Rauchen trifft nicht nur die Lunge – jede Zigarette verstärkt depressive Symptome

Rauchen geht mit häufiger und stärker ausgeprägter Depression einher. Ein Rauchstopp verbessert die Werte.

Rauchen wirkt nicht nur körperlich: Große deutsche Daten belegen einen Zusammenhang mit Depressionen und zeigen Vorteile eines Rauchstopps.

Weltweit führt Tabakkonsum zu über acht Millionen vermeidbaren Todesfällen pro Jahr und gilt als häufigste Ursache vorzeitiger Sterblichkeit. © Unsplash

Viele Menschen kennen diese Situationen: Der Tag war lang, der Kopf ist voll, die Zigarette soll kurz helfen, Druck abzubauen – besonders dann, wenn Stress, Erschöpfung oder anhaltende Niedergeschlagenheit dazukommen. Dass der Tabakkonsum der Lunge schadet, ist bekannt. Was oft unbeachtet bleibt, ist die Frage, wie sich dieses Verhalten auf die seelische Gesundheit auswirkt, vor allem in Phasen, in denen sich eine Depression langsam entwickelt oder verfestigt.

Die Auswertung großer deutscher Bevölkerungsdaten zeigt nun, dass Rauchgewohnheiten über viele Jahre hinweg mit der psychischen Gesundheit zusammenhängen können. Dabei geht es nicht um einzelne Ausnahmen, sondern um wiederkehrende Muster: wie häufig geraucht wird, wann damit begonnen wurde und ob sich der Konsum im Laufe der Zeit verändert.

Deutliche Muster zwischen Rauchen und Depression

Die Grundlage bilden Daten aus der NAKO Gesundheitsstudie, koordiniert von NAKO e.V. und ausgewertet unter Leitung des Zentralinstituts für Seelische Gesundheit (ZI) in Mannheim. Analysiert wurden Angaben von 173.890 Erwachsenen im Alter zwischen 19 und 72 Jahren. Rund die Hälfte der Teilnehmenden waren Frauen. Erfasst wurden ärztlich diagnostizierte Depressionen, aktuelle depressive Symptome sowie detaillierte Informationen zum Rauchverhalten.

Menschen, die aktuell rauchen oder früher geraucht haben, berichten insgesamt häufiger von Depressionen als Personen ohne Raucherfahrung. Das gilt sowohl für depressive Erkrankungen im Verlauf des Lebens als auch für aktuelle Symptome. Der Unterschied zeigt sich nicht punktuell, sondern über viele Jahre hinweg.

Besonders deutlich fallen diese Unterschiede im mittleren Lebensalter auf. Zwischen 40 und 59 Jahren treten depressive Beschwerden bei Rauchenden deutlich häufiger auf als bei Gleichaltrigen ohne Rauchbiografie. Carolin Marie Callies von der Universität Mannheim erklärt, dass dabei nicht nur soziale Belastungen eine Rolle spielen könnten. Auch zeitliche Faktoren scheinen den Zusammenhang zu beeinflussen.

Menge und Zeitpunkt verstärken die Belastung

Auffällig ist vor allem, wie klar sich die Effekte nach der konsumierten Menge staffeln. Mit jeder zusätzlich gerauchten Zigarette nahmen depressive Symptome messbar zu. Pro Zigarette stieg der Symptomwert im Durchschnitt um 0,05 Punkte. Für sich genommen wirkt dieser Wert klein. Über Monate und Jahre hinweg summiert er sich jedoch zu einer spürbaren Belastung.

Auch der Zeitpunkt des Rauchbeginns ist relevant. Wer später mit dem Rauchen anfing, erlebte den ersten depressiven Krankheitsschub im Schnitt ebenfalls später. Pro Jahr späterem Einstieg verschob sich der Erkrankungsbeginn um etwa 0,24 Jahre. Anders gesagt: Je früher das Rauchen beginnt, desto früher treten depressive Beschwerden auf.

Maja Völker vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit ordnet diese Ergebnisse ein: „Wir haben insbesondere die Dosis-Wirkungs-Beziehungen und zeitlichen Faktoren wie das Alter bei Beginn und die Zeit seit der Rauchentwöhnung untersucht.“

Warum sich Aufhören auch psychisch lohnt

Neben Menge und Beginn zeigt sich ein weiterer Zusammenhang besonders klar: der Rauchstopp. Je länger der letzte Zigarettenkonsum zurücklag, desto weiter lag in der Regel auch die letzte depressive Episode zurück. Pro Jahr Rauchabstinenz verlängerte sich dieser Abstand um etwa 0,17 Jahre. Gleichzeitig nahmen aktuelle depressive Symptome ab.

Dr. Fabian Streit vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit fasst das so zusammen: „Ein höherer Zigarettenkonsum ging mit schwereren depressiven Symptomen einher, während ein längerer Zeitraum seit dem Rauchstopp mit besseren Depressionswerten verbunden war.“

Für den Alltag lassen sich daraus zwei einfache Punkte ableiten:

  • Menge zählt: Weniger Zigaretten gehen mit geringerer seelischer Belastung einher.
  • Zeit wirkt: Je länger der Rauchstopp zurückliegt, desto stabiler zeigen sich die Depressionswerte.

Große Daten mit Grenzen

Kaum eine andere Untersuchung in Deutschland erlaubt einen so breiten Blick auf Rauchen und psychische Gesundheit. Gleichzeitig gibt es Einschränkungen. Die Daten stammen aus Befragungen und bilden einen Zeitpunkt ab. Ursache und Wirkung lassen sich daraus nicht ableiten. Andere Tabakprodukte wie Zigarren oder Pfeifen wurden nicht berücksichtigt.

Trotzdem ergibt sich ein klares Gesamtbild. Rauchen wirkt nicht nur auf den Körper, sondern auch auf die seelische Gesundheit. Je mehr Zigaretten jemand raucht, desto stärker fällt auch die psychische Belastung aus.

Kurz zusammengefasst:

  • Rauchen und Depression treten häufiger gemeinsam auf: Große deutsche Bevölkerungsdaten zeigen mehr depressive Symptome bei Rauchenden als bei Nie-Rauchenden.
  • Die Belastung steigt mit der Menge und dem Zeitpunkt: Jede zusätzliche Zigarette erhöht depressive Symptome messbar, ein späterer Rauchbeginn verschiebt den Erkrankungsbeginn nach hinten.
  • Ein Rauchstopp entlastet die Psyche: Je länger die Abstinenz, desto geringer fallen depressive Symptome aus und desto weiter liegt die letzte depressive Episode zurück.

Übrigens: Nicht nur Rauchen, auch frühe Smartphone-Nutzung steht offenbar mit seelischer Belastung in Verbindung – US-Daten zeigen mehr Depressionen, Schlafmangel und Übergewicht schon bei Zwölfjährigen mit eigenem Handy. Mehr dazu in unserem Artikel.

Bild: © Unsplash

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