BMI sagt wenig aus: Neuer Risikoscore erkennt, wer wirklich krank wird
Bei Übergewicht verrät der BMI oft zu wenig über das Risiko für Diabetes, Herzkrankheiten und andere Folgen.
Forschende fanden heraus, dass nicht das Gewicht allein, sondern die gesamte Stoffwechsellage über das Risiko für Diabetes, Herzkrankheiten und weitere Folgeerkrankungen entscheidet. © Magnific
Der BMI wirkt im Gesundheits-Check wie eine klare Ansage: zu hoch, also gefährlich. Doch diese Zahl kann täuschen. Zwei Menschen können ähnlich viel wiegen – und trotzdem ein völlig anderes Risiko für Diabetes, Herzkrankheiten oder Nierenschäden tragen.
Ein neuer Risikoscore von Forschern der Queen Mary University of London und des Berlin Institute of Health an der Charité zeigt nun, warum Blutwerte, Stoffwechsel und Vorerkrankungen oft mehr verraten als die Waage. Er soll früher erkennen, wer trotz ähnlichem Gewicht besonders gefährdet ist – und wer besonders schnell Hilfe braucht.
Diese Werte erkennen das Risiko genauer als der BMI
Für die Untersuchung wertete das Forschungsteam Gesundheitsdaten von 197.264 Menschen aus der UK Biobank aus. Alle Teilnehmenden hatten einen BMI von mindestens 27 und lebten damit im Bereich Übergewicht oder Adipositas. Rund 97.400 Menschen hatten Übergewicht, knapp 99.800 bereits Adipositas. Das mittlere Alter lag bei 58 Jahren.
Untersucht wurden 18 typische Folgeerkrankungen von Übergewicht. Dazu gehörten Typ-2-Diabetes, Bluthochdruck, Schlafapnoe, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Gicht, chronische Nierenerkrankungen und weitere chronische Leiden. Die Beobachtung lief über zehn Jahre.
Die Forschenden prüften zunächst mehr als 2300 Gesundheitsmerkmale. Dazu gehörten Blutwerte, Körpermaße, Lebensstilfaktoren und molekulare Daten. Am Ende blieben 20 Werte übrig, die besonders gut vorhersagen konnten, wer später ernsthaft erkrankt. Dieses Modell bekam den Namen OBSCORE.
Blutwerte sind oft wichtiger als das Gewicht
Der überraschendste Befund: Viele Menschen mit nur leichtem Übergewicht landeten trotzdem in der höchsten Risikogruppe.
Je nach Erkrankung lag der Anteil von Menschen mit einem BMI zwischen 27 und 30 dort zwischen 19 und 45 Prozent. Beim Risiko für Typ-2-Diabetes hatten sogar 30 Prozent der besonders gefährdeten Personen keine Adipositas, sondern nur Übergewicht. Studienautor Dr. Kamil Demircan erklärt:
Zwei Menschen mit ähnlichem Körpergewicht können sehr unterschiedliche Risiken haben, Krankheiten wie Diabetes oder Herzerkrankungen zu entwickeln.
Die Zahl auf der Waage allein reicht also nicht. Viel wichtiger ist, was im Körper passiert. Dazu zählen etwa:
- Blutzuckerwerte
- Cholesterinwerte
- Blutdruck
- Nieren- und Leberwerte
- Entzündungsmarker
- bestehende Vorerkrankungen
Diese Kombination entscheidet oft darüber, wie hoch das persönliche Risiko wirklich ist.
Die Unterschiede sind deutlich größer als viele denken
OBSCORE konnte hohe und niedrige Risiken deutlich besser voneinander trennen als klassische Modelle, die nur Alter, Geschlecht und BMI berücksichtigen. Besonders stark fiel das bei chronischer Nierenerkrankung, Typ-2-Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen auf. Die Zahlen sind deutlich:
- Bei chronischer Nierenerkrankung lag das Risiko in der höchsten Gruppe 89-mal höher
- Bei Typ-2-Diabetes war es 42-mal höher
- Bei Gicht lag der Unterschied beim 36-Fachen
- Beim Tod durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen war das Risiko 47-mal höher
In der höchsten Risikogruppe starben innerhalb von zehn Jahren 5,7 Prozent an Herz-Kreislauf-Ursachen. Das macht deutlich, wie groß die Unterschiede trotz ähnlichem Körpergewicht sein können.
Neue Abnehmmedikamente machen die Frage noch wichtiger
Medikamente wie Semaglutid oder Tirzepatid gelten als wirksam gegen starkes Übergewicht. Sie helfen vielen Menschen beim Abnehmen und senken oft auch Folgekrankheiten. Doch diese Mittel sind teuer. Außerdem können Gesundheitssysteme nicht jeden Betroffenen sofort behandeln. Deshalb wird immer wichtiger, wer besonders früh Hilfe bekommen sollte und wer engmaschiger überwacht werden muss.
Professor Claudia Langenberg, Direktorin des Precision Healthcare University Research Institute der Queen Mary University of London und Leiterin der Computational Medicine Group am Berlin Institute of Health, sagt: „Da Adipositas einen wachsenden Teil der Weltbevölkerung betrifft, ist die Vermeidung langfristiger Folgeerkrankungen zu einer großen Herausforderung für Gesundheitssysteme geworden.“
Sie ergänzt: „Unsere Arbeit zeigt, wie umfassende Gesundheitsdaten genutzt werden können, um Menschen mit höherem Risiko für Folgeerkrankungen zu erkennen.“ In westlichen Ländern leben laut den Forschenden 60 bis 70 Prozent der Erwachsenen mit Übergewicht oder Adipositas. Eine pauschale Behandlung aller Betroffenen wäre deshalb kaum realistisch.
Der BMI bleibt nützlich, aber er reicht oft nicht aus
Der BMI verschwindet deshalb nicht. Er bleibt ein einfacher erster Hinweis. Ärztinnen und Ärzte können ihn schnell berechnen und einordnen. Das Problem beginnt dort, wo daraus allein wichtige Therapieentscheidungen entstehen.
OBSCORE soll den BMI deshalb nicht ersetzen, sondern ergänzen. Das Modell wurde zusätzlich auch in unabhängigen Studien wie EPIC-Norfolk sowie Genes & Health überprüft. Dadurch steigt die Chance, dass es später auch im Praxisalltag zuverlässig eingesetzt werden kann.
Kurz zusammengefasst:
- Der BMI allein reicht oft nicht aus, um das persönliche Risiko bei Übergewicht richtig einzuschätzen, weil zwei Menschen mit ähnlichem Gewicht sehr unterschiedliche Chancen haben können, an Diabetes, Herzkrankheiten oder anderen Folgen zu erkranken.
- Das neue Modell OBSCORE bewertet deshalb zusätzlich 20 wichtige Gesundheitswerte wie Blutzucker, Cholesterin, Blutdruck und Vorerkrankungen und erkennt damit deutlich besser, wer in den nächsten zehn Jahren wirklich gefährdet ist.
- Besonders wichtig: Auch Menschen mit leichtem Übergewicht können ein hohes Risiko tragen, weshalb nicht nur die Zahl auf der Waage zählt, sondern die gesamte gesundheitliche Lage des Körpers.
Übrigens: Nicht nur BMI und Blutwerte entscheiden über das persönliche Risiko – wenn Übergewicht, Bluthochdruck, Diabetes und Nierenschäden zusammenkommen, steigt laut einer großen Studie auch das Krebsrisiko deutlich. Forscher sehen darin eine oft unterschätzte Kettenreaktion im Körper. Mehr dazu in unserem Artikel.
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