Antidepressiva könnten Tinnitus verstärken – Forscher finden mögliche Ursache im Gehirn

Serotonin beeinflusst das Hörsystem: Antidepressiva könnten bei manchen Betroffenen Tinnitus verstärken, zeigt eine neue Studie.

Serotonin beeinflusst im Gehirn sowohl die Stimmung als auch die Hörverarbeitung und kann dadurch Tinnitus verstärken. © Freepik

Serotonin beeinflusst im Gehirn sowohl die Stimmung als auch die Hörverarbeitung und kann dadurch Tinnitus verstärken. © Freepik

Der Botenstoff Serotonin, der bei Depressionen und Angst hilft, kann offenbar auch Tinnitus verstärken. Schätzungen zufolge sind bis zu 14 Prozent der Menschen von solchen Ohrgeräuschen betroffen, die den Alltag deutlich belasten können. Brisant ist der Befund auch deshalb, weil Antidepressiva den Serotoninspiegel erhöhen.

Neue Erkenntnisse deuten nun darauf hin, dass sich Tinnitus bei manchen Betroffenen unter solchen Medikamenten verschlimmern kann. Serotonin beeinflusst nicht nur die Stimmung, es greift auch direkt in die Hörverarbeitung im Gehirn ein und kann dort Signale verstärken.

Ein Nervenweg im Gehirn verstärkt Geräusche gezielt

Die Untersuchung beschreibt einen klar abgegrenzten Nervenweg im Gehirn. Dieser verbindet den sogenannten Raphekern, der Serotonin produziert, mit einem wichtigen Zentrum für Hörverarbeitung im Hirnstamm. Dort entstehen die ersten komplexen Signale, die später als Geräusch wahrgenommen werden.

Wird dieser Nervenweg aktiv, verändert sich die Aktivität der Nervenzellen. Sie senden häufiger elektrische Impulse. Diese Muster ähneln denen, die bei Tinnitus auftreten. Das bedeutet: Das Gehirn registriert Geräusche, obwohl keine äußere Schallquelle vorhanden ist.

Die Studie entstand unter anderem an der Oregon Health & Science University sowie der Anhui University in China. Untersucht wurde der Mechanismus im Mausmodell. Dabei zeigte sich, dass erhöhte Serotoninwerte auch mit stärkeren tinnitusähnlichen Reaktionen einhergehen.

Im Hörzentrum steigt die Aktivität spürbar an

Im Experiment aktivierten die Forscher gezielt Nervenzellen, die Serotonin freisetzen. Das führte zu einer deutlich stärkeren Aktivität im Hörzentrum. Die Tiere verhielten sich so, als würden sie Geräusche wahrnehmen. „Wenn man diese serotonergen Neuronen stimuliert, sehen wir eine verstärkte Aktivität im Hörbereich des Gehirns“, erklärt der HNO-Forscher Laurence Trussell von der Oregon Health & Science University.

„Die Tiere verhielten sich so, als würden sie Tinnitus hören. Mit anderen Worten: Es entstehen Symptome, die wir auch beim Menschen erwarten würden“, so Trussell. Damit wird erstmals greifbar, wie ein chemischer Botenstoff konkrete Wahrnehmungen verändern kann.

Neurowissenschaftler Laurence Trussell von der Oregon Health & Science University
Der Neurowissenschaftler Laurence Trussell von der Oregon Health & Science University war an der Studie beteiligt, die zeigt, wie Serotonin im Gehirn Tinnitus beeinflussen kann. © OHSU/Christine Torres Hicks

Serotonin verbindet Tinnitus und Antidepressiva im Gehirn

Viele Antidepressiva gehören zur Gruppe der sogenannten SSRIs. Diese Medikamente erhöhen den Serotoninspiegel im Gehirn. Das hilft, depressive Symptome und Angst zu lindern. Wie die Studie zeigt, kann dieser Mechanismus im Hörsystem unerwünschte Effekte haben. Der Neurowissenschaftler Zheng-Quan Tang von der Anhui University erklärt:

Wir haben schon lange vermutet, dass Serotonin an Tinnitus beteiligt ist, aber wir wussten nicht genau, wie.

Jetzt gibt es eine klare Spur: „Wir haben einen spezifischen Schaltkreis gefunden, der direkt ins Hörsystem führt und tinnitusähnliche Effekte auslösen kann. Wenn wir diesen Schaltkreis ausschalten, lassen sich die Symptome deutlich verringern.“ Die Ergebnisse passen zu Berichten von Patienten, die unter serotoninerhöhenden Medikamenten stärkere Ohrgeräusche wahrnehmen.

Neue Ansätze für gezieltere Therapien

Für die Behandlung entsteht ein Zielkonflikt. Medikamente sollen die psychische Belastung senken. Gleichzeitig dürfen sie andere Beschwerden nicht verstärken. „Menschen mit Tinnitus sollten gemeinsam mit ihrem Arzt eine Therapie finden, die depressive Symptome lindert und gleichzeitig die Ohrgeräusche möglichst gering hält“, sagt Trussell. „Diese Studie zeigt, wie wichtig es ist, Berichte von Patienten über eine Verschlechterung durch Medikamente ernst zu nehmen.“

Für neue Behandlungsmöglichkeiten heißt das: Entscheidend ist nicht nur die Menge an Serotonin im Gehirn, wichtig ist vor allem, in welchen Regionen der Stoff wirkt. Trussell sieht darin eine Perspektive: „Es könnte möglich sein, Wirkstoffe so zu entwickeln, dass sie Serotonin in bestimmten Hirnregionen erhöhen, in anderen aber nicht.“ So ließen sich die positiven Effekte auf die Stimmung erhalten, ohne das Hörsystem zusätzlich zu belasten.

Kurz zusammengefasst:

  • Bei Tinnitus berichten einige Betroffene unter Antidepressiva von stärkeren Ohrgeräuschen, weil Serotonin auch die Hörverarbeitung im Gehirn beeinflusst.
  • Ein klar abgegrenzter Nervenweg kann die Aktivität im Hörzentrum erhöhen, sodass das Gehirn Geräusche wahrnimmt, obwohl keine vorhanden sind.
  • Entscheidend ist eine individuell abgestimmte Therapie, die psychische Beschwerden lindert, ohne die Ohrgeräusche unnötig zu verstärken.

Übrigens: Neue Forschung zeigt, dass gezielte Musik mit speziellen Klangmustern die Gehirnaktivität messbar verändert und Angst bereits nach rund 24 Minuten spürbar senken kann. Gerade im Zusammenspiel mit Medikamenten eröffnet das neue Ansätze im Umgang mit innerer Unruhe – mehr dazu in unserem Artikel.

Bild: © Freepik

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