Amphibien in Berlin gehen seit Jahrzehnten stark zurück – eine Langzeitstudie zeigt Verluste von 76 Prozent und 36 ausgetrocknete Gewässer

Die Amphibienbestände in Berlin sind seit 1981 um 76 Prozent zurückgegangen. Weil einige Gewässer inzwischen ganz ausgetrocknet sind, könnten die tatsächlichen Verluste sogar noch größer sein.

Moorfrösche am Okkepfuhl in Berlin: Ihre Art gehört zu den Amphibien, deren Bestände in der Hauptstadt seit Jahrzehnten stark zurückgehen. © Jörg Freyhof

Moorfrösche am Okkepfuhl in Berlin: Ihre Art gehört zu den Amphibien, deren Bestände in der Hauptstadt seit Jahrzehnten stark zurückgehen. © Jörg Freyhof

Frösche, Kröten und Molche werden an Berliner Gewässern immer seltener. Seit 1981 gingen die untersuchten Amphibienbestände im Mittel um 76 Prozent zurück. Selbst diese Zahl könnte das tatsächliche Ausmaß noch unterschätzen. Denn einige Gewässer verschwanden vollständig und konnten deshalb nicht mehr in die Langzeitauswertung einfließen.

Wissenschaftler des Museums für Naturkunde Berlin werteten jahrzehntelange Beobachtungen von Amphibien und Libellen aus. Für Amphibien reichen die verwendeten Zeitreihen von 1981 bis 2022, bei Libellen sogar bis 1963 zurück. Veröffentlicht wurden die Ergebnisse in der Fachzeitschrift Global Change Biology Communications.

Amphibien in Berlin gehen besonders stark zurück

Besonders hart trifft der Rückgang Frösche, Kröten und Molche. An sieben untersuchten Berliner Gewässern schrumpften ihre Bestände seit 1981 im Mittel um 76 Prozent. Pro Jahr entspricht das einem Minus von 3,4 Prozent. Erfasst wurden 16 Populationen von acht Arten.

Die 76 Prozent beziehen sich auf diese langfristig beobachteten Populationen, nicht auf sämtliche Amphibien der Stadt. Die acht erfassten Arten machen rund 62 Prozent der heute in Berlin vorkommenden Amphibienarten aus. Trotzdem fällt der Unterschied zu einer zweiten Tiergruppe deutlich aus.

Auch Libellen verschwinden zunehmend

Bei Libellen reicht die Beobachtungsreihe sechs Jahrzehnte zurück. Zwischen 1963 und 2023 gingen die untersuchten Bestände an elf Berliner Gewässern im Mittel um 51,1 Prozent zurück. Grundlage waren 127 Populationen von 36 Arten.

Dass Amphibien noch stärker verlieren, hängt wahrscheinlich mit ihrer Lebensweise zusammen. Eine erwachsene Libelle kann auf der Suche nach einem geeigneten Gewässer mehrere Kilometer zurücklegen. Frösche, Kröten und Molche sind wesentlich stärker an ihre Umgebung gebunden. Zwischen Winterquartier, Landlebensraum und Laichgewässer müssen sie jedes Jahr geeignete Wege finden.

Straßen und trockene Teiche schneiden Lebensräume auseinander

„Frösche, Kröten und Molche sind deutlich weniger mobil als Libellen und daher besonders empfindlich, wenn Wanderwege zwischen Laichgewässern und Landlebensräumen durch Straßen, Bebauung oder trockenfallende Kleingewässer unterbrochen werden“, sagt Silvia Keinath vom Museum für Naturkunde Berlin.

Ein Teich allein genügt einer Amphibienpopulation deshalb nicht. Frösche und Kröten brauchen Wasser zum Laichen, verbringen aber große Teile des Jahres an Land. Molche wechseln ebenfalls zwischen beiden Lebensräumen. Verschwindet das Laichgewässer oder trennt eine Straße die Wanderroute, kann sich der Bestand kaum auf einen anderen Ort verlagern.

Libellen haben dabei einen Vorteil: Nach ihrer Entwicklung im Wasser können die erwachsenen Tiere davonfliegen und neue Gewässer erreichen. Unempfindlich sind sie trotzdem nicht. Austrocknende Teiche, schlechtere Wasserqualität und Veränderungen der Ufervegetation treffen auch ihre Larven und damit die nächste Generation.

36 Berliner Gewässer sind bereits völlig ausgetrocknet

Wie stark sich die Landschaft verändert hat, wird an einer weiteren Zahl sichtbar. In den ursprünglichen Datensätzen tauchten 36 Gewässer auf, die im Laufe des Untersuchungszeitraums vollständig austrockneten.

Dort konnten am Ende keine fortlaufenden Bestände mehr erfasst werden. Ausgerechnet einige besonders stark veränderte Lebensräume fehlen deshalb in der Berechnung des langfristigen Rückgangs. Die tatsächlichen Verluste könnten also noch größer sein.

Auch zwei weitere untersuchte Gebiete haben einen großen Teil ihres Wassers verloren. Barssee und Pechsee im Grunewald gelten inzwischen als Moorstandorte. Als wahrscheinlichen Hauptgrund für ihre Austrocknung nennen die Wissenschaftler dort die Grundwasserentnahme. Wiedervernässungsmaßnahmen konnten bislang keinen dauerhaft stabilen Wasserstand herstellen.

Gelb für Libellen, Blau für Amphibien, Violett für beide Gruppen: Die Karte zeigt die Berliner Gewässer, an denen die Bestände über Jahrzehnte untersucht wurden.  © Studie
© Keinath et al. (2026), Global Change Biology Communications, CC BY 4.0 Gelb für Libellen, Blau für Amphibien, Violett für beide Gruppen: Die Karte zeigt die Berliner Gewässer, an denen die Bestände über Jahrzehnte untersucht wurden. © Keinath et al. (2026), Global Change Biology Communications, CC BY 4.0

Selbst am grünen Stadtrand gehen die Bestände zurück

Viele der langjährig untersuchten Gewässer liegen zudem nicht zwischen dicht bebauten Häuserblocks, sondern am Stadtrand, in Wäldern oder in vergleichsweise naturnahen Gebieten. Dazu gehören Gewässer im Grunewald, im Spandauer Forst, in Köpenick oder in Tegel.

Damit erfassen die langen Datenreihen ausgerechnet viele Orte, an denen Tiere grundsätzlich noch bessere Lebensbedingungen finden als im dicht bebauten Zentrum. Dort könnten Gewässer, Populationen oder ganze Lebensräume schon früher verschwunden sein. Für solche Orte existieren dann keine durchgehenden Beobachtungsreihen mehr.

Berlin besitzt weiterhin ein großes Netz aus Seen, Teichen, Flüssen und Kanälen. Wasserflächen machen rund sechs Prozent des Stadtgebiets aus. Für Amphibien entscheidet jedoch nicht allein, ob irgendwo Wasser vorhanden ist. Ein Laichgewässer muss erreichbar sein, darf nicht zu früh austrocknen und braucht passende Lebensräume in seiner Umgebung.

Jahrzehnte alte Beobachtungen machen den Verlust sichtbar

Dass sich der Rückgang heute überhaupt über mehrere Jahrzehnte beziffern lässt, liegt an ungewöhnlich umfangreichen Aufzeichnungen. Die Libellendatenbank enthält fast 24.000 Beobachtungen aus 544 Berliner Gewässern und reicht bis ins Jahr 1850 zurück. Für Amphibien liegen mehr als 16.600 Einträge aus 479 Gewässern und angrenzenden Gebieten vor.

Für einen direkten Langzeitvergleich konnten allerdings nur Gewässer genutzt werden, die über viele Jahre regelmäßig untersucht worden waren. Genau daran mangelt es in Berlin bislang vielerorts. „Unsere Ergebnisse sind ein Werkzeug“, sagt Keinath. Entscheidend seien kontinuierliche und gut dokumentierte Daten.

Kurz zusammengefasst:

  • Die untersuchten Amphibienbestände in Berlin gingen zwischen 1981 und 2022 im Mittel um 76 Prozent zurück; bei Libellen waren es seit 1963 rund 51 Prozent.
  • Amphibien sind besonders gefährdet, weil sie zwischen Laichgewässern und Landlebensräumen wandern müssen und Straßen, Bebauung sowie austrocknende Teiche diese Wege unterbrechen können.
  • 36 Berliner Gewässer trockneten im Untersuchungszeitraum vollständig aus, weshalb die tatsächlichen Verluste sogar größer sein könnten als die berechneten Rückgänge.

Übrigens: Während die Amphibienbestände in Berlin seit Jahrzehnten schrumpfen, verändert die Erwärmung zugleich ihr Paarungsverhalten. Wärmere Nächte lassen Frösche schneller rufen und früher mit der Fortpflanzung beginnen – mehr dazu in unserem Artikel.

Bild: © Jörg Freyhof

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