Meditation verändert die Selbstwahrnehmung – ähnlich wie bei Depersonalisation
Eine Tübinger Studie erklärt, warum Meditation das Ich-Gefühl verschieben kann – oft positiv erlebt, manchmal aber auch verunsichernd.
Beim Meditieren kann sich das Gefühl für das eigene Ich verschieben. © Unsplash
Beim Meditieren soll der Blick nach innen ruhiger werden. Gedanken ziehen vorbei, der Atem wird gleichmäßiger, der Körper tritt für einen Moment in den Hintergrund. Manchmal verschiebt sich dabei aber mehr als nur die Aufmerksamkeit: Das Gefühl für das eigene Ich oder die Umgebung kann ungewohnt locker werden.
Wer sich plötzlich von sich selbst oder seiner Umgebung entfremdet fühlt, kennt solche Zustände häufig aus ganz anderen Zusammenhängen. Sie treten etwa bei großem Stress, Depressionen, Angststörungen oder nach traumatischen Erfahrungen auf. In der Psychiatrie heißen sie Depersonalisation und Derealisation: Bei Depersonalisation fühlt sich das eigene Ich fremd an, bei Derealisation wirkt die Außenwelt unwirklich oder entfernt.
Meditation verändert die Selbstwahrnehmung
Forscher des Universitätsklinikums Tübingen beschreiben im Fachjournal Scientific Reports, dass ähnliche Erfahrungen auch bei Meditation auftreten können. Dort werden sie jedoch oft anders erlebt: nicht nur verunsichernd, sondern auch ruhig, bedeutsam oder spirituell.
Für die Untersuchung wurden 121 Personen befragt. Eine Gruppe hatte solche Zustände im Zusammenhang mit Meditation erlebt. Die andere Gruppe nannte andere Auslöser, darunter Stress, Angst, Depressionen, traumatische Erfahrungen oder Cannabis. Auf einer Skala für Depersonalisation und Derealisation unterschieden sich die Erfahrungen beider Gruppen kaum. Anders war vor allem die Bewertung.
Das Ich-Gefühl kann sich verschieben
Menschen aus der Meditationsgruppe beschrieben ihre Erlebnisse häufiger als angenehm, sinnvoll oder erkenntnisreich. In der Vergleichsgruppe überwogen eher Verwirrung, Angst und Belastung. Erstautorin Erola Pons sagt dazu: „Unsere Ergebnisse zeigen, dass nicht allein das Erlebnis selbst entscheidend ist, sondern auch der Kontext, in dem es entsteht und interpretiert wird.“
Das macht den Befund heikel für einfache Erklärungen. Ein Zustand kann sich äußerlich ähnlich beschreiben lassen und trotzdem ganz anders anfühlen. Wer meditiert, ordnet das fremde Ich-Gefühl möglicherweise als Teil einer Übung ein. Wer es nach Stress oder Angst erlebt, kann denselben Abstand zum eigenen Körper als Kontrollverlust empfinden.
Sadhguru deutet das Ich-Gefühl anders
In spirituellen Traditionen gilt ein gelockertes Ich-Gefühl oft nicht automatisch als Problem. Der indische Yogi Sadhguru beschreibt das Ego als Folge der Identifikation mit dem Körper und spricht bei „Ahankara“ von Identität. Wenn diese Identifikation nachlässt, könne sich auch das Gefühl von „ich“ und „du“ verändern.
Die Tübinger Untersuchung übersetzt solche Erfahrungen in psychologische Begriffe: Depersonalisation betrifft das eigene Ich, Derealisation die erlebte Außenwelt.
Depersonalisation wirkt oft bedrohlich
Depersonalisation bedeutet nicht einfach Nachdenklichkeit oder Tagträumen. Betroffene erleben den eigenen Körper, Gedanken oder Gefühle nicht mehr wie gewohnt als zu sich gehörig. Manche fühlen sich wie Beobachter ihres eigenen Lebens. Die Studie beschreibt solche Zustände mit Beispielen, in denen Bewegungen automatisch wirken oder Gedanken eine Art Eigenleben bekommen.
Derealisation betrifft dagegen die Außenwelt. Vertraute Räume, Menschen oder Geräusche erscheinen dann fremd, dumpf, traumartig oder unwirklich. Beide Begriffe klingen sperrig, beschreiben aber Erfahrungen, die viele Betroffene sehr konkret schildern: Das eigene Ich oder die Welt verliert vorübergehend ihre gewohnte Nähe.
Viele Werte lagen im klinischen Bereich
In der Meditationsgruppe lagen 61,7 Prozent der Teilnehmer über einem klinisch relevanten Schwellenwert auf der Cambridge Depersonalisation Scale. In der Gruppe mit anderen Auslösern waren es 77 Prozent. Eine ärztliche Diagnose hatten allerdings nur vier Personen erhalten. Hohe Werte bedeuten daher nicht automatisch eine Erkrankung.
Für eine Diagnose zählt vor allem, ob die Zustände stark belasten und den Alltag einschränken. Besonders hier lagen die Unterschiede. Die Meditationsgruppe bewertete ihre Erfahrungen im Schnitt positiver. Viele beschrieben sie als spirituell bedeutsam oder als Moment besonderer Einsicht. Belastende Verläufe gab es dennoch auch dort.
Meditation wirkt nicht nur bei Profis so
Solche Erfahrungen traten nicht nur bei Menschen mit langer Meditationspraxis auf. Mehr als ein Drittel der Meditationsgruppe berichtete den ersten entsprechenden Zustand nach höchstens 100 Stunden Übung. Die Spannweite reichte insgesamt von 5 bis 12.200 Stunden Praxis vor dem ersten Erlebnis. Der Mittelwert hätte hier wenig erklärt; der Median lag bei 175 Stunden.
Auch ein Retreat war keine Voraussetzung. 61,5 Prozent hatten vor dem ersten Erlebnis kein Meditationsretreat besucht. Die Zustände tauchten bei unterschiedlichen Formen der Praxis auf, etwa bei Atemmeditation, Vipassana, Bodyscan oder Metta-Meditation. Einige Erlebnisse kamen während der Meditation, andere danach.
Manche Erfahrungen bleiben länger
Bei vielen Teilnehmern vergingen die Zustände nach Minuten oder Stunden. Andere berichteten von Tagen oder Wochen. In der Meditationsgruppe gab mehr als die Hälfte an, mindestens eine entsprechende Veränderung als dauerhafte Verschiebung erlebt zu haben. Die Angaben stammen aus einzelnen Fragebogenpunkten und sagen nicht, ob daraus eine Störung entstand.
Die Wissenschaftler betonen deshalb die Bedeutung von Einordnung und Begleitung. Meditationskurse, Apps und Lehrende sprechen oft über Ruhe, Achtsamkeit und Konzentration. Ungewohnte Veränderungen der Selbstwahrnehmung kommen seltener vor. Wer solche Zustände nicht kennt, kann sie erschreckend finden.
Gute Vorbereitung kann stark entlasten
Pons stellt klar: „Gleichzeitig ist es wichtig zu betonen, dass die positiven Berichte aus dem Meditationskontext die Erfahrungen von Menschen, die unter Depersonalisation oder Derealisation leiden, nicht relativieren.“ Für manche Menschen sind diese Zustände leidvoll, schwer kontrollierbar und mit psychischen Belastungen verbunden.
Forschungsleiter Axel Lindner sagt: „Unsere Studie legt nahe, dass Veränderungen des Selbsterlebens nicht automatisch als krankhaft betrachtet werden sollten.“ Entscheidend bleibt, wie Menschen solche Erfahrungen erleben, einordnen und bewältigen. Meditation kann die Selbstwahrnehmung verändern. Für manche wird daraus ein ruhiger Abstand zum eigenen Ich. Für andere fühlt sich derselbe Abstand verstörend an.
Kurz zusammengefasst:
- Meditation kann die Selbstwahrnehmung verändern: Manche Menschen erleben dabei, dass sich das eigene Ich, der Körper oder die Umgebung ungewohnt fremd anfühlen.
- Ähnliche Zustände heißen Depersonalisation und Derealisation: Depersonalisation betrifft das Gefühl für das eigene Ich, Derealisation das Erleben der Außenwelt.
- Entscheidend ist die Einordnung: In der Tübinger Studie wurden solche Erfahrungen bei Meditation oft positiv oder spirituell erlebt, nach Stress, Angst oder Trauma dagegen häufiger belastend.
Übrigens: Wenn Meditation das Ich-Gefühl verändert, führt Sadhguru die Debatte noch weiter – bis zum Boden, zu Mikroorganismen und der Frage, wie eng Umwelt und mentale Gesundheit zusammenhängen. Warum ausgelaugte Böden nach seiner Warnung auch unsere Psyche treffen könnten, mehr dazu in unserem Artikel.
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