Euro 7: Neue Grenzwerte für Bremsabrieb – diese Bremsscheibe soll das Problem lösen
Euro 7 nimmt erstmals Partikel aus Bremsen in den Blick. Eine Fraunhofer-Entwicklung soll den Abrieb stark senken.
Die neue Edelstahl-Bremsscheibe zeigte auch nach 15 Bremsungen keine nachlassende Verzögerung und könnte so Bremsstaub deutlich senken. © TU Chemnitz
Feinstaub entsteht im Straßenverkehr nicht nur im Auspuff. Ein erheblicher Teil stammt vom Bremsen: Wenn Beläge auf die Scheibe drücken, lösen sich winzige Partikel und gelangen in die Luft. Diese Partikel sind oft so klein, dass sie tief in die Atemwege eindringen können. Mit der neuen Euro-7-Norm wird dieser Bremsstaub erstmals streng begrenzt.
Ab 29. November 2026 müssen zuerst neue Automodelle die Grenzwerte einhalten. Ab Ende 2027 gilt das dann für jedes Auto, das neu zugelassen wird – auch für Modelle, die es schon länger gibt. Für Hersteller wird damit eine Entwicklung des Fraunhofer IWU interessant: eine Bremsscheibe aus Edelstahl, die weniger Abrieb erzeugen und fast ein ganzes Autoleben halten soll.
Bremsstaub wird erstmals streng begrenzt
Bremsen und Reifen als Quelle gesundheitsschädlichen Feinstaubs blieben lange außen vor. Dabei entsteht auch dort Feinstaub, der gesundheitlich problematisch ist. Besonders kleine Partikel mit weniger als zehn Mikrometern Durchmesser gelten als kritisch, weil sie tief in die Lunge gelangen können.
Die neue Euro-7-Norm setzt deshalb erstmals klare Grenzen. Für batterieelektrische Fahrzeuge sind nur noch 3 Milligramm pro Kilometer erlaubt. Für alle anderen Antriebsarten liegt der Grenzwert bei 7 Milligramm pro Kilometer. Das betrifft Pkw und leichte Nutzfahrzeuge bis 3,5 Tonnen Gesamtgewicht.
Bei Elektroautos überrascht das viele. Sie fahren lokal ohne Auspuff-Emissionen, erzeugen aber trotzdem Abrieb an Reifen und Bremsen. Auch dort entsteht Feinstaub. Deshalb müssen selbst E-Autos künftig strengere Werte einhalten.
Edelstahl statt Grauguss soll den Abrieb stark senken
Die neue Bremsscheibe besteht nicht mehr aus klassischem Grauguss, sondern aus nitriertem Edelstahl. Dieses Material ist gehärtet, rostfrei und widerstandsfähig gegen hohe Temperaturen. Laut dem Fraunhofer IWU eignet es sich besonders gut für starke Belastungen beim Bremsen.
Baustahl kam dafür nicht infrage. Oberhalb von 650 Grad Celsius verliert er seine Formstabilität. Auch Karbon-Keramik-Systeme sind für normale Serienfahrzeuge kaum geeignet, weil sie deutlich teurer sind. Edelstahl gilt deshalb als praktikablere Lösung.
Der entscheidende Vorteil liegt beim Verschleiß. Das Projektkonsortium spricht von mehr als 85 Prozent weniger Abrieb im Vergleich zur bisherigen Standardlösung aus Grauguss-Bremsscheibe und organischem Bremsbelag. Die neue Kombination aus Edelstahl-Bremsscheibe und anorganischem Reibmaterial erzeugt dadurch deutlich weniger Bremsstaub.
Bis zu 300.000 Kilometer statt häufiger Werkstattbesuche
Die Forscher nennen eine prognostizierte Lebensdauer von bis zu 300.000 Kilometern. Das entspricht einem gesamten Fahrzeugleben. Zum Vergleich: Eine herkömmliche Grauguss-Bremsscheibe kann laut Fraunhofer bereits nach weniger als 40.000 Kilometern ersetzt werden müssen.
Gründe dafür sind lange Standzeiten, Streusalz, Korrosion, Kurzstreckenverkehr oder eine sportliche Fahrweise mit stärkerem Abrieb und Riefenbildung.
Auch das Fahrverhalten kann sich verbessern
Die Edelstahl-Bremsscheiben sind nicht nur langlebiger, sondern auch leichter. Vier Bremsscheiben sparen je nach Fahrzeug bis zu fünf Kilogramm Gewicht gegenüber Grauguss. Das hat einige technische Vorteile. Weniger Gewicht bedeutet:
- geringerer Energieverbrauch
- weniger ungefederte Masse
- bessere Arbeit von Federn und Dämpfern
- stabileres Fahrverhalten
Bei modernen Fahrzeugen spielt jedes Kilogramm eine Rolle. Außerdem werden die Bremsscheiben etwas größer gebaut als herkömmliche Grauguss-Scheiben. So bleibt genügend Fläche für die nötige Bremsleistung erhalten. Dafür darf die Scheibe selbst dünner ausfallen.
Erste Tests liefen bereits erfolgreich
Gemeinsam mit der TU Chemnitz testete das Fraunhofer IWU die neue Bremsscheibe auf einem Prüfstand. Dort wird simuliert, was beim Bremsen passiert.
Die Scheibe bestand einen wichtigen Standardtest für Bremsanlagen. Selbst unter hoher Belastung blieb die Bremsleistung stabil. Das Material hält Hitze, Reibung und Verschleiß gut aus – entscheidend für Sicherheit und geringeren Abrieb im Alltag.
Alte Bremsscheiben werden mit Euro 7 schnell zum Problem
Klassische Grauguss-Bremsscheiben könnten mit Euro 7 dagegen schnell zum Problem werden. Das Fraunhofer IWU schreibt dazu: „Hier muss eine konventionelle Radbremse meist passen“. Viele herkömmliche Systeme erreichen die neuen Grenzwerte demnach nicht mehr, selbst mit hochwertigen Bremsbelägen.
Auch Rost kann sicherheitsrelevant werden. Eine stark verrostete Bremsscheibe würde laut Fraunhofer IWU „eine Hauptuntersuchung (TÜV) nicht mehr bestehen“. Weiter heißt es: „Ein sicherer Weiterbetrieb des Fahrzeugs ist bei einem solchen Tragbild der Bremsscheibe nicht mehr möglich.“
Kurz zusammengefasst:
- Mit Euro 7 wird Bremsstaub erstmals streng begrenzt: Neue Modelle müssen die Vorgaben ab Ende November 2026 einhalten, ab Ende 2027 gilt das für alle Neuzulassungen.
- Bremsstaub entsteht, wenn Beläge auf Bremsscheiben reiben: Die Partikel können tief in die Atemwege gelangen und gelten deshalb als gesundheitlich problematisch.
- Eine neue Edelstahl-Bremsscheibe des Fraunhofer IWU soll helfen: Sie verursacht deutlich weniger Abrieb, hält laut Fraunhofer bis zu 300.000 Kilometer und könnte klassische Grauguss-Bremsen ersetzen.
Übrigens: Während Bremsen Feinstaub freisetzen, heizen Autos Städte auch direkt auf – durch Motoren, Bremsen und ihre Technik. Neue Berechnungen zeigen, dass Verkehr warme Nächte zusätzlich belastet und Innenräume spürbar heißer macht. Mehr dazu in unserem Artikel.
Bild: © TU Chemnitz
