Waldgeräusche lindern Stress in nur 60 Sekunden – diese Klänge wirken am stärksten

Waldgeräusche können Stimmung, Stress und Konzentration spürbar verändern. Besonders vertraute Klänge zeigen starke Effekte.

In den heimischen Waldaufnahmen war auch der Kuckuck zu hören – bekannte Vogelrufe wie dieser wurden als besonders angenehm wahrgenommen. © Gabriele Rada

In den heimischen Waldaufnahmen war auch der Kuckuck zu hören – bekannte Vogelrufe wie dieser wurden als besonders angenehm wahrgenommen. © Gabriele Rada

Schon eine Minute im Wald kann reichen, um sich ruhiger zu fühlen und wieder klarer zu denken. Das geht aus einer aktuellen Studie über Waldgeräusche hervor, die im Journal of Environmental Psychology veröffentlicht wurde. 195 Studierende in Deutschland hörten kurze Aufnahmen aus verschiedenen Wäldern. Direkt danach gaben sie an, wie es ihnen ging – mit deutlichen Veränderungen bei Stress, Stimmung und Konzentration.

Interessanterweise wirkten bestimmte Klänge viel besser als andere: Nicht die besonders artenreichen Geräusche aus tropischen Wäldern hatten den größten Effekt, sondern vertraute Klangbilder aus heimischen Wäldern. Dabei spielte weniger eine Rolle, wie viele Tierarten tatsächlich zu hören waren. Wichtiger war, ob die Geräusche bekannt wirkten und als natürliche Tierlaute erkannt wurden.

„Geräusche spielen eine große Rolle, wie wir Natur und Biodiversität erleben – zum Beispiel Vogelgesang, wenn man im Wald spazieren geht“, erklärt Co-Erstautor Kevin Rozario vom Deutschen Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv).

Heimische Waldgeräusche wirken deutlich stärker

Alle Teilnehmenden hörten zwei Aufnahmen, die jeweils 60 Sekunden lang waren. Eine Aufnahme stammte aus einem heimischen Wald, die andere aus einem tropischen Gebiet. Direkt danach bewerteten sie ihr aktuelles Befinden – und berichteten von folgenden Veränderungen:

  • mehr positive Gefühle
  • weniger negative Emotionen
  • bessere Konzentration
  • geringerer Stress

Besonders deutlich fiel der Unterschied zwischen den beiden Klangtypen aus. Heimische Aufnahmen wurden als angenehmer und vertrauter wahrgenommen als Aufnahmen aus tropischen Wäldern. Zusätzlich verstärkten sie das Gefühl der „staunenden Ehrfurcht“.

So lief das Experiment im Detail

Die Untersuchung fand zwischen Mai und Juli 2023 statt. Das Durchschnittsalter lag bei etwa 22 Jahren. Mehr als 90 Prozent der Teilnehmenden hatten einen deutschen Hintergrund. Die Tests liefen meist am Ende von Vorlesungen – also in einer Phase, in der die Aufmerksamkeit bereits nachließ.

Die Studierenden nutzten eigene Smartphones und Kopfhörer. Nach jeder Aufnahme beantworteten sie Fragen zu mehreren Punkten:

  • aktuelle Stimmung
  • empfundener Stress
  • Konzentration
  • Vertrautheit der Klänge
  • erlebte Erholung

Die Veränderungen zeigten sich unmittelbar nach dem Hören. Schon nach einer Minute verschoben sich mehrere dieser Werte spürbar.

Artenvielfalt allein reicht bei Waldgeräuschen nicht aus

Die vier verwendeten Aufnahmen unterschieden sich deutlich: Zwei kamen aus Europa, zwei aus Panama. In den tropischen Aufnahmen waren deutlich mehr Tierarten zu hören, teilweise bis zu 16. Die heimischen Waldgeräusche lagen zwischen fünf und acht Arten.

Trotz dieser größeren Vielfalt zeigte sich kein klarer Vorteil für Stress oder Konzentration. Mehr Arten verstärkten vor allem das Gefühl von Staunen und Ehrfurcht. Für Stress und Aufmerksamkeit spielte die reine Anzahl dagegen eine untergeordnete Rolle. Wichtiger war, wie die Teilnehmenden die Geräusche einordneten und ob sie diese als vertraut wahrnahmen.

„Akustische Vielfalt ist nicht grundsätzlich gleich gut, weil ihre Wirkung von der Interpretation und von der Vertrautheit abhängt“, so die Autoren der Studie.

Wahrnehmung beeinflusst die Wirkung stärker

Nicht die tatsächliche Artenvielfalt, sondern die subjektive Wahrnehmung der Geräusche machte den Unterschied. Teilnehmende, die den Eindruck hatten, viele Tierarten zu hören, fühlten sich im Schnitt besser. Ihre Stimmung stabilisierte sich, negative Gefühle gingen zurück, und sie konnten sich besser konzentrieren.

„Eine höhere wahrgenommene Artenvielfalt war mit einer besseren Gefühlsbalance, weniger negativen Emotionen und größerer Aufmerksamkeit verbunden“, heißt es in der Untersuchung.

Anders sah es bei Geräuschkulissen aus, die zwar dicht wirkten, aber nicht eindeutig als Tierlaute erkennbar waren. In solchen Fällen fiel die positive Wirkung geringer aus. Eine hohe Klangdichte allein genügte also nicht.

Vertraute Waldgeräusche wirken laut einer neuen Studie besonders beruhigend. © Unsplash
Heimische Wälder liefern vertraute Geräusche, die laut Studie besonders beruhigend wirken und Stress spürbar reduzieren können. © Unsplash

Warum vertraute Klänge besser entspannen

Bekannte Waldgeräusche lassen sich schneller einordnen. Das Gehirn erkennt vertraute Muster ohne großen Aufwand. Vogelstimmen aus der eigenen Umgebung wirken dadurch angenehmer und weniger fremd. Tropische Geräusche wirken dagegen ungewohnt und bleiben schwerer greifbar.

Die Autoren der Studie schreiben dazu: „Lokale Waldklanglandschaften rufen stärkere Effekte auf das psychische Wohlbefinden hervor als nicht-lokale.“

Was die Ergebnisse im Alltag bedeuten

Solche Klänge lassen sich leicht in den Alltag einbauen. Waldgeräusche sind jederzeit verfügbar, etwa über das Smartphone oder Kopfhörer. Wichtig ist, welche Töne ausgewählt werden.

Gut geeignet sind:

  • Vogelstimmen aus heimischen Wäldern
  • klar erkennbare Naturgeräusche
  • ruhige, strukturierte Klangbilder

Weniger geeignet sind:

  • schwer einzuordnende Geräuschmischungen
  • sehr dichte, unklare Klangkulissen
  • Aufnahmen ohne erkennbare Tierlaute

Nicht die Menge der Geräusche macht den Unterschied, sondern wie verständlich und vertraut sie wirken. Solche Klänge zeigen in kurzer Zeit die stärkste Wirkung.

Kurz zusammengefasst:

  • Schon 60 Sekunden Waldgeräusche verbessern messbar Stimmung, Konzentration und Stressniveau, wie eine Studie mit 195 Teilnehmenden zeigt.
  • Heimische, vertraute Naturklänge wirken stärker als tropische, obwohl diese oft mehr Tierarten enthalten.
  • Entscheidend ist die Wahrnehmung: Wer viele Tierstimmen erkennt, profitiert stärker – reine Geräuschvielfalt allein reicht nicht aus.

Übrigens: Wenige Minuten Vogelzwitschern können auch Ängste und paranoide Gedanken spürbar reduzieren. Eine Studie mit 295 Teilnehmenden zeigt, dass Naturklänge vor allem emotional entlasten – unabhängig von der Artenvielfalt. Mehr dazu in unserem Artikel.

Bild: © Gabriele Rada

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