Toxische Männlichkeit: Fast jeder zweite junge Mann hält Gewalt manchmal für nötig
Eine Schweizer Studie zeigt: Toxische Männlichkeit ist bei jungen Männern sehr verbreitet und hängt stark mit Gewaltbereitschaft zusammen.
Toxische Männlichkeit äußert sich nach einer neuen Schweizer Studie durch Gewaltakzeptanz, starre Rollenbilder und durch das Gefühl bedrohter Männlichkeit. © Pexels
Toxische Männlichkeit zeigt sich in der Schweiz besonders hart an einer Zahl: 47,7 Prozent der jungen Männer zwischen 18 und 24 Jahren stimmen der Aussage zu, dass Gewalt manchmal notwendig sei.
Der Studienbericht „Männlichkeit im Wandel“ der Universität Zürich und von männer.ch, dem Dachverband Schweizer Männer- und Väterorganisationen, nennt diese Zahl neben weiteren auffälligen Befunden. Die Untersuchung wertete 6138 Datensätze von Menschen zwischen 18 und 64 Jahren aus. Erfasst wurden Einstellungen zu Männlichkeit, Gleichstellung, Familie, Partnerschaft, Sexualität und Gewalt.
Faktor M bündelt starre Rollenbilder
Für die Schweiz liegen solche Daten in dieser Breite erstmals vor. Sie beschreiben, wie weit Vorstellungen von toxischer Männlichkeit verbreitet sind. Die Autoren arbeiten hierfür mit dem Begriff „Faktor M“. Er beschreibt kein einzelnes Vorurteil, sondern ein Bündel aus mehreren Haltungen. Dazu gehören Dominanzansprüche, Queerfeindlichkeit, Gewaltakzeptanz und die Vorstellung, echte Männlichkeit müsse verteidigt werden. Der Begriff hilft, diese verschiedenen Einstellungen zusammenzufassen, die in der Befragung häufig gemeinsam auftreten.
„Faktor M steht für eine Haltung, die «echte Männlichkeit» bedroht sieht, verbunden mit männlichen Überlegenheitsansprüchen, Gewaltbereitschaft, Frauenfeindlichkeit, der Verachtung sexueller Minderheiten und der Ablehnung von Gleichstellung“, sagt Studienleiter Denis Ribeaud vom Jacobs Center for Productive Youth Development der Universität Zürich.
Gerade die Jüngeren wollen ein „richtiger Mann“ sein
Gemessen an der Gesamtheit der Befragten fallen 20 Prozent der Männer in die Gruppe mit hohen Faktor M-Werten. Bei Frauen liegt der Anteil bei sieben Prozent. Die stärksten Ausschläge und damit Faktor M-Werte finden sich bei jungen Männern zwischen 18 und 24 Jahren. Unter ihnen zählt fast jeder Dritte zur High-Score-Gruppe, die ein erhöhtes Risiko für problematisches Verhalten aufweisen. Dazu zählen Gewalt, Hassrede, Diskriminierung oder Radikalisierung.
Diese konkreten Zahlen aus der Studie machen das Ausmaß greifbar:
- 31 Prozent der jungen Männer gehören zur High-Score-Gruppe beim Faktor M.
- 47,7 Prozent der 18- bis 24-Jährigen sagen, Gewalt sei manchmal notwendig.
- Bei Männern über 25 Jahren stimmen immer noch 25,5 Prozent, also jeder Vierte, der Aussage zu.
- 50,5 Prozent in dieser Altersgruppe sehen „richtige Männer“ gesellschaftlich an den Rand gedrängt und in ihrer Männlichkeit bedroht.
Die Zahlen beschreiben keine Straftaten. Sie erfassen Einstellungen. Trotzdem sind sie für Gewaltprävention relevant, weil solche Haltungen laut Bericht mit Partnerschaftsgewalt und Gewalt in der Erziehung zusammenhängen.
Männer mit hohem Faktor M sind häufiger „Incel“ und gucken gerne Pornos
Ein weiteres deutliches Ergebnis zeigt sich beim Thema Sexualität. Ein hoher Faktor M und unfreiwillige Enthaltsamkeit hängen zusammen. Für solche Männer wird häufig der Begriff „Incel“ verwendet. Er kommt aus dem Englischen und steht für „involuntary celibate“, also unfreiwillig sexuell enthaltsam. Von den 18- bis 24-jährigen Männern hatten 38,6 Prozent in den vergangenen zwölf Monaten keinen Sex. Mehr als die Hälfte davon berichtet, dass dies unfreiwillig war. Die Studie setzt den Begriff vorsichtig ein, denn fehlender Sex allein macht niemanden gewaltbereit oder frauenfeindlich.
Auffällig ist aber: Sexuell aktive Männer gehören seltener zur High-Score-Gruppe beim Faktor M. Bei ihnen liegt der Anteil bei gut 20 Prozent. Bei „Incel“-Männern in der Gesamtheit der Befragten hat jeder vierte einen hohen Faktor M.
Auch der Konsum von Pornografie und die Inanspruchnahme von bezahltem Sex hängen mit dem Faktor M zusammen. Gut 47 Prozent der jungen Männer schauen mindestens wöchentlich pornografische Inhalte. Über alle Altersgruppen hinweg gaben 4,9 bis 6,5 Prozent der Männer an, im vergangenen Jahr für sexuelle Dienstleistungen bezahlt zu haben. Von den jungen Männern mit solchen Erfahrungen gehören 51,2 Prozent zur High-Score-Gruppe. Bei jungen Männern ohne Erfahrung mit bezahltem Sex sind es 30,2 Prozent.
Toxische Männlichkeit hängt mit Bildung und Herkunft zusammen
Bildung spielt in den Ergebnissen eine große Rolle. Männer mit niedrigem Bildungsniveau, geringem Einkommen und schwächerem Berufsstatus erreichen in der Studie häufiger hohe Faktor M-Werte. Unter jungen Männern mit Lehre oder Berufsausbildung gehört mit 47 Prozent fast jeder zweite zur High-Score-Gruppe.
Die Autoren weisen hier allerdings auf eine methodische Einschränkung hin. Menschen mit höherer Bildung sind in der Stichprobe übervertreten. Da restriktive Männlichkeitsbilder häufiger bei Menschen mit niedrigerer Bildung vorkommen, könnten die Daten die Verbreitung solcher Haltungen eher unterschätzen.
Auch die familiäre Herkunft der Befragten spielt im Bericht eine Rolle. Die Autoren betrachteten dafür das Geburtsland des Vaters. Männer, deren Väter aus Ländern mit patriarchal geprägten Strukturen stammen, erreichten häufiger höhere Faktor M-Werte. Der Bericht erklärt solche Strukturen vor allem mit schwachen rechtsstaatlichen Institutionen und anderen Geschlechterordnungen in den Herkunftsregionen der Väter.
Die Autoren warnen jedoch davor, die Unterschiede in den Einstellungen schlicht auf Kultur oder Religion zu reduzieren. Herkunft und Konfession beschreiben eher Risikolagen als direkte Ursachen. Wer mit egalitären Normen in der Schweiz wenig vertraut ist, steht Gleichstellung womöglich reservierter gegenüber. Kommen Ausgrenzung, schlechte Chancen und mangelnde Teilhabe hinzu, kann ein hartes Männlichkeitsbild Halt versprechen. Dann wird Dominanz zur scheinbar sicheren Antwort auf Unsicherheit.
Die Manosphere erreicht viele junge Männer
Das Online-Verhalten spielt bei der Entwicklung männlicher Rollenbilder offenbar eine große Rolle. Im Internet stoßen viele junge Männer auf Inhalte aus der sogenannten Manosphere. Darunter fallen Online-Milieus, die männliche Überlegenheit, Frauenfeindlichkeit oder die angebliche Benachteiligung von Männern verbreiten. In der Deutschschweiz berichten 41 Prozent der jungen Männer von solchen Bezügen. In der Westschweiz betrifft es noch fast jeden Dritten, in der italienischsprachigen Schweiz jeden Fünften.
Die Daten klären nicht, ob Inhalte aus der Manosphere toxische Einstellungen ausbilden oder etwa bereits vorhandene Haltungen verstärken. Sie machen aber sichtbar, dass Geschlechterbilder heute stark über Plattformen, Influencer, Gaming-Communities und andere Online-Gruppen geprägt werden.
Männer häufiger von niedrigschwelliger Gewalt betroffen
Hohe Faktor M-Werte gehen laut Studienleiter Ribeaud häufig mit Gewalt in Partnerschaften einher. Der Faktor M erweise sich als konsistenter Risikofaktor. „Sowohl Männer als auch Frauen mit hohen Faktor M-Werten berichteten häufiger davon, in der Partnerschaft Gewalt ausgeübt, aber auch erlebt zu haben“, erklärt er. „Das ist kein Widerspruch. Wer in Beziehungen männliche Dominanzansprüche, Geringschätzung von Frauen und Kontrollverhalten als normal einordnet, hat ein höheres Risiko, auf beiden Seiten dieser Dynamik zu stehen.“
Der Bericht trennt dabei zwischen verschiedenen Formen von Gewalt in der Partnerschaft. Frauen erleben häufiger schwere und sexuelle Partnerschaftsgewalt, das ergaben andere Datenquellen und Studien. Aufgrund der Macht- und Kräfteverhältnisse erlebten sie Gewalt anders und mit gravierenderen Folgen, heißt es in der Veröffentlichung zur Studie.
Frauen seien auch weit häufiger von extrem kontrollierender Dominanz betroffen. Doch geht es um die in der Studie gemessene niederschwellige körperliche Gewalt wie Ohrfeigen, Stossen, Dinge werfen, berichten Männer deutlich häufiger von Gewalterfahrungen als Frauen. Dazu zählen auch Beschimpfen, Abwertungen oder kontrollierendes Verhalten wie das Durchsuchen des Smartphones.
Prävention sollte früh beginnen
Die Ergebnisse reichen tief in Familien und Erziehungsweisen hinein. Männer mit hohen Faktor M-Werten befürworten häufiger autoritäre Erziehung. Sie halten Gewalt in der Erziehung von Kindern eher für legitim. Außerdem unterscheiden sie stärker zwischen den Rollen von Vätern und Müttern sowie zwischen der Erziehung von Jungen und Mädchen.
Markus Theunert von männer.ch formuliert eine Botschaft für Prävention bewusst einfach: „Männlichkeit ist gestaltbar: Du kannst so oder anders Junge sein und Mann werden“, sagt er. Die Autoren empfehlen mehr Angebote in Schulen, Berufsbildung, Jugend- und Väterarbeit.
Der Bericht setzt dabei nicht auf Schuldzuweisungen an Jungen und Männer. Er beschreibt Männlichkeitsnormen als Risiko, wenn sie Dominanz, Abwertung und Gewalt rechtfertigen. Für Schulen und Jugendarbeit entsteht aus den Ergebnissen der Studie eine konkrete Aufgabe: Jugendliche brauchen Orientierung, ohne dass Gespräche über Männlichkeit sofort moralisierend wirken.
Kurz zusammengefasst:
- Die Studie „Männlichkeit im Wandel“ beschreibt toxische Männlichkeit mithilfe des sogenannten Faktor M, ein Wert, der Dominanzdenken, Gewaltakzeptanz, Frauenfeindlichkeit und Ablehnung von Gleichstellung verbindet.
- Junge Männer zwischen 18 und 24 Jahren fallen besonders auf: 31 Prozent erreichen hohe Faktor M-Werte, 47,7 Prozent halten Gewalt manchmal für nötig und 50,5 Prozent sehen „richtige Männer“ an den Rand der Gesellschaft gedrängt.
- Hohe Faktor M-Werte hängen auch mit Sexualität zusammen: High-Score-Männer berichten häufiger von unfreiwilliger sexueller Enthaltsamkeit, Pornokonsum und bezahltem Sex.
Übrigens: Toxische Männlichkeit beginnt, wenn Männer an sich selbst zweifeln: Eine Meta-Analyse aus 123 Experimenten zeigt, wie dieser Druck bei Männern Stress, Härte und riskantes Verhalten verstärken kann; besonders stark, wenn andere zusehen oder Männer selbst glauben, nicht männlich genug zu sein. Mehr dazu in unserem Artikel.
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