„Niedrigwasser lässt sich nicht wegbaggern“ – Forscher warnt vor falscher Lösung für Flüsse
Niedrigwasser belastet Deutschlands Flüsse zunehmend. Tiefere Fahrrinnen lösen das Problem nicht und können die Folgen sogar verschärfen.
Durch Ausbau und Begradigungen haben Deutschlands Flüsse im Schnitt rund 20 Prozent ihrer Fließwege verloren. Bei Niedrigwasser kann das den schnellen Wasserabfluss zusätzlich verschärfen. © Unsplash
Wenn ein Fluss im Sommer immer weniger Wasser führt, wirkt die naheliegende Lösung zunächst simpel: tiefer graben, damit Schiffe weiterfahren können. Doch genau das kann die Lage verschärfen. Viele deutsche Flüsse wurden über Jahrzehnte begradigt, eingeengt und ausgebaut. Wasser fließt dadurch schneller ab, Auen trocknen aus und natürliche Speicher fehlen ausgerechnet dann, wenn längere Trockenphasen einsetzen. Wissenschaftler des Leibniz-Instituts für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) warnen davor, Flüsse bei Niedrigwasser einfach durch tiefere Fahrrinnen an die Schifffahrt anzupassen.
Einzelne Engstellen könnten zwar entschärft werden. Eine systematische Vertiefung löse den Wassermangel aber nicht. „Wir müssen uns stärker an das vorhandene Wasserdargebot anpassen, statt die Flüsse immer weiter an unsere Nutzungsansprüche anzupassen“, sagt IGB-Forscher Christian Wolter.
Deutschlands Flüsse leiten Wasser heute viel zu schnell ab
Das Problem beginnt weit oberhalb der Fahrrinnen. Seit dem 19. Jahrhundert wurden viele deutsche Flüsse begradigt, verkürzt und befestigt. Dadurch verloren sie im Durchschnitt rund 20 Prozent ihrer Fließwege. Das Wasser gelangt schneller flussabwärts. Zugleich verhindern befestigte Ufer, dass sich ein Fluss seitlich ausbreiten und sein Bett natürlich verändern kann.
Manche Flusssohlen haben sich dadurch um mehrere Meter eingetieft. Bei Niedrigwasser kann das auch benachbarte Landschaften stärker entwässern. Hinzu kommt der Verlust natürlicher Speicher. Auen, Feuchtgebiete und Moore können Wasser aufnehmen und über längere Zeit zurückhalten. Viele dieser Flächen sind heute verschwunden oder vom Fluss abgetrennt.
Im Winter fällt Wasser, das im Sommer fehlt
Auch die Verteilung des Regens verändert die Lage. Künftig fällt ein größerer Anteil der Niederschläge im Winter, während die Sommer trockener werden. Deshalb reicht es nicht, allein auf die jährliche Regenmenge zu schauen. Wasser aus niederschlagsreichen Monaten müsste möglichst lange in der Landschaft bleiben.
Dafür müssen Flüsse vielerorts wieder mehr Platz bekommen. Begradigte Oberläufe können erneut stärker mäandrieren, Auen und Feuchtgebiete revitalisiert werden. Auch Entwässerungsgräben und andere Strukturen müssen überprüft werden. „Wir sollten Wasser nicht möglichst schnell aus der Landschaft ableiten, sondern es dort halten, wo es später gebraucht wird“, sagt Wolter.
Auen speichern Wasser und bremsen Hochwasser
Mehr Wasserrückhalt hilft zugleich bei starken Regenfällen. Naturnahe Flussauen können Wasser aufnehmen und dessen Abfluss verzögern. Damit erfüllen sie mehrere Funktionen gleichzeitig: Sie speichern Wasser, unterstützen die Grundwasserneubildung und schaffen Lebensräume für zahlreiche Arten.
Wie groß der Nachholbedarf ist, beschreibt ein Policy Brief des IGB. Nur acht Prozent der deutschen Fließgewässer erreichen demnach einen sehr guten oder guten ökologischen Zustand beziehungsweise das entsprechende Potenzial. Bei den Bundeswasserstraßen erfüllt keines der Gewässer diese Vorgaben. Zudem hatte bei 60 Prozent der Wasserkörper die Umsetzung geplanter hydromorphologischer Verbesserungen bis 2020 noch nicht begonnen.
Niedrigwasser und Hitze setzen Flüsse doppelt unter Druck
Für Fische und andere Wasserorganismen zählt nicht allein die Tiefe des Wassers. Steigen im Sommer gleichzeitig die Temperaturen, sinkt der Sauerstoffgehalt. Warmes Wasser kann weniger Sauerstoff aufnehmen. Viele Tiere benötigen bei höheren Temperaturen jedoch mehr davon.
Nach langen Trockenphasen kann selbst Starkregen die Situation verschlechtern. Ausgetrocknete oder versiegelte Böden nehmen große Wassermengen nur begrenzt auf. Organisches Material gelangt dann innerhalb kurzer Zeit in die Flüsse. Bei dessen Zersetzung wird Sauerstoff verbraucht. Zusätzliche Beschattung an den Ufern kann deshalb helfen, die Erwärmung des Wassers zu begrenzen.
Schiffe sollen flacher werden, nicht die Flüsse tiefer
Für die Binnenschifffahrt bedeutet das aus Sicht des IGB einen Kurswechsel. Statt Wasserstraßen immer stärker auf große Schiffe auszurichten, könnten beispielsweise Fahrzeuge mit geringerem Tiefgang eingesetzt werden. Auch geplante Ausbauprojekte sollten stärker danach bewertet werden, welchen wirtschaftlichen Nutzen sie tatsächlich bringen und welche ökologischen Schäden entstehen. Die Forderung ist klar:
Binnenschiffe müssen den Flüssen angepasst werden, nicht umgekehrt.
Wolter argumentiert ähnlich mit Blick auf häufiger auftretende Trockenphasen: „Wir können Niedrigwasser nicht einfach wegplanen oder wegbaggern.“ Nötig seien Landschaften, die Wasser länger zurückhalten, und eine Nutzung, die mit geringeren und unregelmäßigeren Wassermengen auskommt.
Kurz zusammengefasst:
- Deutschlands Flüsse leiden häufiger unter Niedrigwasser, weil längere Trockenperioden und veränderte Niederschläge auf stark begradigte und ausgebaute Gewässer treffen.
- Tiefere Fahrrinnen lösen den Wassermangel nicht dauerhaft und können die Entwässerung angrenzender Landschaften zusätzlich verstärken.
- Mehr Auen, Feuchtgebiete und natürliche Flussläufe halten Wasser länger in der Landschaft; zugleich sollte sich die Binnenschifffahrt stärker an niedrige Wasserstände anpassen.
Übrigens: Kleine Bäche und Flüsse setzen besonders viel Methan frei, weil Bakterien dort meist weniger als fünf Prozent des gelösten Gases abbauen. Verbaute Ufer können diesen natürlichen Filter zusätzlich schwächen. Mehr dazu in unserem Artikel.
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