Studie warnt: Wir suchen womöglich falsch nach außerirdischem Leben

Außerirdisches Leben könnte unentdeckt bleiben, weil Raumsonden vor allem nach bekannten Biosignaturen suchen.

Forscher warnen: Außerirdisches Leben könnte unentdeckt bleiben, weil Raumsonden vor allem nach bekannten Biosignaturen suchen.

Eine künstlerische Darstellung zeigt Cryovulkanismus auf dem eisigen Saturnmond Enceladus. Dort könnten Spuren außerirdischen Lebens verborgen bleiben. © ESA/Science Office

Seit Jahrzehnten richten Raumsonden ihre Kameras, Sensoren und Messgeräte auf fremde Welten. Sie suchen nach Wasser, Gasen oder chemischen Spuren, die auf Leben hindeuten könnten. Trotzdem blieb die große Entdeckung bislang aus. Eine neue Studie wirft nun eine unbequeme Frage auf: Was, wenn Hinweise auf außerirdisches Leben längst existieren, unsere Technik sie aber nicht erkennt?

Darauf weist ein internationales Forschungsteam in der Fachzeitschrift Nature Astronomy hin. Die Wissenschaftler beschreiben ein Problem, das in der Astrobiologie bisher wenig Aufmerksamkeit bekam. Viele Missionen suchen vor allem nach bekannten Biosignaturen, also nach Spuren, die man von der Erde kennt. Fremde Lebensformen könnten jedoch völlig andere Signale hinterlassen. Raumsonden messen zwar Daten, erkennen deren Bedeutung aber womöglich nicht.

Außerirdisches Leben könnte leicht übersehen werden

An der Studie beteiligten sich auch Forscher der Freien Universität Berlin. Sie untersuchten sogenannte „False Negatives“. Gemeint sind Fälle, in denen Leben vorhanden ist oder war, aber unentdeckt bleibt oder falsch interpretiert wird.

Die Autoren warnen davor, Suchstrategien zu stark auf bekannte Muster auszurichten. Der Planetenforscher Dr. Nozair Khawaja sagt: „Die Suche nach außerirdischem Leben ist eine der großen wissenschaftlichen Fragen unserer Zeit. Wir müssen jedoch vermeiden, unsere Instrumente und Methoden zu sehr auf das auszurichten, was wir bereits kennen.“ Er ergänzt:

Gerade ungewöhnliche oder schwer erkennbare Formen biologischer Aktivität könnten uns sonst entgehen.


Das Problem wirkt theoretisch, hat aber eine einfache Logik: Wer nur rote Äpfel erwartet, übersieht die grünen. Ähnlich sucht die Weltraumforschung oft nach vertrauten chemischen Spuren und bekannten biologischen Mustern. Außerirdisches Leben könnte sich diesen Erwartungen entziehen.

Die Studie nennt mehrere Gründe, warum Lebensspuren verborgen bleiben können:

  • Chemische Prozesse könnten biologische Hinweise verschleiern.
  • Geologische Veränderungen könnten alte Spuren zerstören.
  • Lebenszeichen könnten unter der Messgrenze heutiger Geräte liegen.
  • Organismen könnten tief unter Oberflächen verborgen leben.
  • Ungeeignete Messmethoden könnten vorhandene Signale übersehen.

Unter Eis könnten sich riesige Ozeane verbergen

Eisige Monde wie Enceladus gelten als vielversprechende Orte für die Suche nach außerirdischem Leben. Unter der Eiskruste des Saturnmonds liegt vermutlich ein Ozean aus flüssigem Wasser. Doch mögliche Spuren könnten tief im Eis verborgen bleiben. Die Berliner Forscher haben untersucht, wie leicht heutige Missionen solche Hinweise übersehen könnten.

Prof. Frank Postberg beschreibt das Problem mit einem einfachen Beispiel: „Existiert Leben unter der Oberfläche eines Planeten, lässt es sich durch reine Oberflächenbeobachtungen möglicherweise nicht erkennen.“

Diese Überlegung hat Folgen für künftige Missionen der Europäischen Weltraumorganisation ESA. Die Forschungsarbeiten gelten als relevant für geplante Konzepte zum Saturnmond Enceladus. Dort könnten unter dem Eis Bedingungen herrschen, die einfaches Leben ermöglichen.

Biosignaturen liefern keine eindeutigen Beweise. Die Autoren nennen sie „unvollkommene Stellvertreter“ für Leben. Eine chemische Spur kann von Organismen stammen, aber auch durch geologische Prozesse entstehen.

Forscher richten den Blick auf ein unterschätztes Risiko

In der Astrobiologie konzentrierte sich die Diskussion lange auf sogenannte „False Positives“, also Situationen, in denen harmlose chemische Reaktionen fälschlich als Hinweis auf Leben gelten.

Die neue Studie dreht die Perspektive um. Die Autoren fragen stattdessen:

„Was, wenn wir Leben nicht entdecken, das tatsächlich existiert oder existiert hat?“

Die Forscher halten solche falsch-negativen Ergebnisse sogar für unvermeidbar und schlagen deshalb neue Ansätze vor. Verschiedene Methoden sollen stärker kombiniert werden:

  • Laborversuche
  • Computermodelle
  • Feldforschung
  • KI-gestützte Mustererkennung

Vor allem künstliche Intelligenz könnte ungewöhnliche Muster erkennen, die Menschen leicht übersehen. Dabei geht es nicht darum, dass KI automatisch außerirdisches Leben entdeckt. Sie könnte jedoch helfen, große Datenmengen präziser auszuwerten.

Rohstoffe im All könnten neue Konflikte auslösen

Die Frage betrifft längst auch Politik und Wirtschaft. Raumfahrtagenturen und Unternehmen planen Missionen zu Monden, Asteroiden und anderen Himmelskörpern. Dabei geht es nicht nur um Forschung, sondern zunehmend auch um Rohstoffe und mögliche Außenposten.

Prof. Lena Noack warnt vor den Folgen: „Fehlende Nachweise könnten auch politische und wirtschaftliche Folgen haben – etwa dann, wenn planetare Rohstoffe genutzt werden, bevor mögliche Lebensformen ausreichend untersucht wurden.“

Die Arbeit entstand unter Leitung von Inge Loes ten Kate, Professorin für Astrobiologie an der Universität Utrecht und der Universität Amsterdam. Auch die Freie Universität Berlin baut ihre Forschung aus. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft fördert dort den Sonderforschungsbereich 1759. In den kommenden vier Jahren untersuchen Wissenschaftler, unter welchen Bedingungen Leben im Universum entstehen, überleben und nachweisbar werden kann.

Dazu gehören auch ethische Fragen künftiger Außenposten auf fremden Himmelskörpern. Je weiter Menschen ins All vordringen, desto dringlicher wird der Schutz möglicher Lebensräume.

Kurz zusammengefasst:

  • Forscher warnen, dass außerirdisches Leben möglicherweise bereits Spuren hinterlassen hat, heutige Raumsonden diese Hinweise aber übersehen könnten, weil sie vor allem nach bekannten Biosignaturen suchen.
  • Die Studie beschreibt sogenannte „False Negatives“: Dabei existiert Leben oder existierte früher, doch Messgeräte erkennen die Spuren nicht, etwa weil sie unter Eis verborgen oder chemisch schwer nachweisbar sind.
  • Künftige Weltraummissionen sollen deshalb breiter suchen und stärker auf KI, neue Messmethoden und Untersuchungen unter Oberflächen setzen, besonders bei eisigen Monden wie Enceladus.

Übrigens: Während Forscher vor blinden Flecken bei der Suche nach außerirdischem Leben warnen, entdeckte ein Team nun mögliche chemische Bausteine des Lebens in einer jungen planetenbildenden Scheibe. Die Moleküle könnten bereits im All entstehen, lange bevor sich überhaupt Planeten bilden. Mehr dazu in unserem Artikel.

Bild: © ESA/Science Office

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