Kaufkraft in Deutschland erholt sich – doch fast 60 Prozent fühlen sich ärmer

Eine neue IMK-Studie zeigt: Viele Menschen fühlen sich ärmer, obwohl sich die Kaufkraft in Deutschland erholt hat.

Viele Menschen halten sich beim Einkaufen zurück, obwohl sich die Kaufkraft in Deutschland rechnerisch erholt hat – besonders stark prägen gestiegene Preise für Lebensmittel und Energie das Gefühl, weniger Geld zur Verfügung zu haben. © Unsplash

Viele Menschen halten sich beim Einkaufen zurück, obwohl sich die Kaufkraft in Deutschland rechnerisch erholt hat – besonders stark prägen gestiegene Preise für Lebensmittel und Energie das Gefühl, weniger Geld zur Verfügung zu haben. © Unsplash

Die Kaufkraft in Deutschland hat sich auf dem Papier erholt. Viele Menschen erleben ihren Alltag aber anders. Das Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) der Hans-Böckler-Stiftung hat in einer Online-Befragung rund 7000 Menschen zwischen 18 und 75 Jahren befragt. Das Gefühl begleitet viele Haushalte seit der Inflationswelle: Das Einkommen reicht wieder etwas mehr, doch beim Einkaufen, Heizen oder Ausgehen bleibt der Eindruck, weniger Spielraum zu haben.

Hinter diesem Widerspruch steckt mehr als schlechte Stimmung. Die Forscher Jan Behringer und Lukas Endres schreiben in ihrem Policy Brief von einer „Diskrepanz zwischen wahrgenommener und gemessener Entwicklung der verfügbaren Realeinkommen“. Die inflationsbedingten Verluste seien im gesamtwirtschaftlichen Durchschnitt bereits 2024 wieder aufgeholt worden. Trotzdem fühlte sich Ende 2025 eine Mehrheit schlechter gestellt als vor fünf Jahren.

Warum die Kaufkraft in Deutschland anders empfunden wird

Die auffälligste Zahl der Befragung lautet: Knapp 60 Prozent der Menschen glauben, dass ihr Haushalt heute weniger kaufen kann als vor fünf Jahren. Etwa 30 Prozent sehen kaum eine Veränderung. Nur rund 11 Prozent sagen, sie könnten sich mehr leisten.

Der Alltag folgt aber nicht dem Durchschnitt. Der Verbraucherpreisindex lag Ende 2025 um 21,9 Prozent über dem Niveau von 2020. Einige Ausgaben, die regelmäßig anfallen, stiegen viel stärker. Wohnenergie kostete 2025 rund 47 Prozent mehr als 2020. Lebensmittel, Getränke und Tabakwaren lagen knapp 34 Prozent höher. Restaurantbesuche verteuerten sich um rund 33 Prozent. Solche Preise begegnen Menschen ständig und prägen deshalb das Gefühl für Wohlstand stark.

Lebensmittel und Energie belasten am meisten

Die Forscher verweisen darauf, dass viele Haushalte vor allem dort Druck spüren, wo Ausgaben schwer zu vermeiden sind. 47 Prozent der Befragten empfinden höhere Kosten für Wohnenergie als eher schwere oder sehr schwere finanzielle Belastung. Bei Lebensmitteln liegt der Anteil bei 44 Prozent. Bei Gaststätten- und Restaurantbesuchen sind es 42 Prozent. „Wohnenergie, Lebensmittel und Restaurantbesuche gehören zu den Gütern des täglichen Bedarfs und werden von den Menschen mit hoher Frequenz nachgefragt“, heißt es im Policy Brief.

Andere Waren wurden seit 2020 weniger stark teurer. Bekleidung und Schuhe lagen 2025 gut 10 Prozent über dem Niveau von 2020. Freizeit, Unterhaltung und Kultur kamen auf rund 15 Prozent Plus. Möbel und Haushaltsgeräte lagen bei 18 Prozent. Für die persönliche Wahrnehmung zählt aber oft die Ausgabe, die jede Woche oder jeden Monat anfällt.

Das sind die stärksten Preissprünge seit 2020 im Überblick:

  • Wohnenergie: plus rund 47 Prozent
  • Lebensmittel, Getränke, Tabakwaren: plus knapp 34 Prozent
  • Gaststätten- und Restaurantbesuche: plus rund 33 Prozent
  • Verkehr und Mobilität: plus gut 27 Prozent
  • Reisen und Tourismus: plus gut 23 Prozent

Wie die Kaufkraft in Deutschland den Konsum beeinflusst

Das schlechte Gefühl beim Geld bleibt nicht folgenlos. Viele Menschen planen, Ausgaben zu kürzen, vor allem wenn sie sich große Sorgen um künftige Lebenshaltungskosten machen. Bei Restaurantbesuchen wollen 76 Prozent der stark Besorgten weniger ausgeben. 73 Prozent planen Einschnitte bei Möbeln und Haushaltsgeräten. 68 Prozent wollen bei Freizeit, Unterhaltung und Kultur sparen. Bei Reisen und Tourismus sind es 67 Prozent, bei Kleidung und Schuhen 62 Prozent.

Bei Menschen ohne Sorgen fallen diese Werte viel niedriger aus. Nur 26 Prozent wollen Restaurantbesuche einschränken, 19 Prozent Reisen und Tourismus, 17 Prozent Freizeit und Kultur. Daraus entsteht ein plausibler Grund, warum der private Konsum trotz erholter Einkommen schwach bleibt. Viele Haushalte könnten rechnerisch mehr ausgeben, bleiben aber vorsichtig, weil der nächste Preissprung jederzeit möglich scheint.

Warum das Geldgefühl politisch wirkt

Die Befragung reicht auch in die politische Stimmung hinein. Von den Menschen, die ihre Kaufkraft als gesunken wahrnehmen, sind knapp 80 Prozent unzufrieden mit der Bundesregierung. Bei stabil empfundener Kaufkraft liegt der Anteil bei 62 Prozent. Wer sich finanziell besser gestellt fühlt, ist zu 54 Prozent unzufrieden.

Das Vertrauen fällt ähnlich auseinander. 35 Prozent der Menschen mit gefühlten Kaufkraftverlusten geben an, überhaupt kein Vertrauen in die Bundesregierung zu haben. Bei stabil wahrgenommener Kaufkraft sind es 16 Prozent, bei verbesserter Kaufkraft 12 Prozent. „Die gefühlten Kaufkraftverluste gehen mit größeren Sorgen um die künftige Entwicklung der Lebenshaltungskosten, Plänen zur Konsumzurückhaltung und einem geringeren Vertrauen in die Bundesregierung einher“, schreiben Behringer und Endres.

Was die Befragung leisten kann – und was nicht

Die IMK-Befragung lief vom 2. Oktober bis 2. November 2025. Die Stichprobe wurde nach Alter, Geschlecht, Bundesland und Haushaltseinkommen quotiert und anschließend gewichtet. Die Forscher weisen auch auf Grenzen hin. Online-Access-Panels können von der Gesamtbevölkerung abweichen, etwa bei Einkommen, Bildung, Alter oder politischen Einstellungen. Aufmerksamkeitstests und der Ausschluss sehr schneller Antworten sollten die Datenqualität verbessern.

Die Befragung liefert damit keine Momentaufnahme jedes einzelnen Haushalts, aber einen klaren Befund für die Kaufkraft in Deutschland: Die Erholung erreicht viele Menschen rechnerisch früher als emotional. Solange Energie, Lebensmittel und alltägliche Ausgaben hoch bleiben, wirkt der Inflationsschock nach.

Kurz zusammengefasst:

  • Die Kaufkraft in Deutschland hat sich im Durchschnitt wieder erholt, doch viele Menschen spüren das im Alltag kaum, weil Lebensmittel, Energie und Restaurantbesuche seit 2020 stark teurer geworden sind.
  • Knapp 60 Prozent der Befragten fühlen sich finanziell schlechter gestellt als vor fünf Jahren. Diese Wahrnehmung führt zu Sorgen und dazu, dass viele bei Urlaub, Freizeit, Kleidung oder Restaurantbesuchen sparen wollen.
  • Nicht nur Einkommen bestimmen das Geldgefühl, sondern vor allem die Preise, die Menschen regelmäßig sehen und zahlen müssen – an der Supermarktkasse, bei der Energierechnung und beim Essen außer Haus.

Übrigens: Deutschland gilt beim Lebensmitteleinkauf im EU-Vergleich als relativ günstig – doch steigende Preise und mehr Angebotskäufe zeigen, wie stark sich der Alltag verändert hat. Entscheidend ist nicht nur der Preis im Regal, sondern auch, wie viel Einkommen dafür draufgeht. Mehr dazu in unserem Artikel.

Bild: © Unsplash

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