Neue Medikamente gegen Alzheimer wirken zwar im Gehirn, bringen im Alltag aber kaum Vorteile

Neue Medikamente gegen Alzheimer sollen den Abbau bremsen, laut einer aktuellen Untersuchung fällt ihr Nutzen jedoch gering aus.

Neue Medikamente gegen Alzheimer sollen den Abbau bremsen, laut Cochrane-Review fällt ihr Nutzen aber gering aus.

Ablagerungen im Gehirn bauen die neuen Alzheimer-Medikamente zwar ab, ein spürbarer Gewinn für den Alltag von Betroffenen bleibt laut Studie jedoch weitgehend aus. © Freepik

Neue Alzheimer-Medikamente können Amyloid-Ablagerungen im Gehirn messbar verringern. Das klingt zunächst nach einem Fortschritt. Bei Alzheimer zählt am Ende aber etwas anderes: ob Menschen im Alltag länger klar denken, sich besser orientieren und selbstständiger bleiben. An dieser Stelle fällt die Bilanz deutlich schwächer aus als erhofft.

Eine große Cochrane-Review bündelt Daten aus 17 klinischen Studien mit 20.342 Menschen mit leichter kognitiver Störung oder milder Alzheimer-Demenz. Untersucht wurden Medikamente, die Amyloid im Gehirn abbauen sollen. Diese Eiweißablagerungen gingen zwar zurück, für Patienten bleibt der Nutzen laut Auswertung aber so klein, dass er klinisch kaum ins Gewicht fällt.

Warum Patienten davon kaum etwas merken

Die eigentliche Enttäuschung liegt im Abstand zwischen Messwert und Lebenswirklichkeit. Auf Hirnscans sinkt die Amyloidlast. Im Alltag vieler Betroffener ändert sich aber kaum etwas. Gedächtnis, Orientierung und Selbstständigkeit verbessern sich nur minimal. Francesco Nonino, Neurologe und Epidemiologe am IRCCS-Institut für Neurowissenschaften in Bologna, formuliert es deutlich:

Leider spricht die Evidenz dafür, dass diese Medikamente für Patienten keinen bedeutsamen Unterschied machen.

Das zeigt sich besonders bei den wichtigsten Messwerten. Nach 18 Monaten lag der Vorteil auf der ADAS-Cog-Skala nur bei umgerechnet 0,85 Punkten. Auch bei der Schwere der Demenz blieb der Effekt klein. Auf der CDR-SB-Skala entsprach der Unterschied nur 0,29 Punkten. Solche Werte liegen laut den Autoren klar unter der Schwelle, ab der Fachleute von einem klinisch wichtigen Unterschied sprechen.

Medikamente gegen Alzheimer zeigen nur einen kleinen Effekt

Bei manchen Messungen der Alltagsfunktion schnitten Behandelte leicht besser ab. Dabei ging es etwa um komplexere Aufgaben wie Einkaufen, Geld verwalten oder Medikamente einnehmen. Doch auch diese Unterschiede blieben klein. Die Analyse wertet sie nicht als durchgreifende Hilfe.

Nonino benennt auch den Denkfehler, der in solchen Debatten oft entsteht. „Frühe Studien zeigten statistisch signifikante Ergebnisse. Wichtig ist aber die Unterscheidung zwischen Statistik und klinischer Relevanz.“ Ein Wert kann sich in Tabellen verbessern. Für einen Menschen mit Alzheimer muss daraus noch lange kein spürbarer Vorteil im Alltag entstehen.

Damit gerät auch eine lang gepflegte Hoffnung unter Druck. Die Idee lautete: Weniger Amyloid müsste den Verlauf der Krankheit verlangsamen. Die Daten zeichnen nun ein anderes Bild. Die Medikamente entfernen Amyloid. Eine klinisch bedeutsame Besserung folgt daraus aber offenbar nicht.

Hirnschwellungen und Blutungen nehmen zu

Noch schwerer wiegen hingegen die Risiken. Besonders auffällig waren sogenannte ARIA-E. Gemeint sind Hirnschwellungen, die meist im MRT sichtbar werden. Nach 18 Monaten entwickelten 119 von 1000 Menschen unter Behandlung mit Anti-Amyloid-Antikörpern solche Hirnveränderungen. In der Placebo-Gruppe waren es 12 von 1000. Das entspricht 107 zusätzlichen Fällen pro 1000 Behandelte.

Auch symptomatische Fälle nahmen zu. Hier lag der Anstieg bei 29 zusätzlichen Fällen pro 1000 Behandelte. Zudem fand die Auswertung Hinweise auf mehr Blutungen im Gehirn. Viele dieser Veränderungen fielen zunächst nur in Hirnscans auf. Bei den meisten Betroffenen traten nicht sofort erkennbare Beschwerden auf. Welche Langzeitfolgen solche Veränderungen haben, bleibt aber unklar. Die Studien berichteten Symptome nicht einheitlich genug.

Die Therapie verlangt viel Aufwand

Hinzu kommt der organisatorische Aufwand. Vor Beginn braucht es meist einen Amyloid-Nachweis per PET oder über Nervenwasser. Danach folgen Infusionen in festen Abständen. Zusätzlich sind wiederholte MRT-Kontrollen nötig, damit Ärzte Hirnschwellungen oder Blutungen früh erkennen. Das bindet Zeit, Personal und Geld.

Die Cochrane-Analyse verweist deshalb auch auf Folgen für Gesundheitssysteme. Solche Therapien lassen sich realistisch nur dort breit anbieten, wo viel Technik und genügend Fachpersonal vorhanden sind. Das kann den Zugang erschweren. Menschen fern von spezialisierten Zentren haben schlechtere Chancen. Für ein ohnehin belastetes System wächst damit der Druck weiter.

Erschwerend kommt hinzu, dass alle 17 eingeschlossenen Studien von der Pharmaindustrie finanziert wurden. Außerdem sehen die Autoren ein mögliches methodisches Problem. Wer erkennbare Nebenwirkungen entwickelt, ahnt womöglich eher, dass er das echte Medikament erhält und kein Placebo. Solche Effekte können Bewertungen von Nutzen beeinflussen.

Die Suche nach wirksamen Therapien geht weiter

Ganz abgeschlossen ist die Debatte damit nicht. Viele Studien liefen nur 18 Monate. Für eine Krankheit, die sich über Jahre entwickelt, ist das kurz. Dazu kommt, dass die Berichte über Beschwerden bei Hirnveränderungen oft lückenhaft blieben. Einige Fragen sind also offen.

Trotzdem fällt die Hauptbotschaft der Analyse klar aus: Die erfolgreiche Entfernung von Amyloid im Gehirn geht offenbar nicht mit einem klinisch bedeutsamen Nutzen einher. Die Autoren ziehen daraus eine klare Konsequenz. Künftige Forschung sollte sich stärker auf andere Mechanismen konzentrieren.

Edo Richard, Professor für Neurologie am Radboud University Medical Center erzählt: „Ich sehe jede Woche Alzheimer-Patienten in meiner Klinik und wünschte, ich hätte eine wirksame Behandlung anzubieten.“ Dann folgt sein ernüchternder Befund: „Traurigerweise bieten Anti-Amyloid-Medikamente das nicht und bringen zusätzliche Risiken mit sich.“ Und weiter:

Angesichts des fehlenden Zusammenhangs zwischen Amyloid-Entfernung und klinischem Nutzen müssen wir andere Wege erkunden.

Kurz zusammengefasst:

  • Neue Medikamente gegen Alzheimer können Amyloid im Gehirn abbauen, doch laut Cochrane-Review bleibt der Nutzen für Gedächtnis, Alltag und Demenzschwere meist zu klein, um für Patienten wirklich spürbar zu sein.
  • Gleichzeitig steigen die Risiken: Vor allem Hirnschwellungen traten deutlich häufiger auf, dazu kommen teils Blutungen im Gehirn sowie ein hoher Aufwand durch Infusionen, PET-, Liquor- und MRT-Kontrollen.
  • Für Betroffene, Familien und Ärzte ist daher vor allem eines wichtig: Ein messbarer Effekt im Scan bedeutet noch keinen echten Fortschritt im Leben, weshalb die Forschung nun stärker nach anderen Behandlungswegen suchen sollte.

Übrigens: Während neue Medikamente gegen Alzheimer im Alltag oft nur wenig verändern, können einfache Gewohnheiten über Jahre spürbar auf das Demenzrisiko wirken. Welche Rolle Bewegung, Schlaf und langes Sitzen dabei spielen, zeigen neue Langzeitdaten. Mehr dazu in unserem Artikel.

Bild: © Freepik

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