Abnehmspritze verändert offenbar Verhalten – Forscher finden überraschenden Effekt auf Impulse
Eine neue Studie legt nahe, dass GLP-1-Medikamente wie Ozempic impulsives Verhalten möglicherweise weniger häufig in Gewalt münden lassen.
GLP-1-Medikamente wie Ozempic und Wegovy wirken auf Appetit und Blutzucker. Eine neue Studie findet nun Hinweise auf mögliche Effekte bei Impulskontrolle und Verhalten. © Unsplash
Ozempic und Wegovy kennen viele als Abnehmspritzen. Sie sollen den Appetit bremsen, das Gewicht senken und bei Diabetes den Blutzucker verbessern. Doch jetzt rückt eine ganz andere Frage in den Blick: Was passiert, wenn die Mittel nicht nur Hunger dämpfen, sondern auch den kurzen Weg vom Impuls zur Tat verändern?
An dieser Stelle wird es überraschend. Eine neue Studie der Rutgers University verbindet GLP-1-Medikamente wie Ozempic, Wegovy, Rybelsus und Trulicity mit einem möglichen Effekt auf aggressives Verhalten. Bei Menschen, die solche Mittel aktuell einnahmen, war die Verbindung zwischen hoher Impulsivität und gewalttätigem Verhalten rund 62 Prozent schwächer. Verglichen wurden sie mit Menschen, die GLP-1-Medikamente früher genommen, inzwischen aber abgesetzt hatten.
Wirkung der Abnehmspritze reicht offenbar über Hunger hinaus
Für die Auswertung nutzten die Forscher Daniel Semenza und Christopher Thomas Daten aus einer landesweit repräsentativen US-Befragung. Insgesamt flossen die Aussagen von 7521 Erwachsenen in die finale Stichprobe ein. Für die Hauptanalyse zählten 821 Menschen, die irgendwann in ihrem Leben ein GLP-1-Medikament verwendet hatten. Von ihnen nahmen 597 das Mittel zum Zeitpunkt der Befragung, 224 hatten es früher genutzt.
Die Befragung lief vom 24. Juni bis 7. Juli 2025. Die Teilnehmer machten Angaben zu Gesundheit, Alkoholkonsum, Impulsivität und Verhalten in den vergangenen zwölf Monaten. Sie gaben selbst an, ob sie in den vergangenen zwölf Monaten gewalttätig geworden waren. Dazu zählten körperliche Auseinandersetzungen, Schläge nach einer Beleidigung, Drohungen mit einer Waffe sowie Raub mit oder ohne Waffe.
Impulse schlagen bei aktuellen Nutzern deutlich seltener durch
Der stärkste Befund betrifft die Impulsivität: Bei Menschen, die GLP-1-Medikamente früher genutzt hatten, stieg gewalttätiges Verhalten deutlich mit höheren Impulsivitätswerten. Bei Menschen, die zum Zeitpunkt der Befragung Ozempic, Wegovy oder ein ähnliches Mittel einnahmen, fiel diese Verbindung viel schwächer aus. Rechnerisch lag der Zusammenhang rund 62 Prozent niedriger.
„Der stärkste Befund der Studie war, dass der gut belegte Zusammenhang zwischen Impulsivität und gewalttätigem Verhalten bei aktuellen GLP-1-Nutzern deutlich schwächer war als bei früheren Nutzern“, sagt Semenza. Er arbeitet an der Rutgers School of Public Health und leitet dort die Forschung am New Jersey Gun Violence Research Center.
Wirkung der Abnehmspritze betrifft womöglich Moment vor der Handlung
Die Medikamente machten Menschen jedoch nicht einfach frei von Impulsen. Der Befund deutet eher auf einen feineren Ablauf hin. Ein Impuls entsteht weiterhin, führt aber möglicherweise seltener direkt zu einer Handlung. Co-Autor Thomas vergleicht das mit einem Effekt, der aus der Verhaltenstherapie bekannt ist.
„Unsere Ergebnisse passen dazu, dass diese Medikamente ähnlich wie eine kognitive Verhaltenstherapie wirken, indem sie den Weg vom Impuls zur Handlung abschwächen, statt die Impulsivität selbst zu beseitigen“, erklärt Thomas.
Beim Alkohol-Befund bleibt die Datenlage vorsichtiger
Auch Alkohol kam in der Analyse vor. Insgesamt hing stärkerer Alkoholkonsum mit mehr gewalttätigem Verhalten zusammen. Bei aktuellen GLP-1-Nutzern fiel dieser Zusammenhang rund 52 Prozent schwächer aus. Die Autoren bewerten diesen Punkt aber vorsichtiger, weil Zusatzanalysen weniger stabile Ergebnisse ergaben.
Frühere Untersuchungen zeigten, dass GLP-1-Medikamente im Gehirn auch Belohnung, Verlangen und Selbstkontrolle beeinflussen könnten. Diese Prozesse spielen bei Essen eine Rolle – aber auch bei Alkohol, Glücksspiel und impulsiven Entscheidungen.
Mehrere Punkte begrenzen die Aussagekraft der Studie:
- Die Untersuchung erfasst einen Zeitpunkt und kann keine Ursache belegen.
- Die Angaben zu Gewalt stammen aus Selbstauskünften, nicht aus Polizeidaten.
- Die Gründe für das Absetzen der Medikamente blieben offen.
- Nebenwirkungen, Kosten oder fehlender Versicherungsschutz könnten die Gruppen unterscheiden.
„Da GLP-1-Medikamente immer weiter verbreitet sind, ist es wichtig, alle möglichen Verhaltenseffekte zu verstehen, einschließlich jener, die für die öffentliche Sicherheit relevant sind“, sagt Semenza.
Aus den Daten folgt jedoch nicht, dass Ozempic, Wegovy oder ähnliche Präparate Gewalt verhindern. Die Studie zeigt einen Zusammenhang bei Menschen, die diese Mittel aktuell oder früher genutzt hatten. Sie beweist keine direkte Wirkung gegen Aggression. Die Autoren fordern deshalb Langzeitstudien und Experimente, um Ursache und Mechanismus besser zu prüfen.
Kurz zusammengefasst:
- GLP-1-Medikamente wie Ozempic und Wegovy dienen eigentlich der Behandlung von Diabetes und starkem Übergewicht.
- Eine neue Studie zeigt Hinweise, dass aktuelle Nutzer einen schwächeren Zusammenhang zwischen Impulsivität und gewalttätigem Verhalten zeigten.
- Die Daten beweisen keine Schutzwirkung gegen Gewalt, liefern aber einen neuen Hinweis auf mögliche Effekte bei Selbstkontrolle und Verhalten.
Übrigens: Abnehmspritzen könnten laut ersten Studien auch im Gehirn wirken – mit möglichen Folgen für das Demenzrisiko oder Süchte. Forscher prüfen nun, wie belastbar diese Hinweise wirklich sind. Mehr dazu in unserem Artikel.
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