ein einfacher Maßstab: Ein Naturziel braucht mehr als schöne Worte. Es braucht Angaben zu Ort, Frist, Messgröße und Fortschritt. Fehlen diese Punkte, bleibt vom großen Biodiversitätsversprechen oft nur ein wohlklingender Satz im Geschäftsbericht.

Kurz zusammengefasst:

  • Große Unternehmen sprechen immer häufiger über Biodiversität, doch viele Versprechen bleiben ungenau und lassen sich kaum überprüfen.
  • Eine Studie untersuchte 180 einflussreiche Konzerne: 79 Prozent machten Biodiversitätszusagen, aber nur 13 Prozent formulierten mindestens ein Ziel mit klaren Angaben zu Ort, Frist, Messwert und Fortschritt.
  • Glaubwürdige Naturziele brauchen mehr als gute Absichten: Sie müssen zeigen, was geschützt wird, welcher Schaden sinken soll und wie der Erfolg gemessen wird.

Übrigens: Auch bei Klimaberichten zeigt sich, wie schwer Unternehmensversprechen überprüfbar sind – oft fehlen ausgerechnet die Emissionsdaten, die für echte Transparenz nötig wären. Eine KI legt offen, wo Firmen lückenhaft berichten und warum Vergleichbarkeit beim Klimaschutz so wichtig ist. Mehr dazu in unserem Artikel.

Bild: © Pexels

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