Ist Deutschland wirklich so gespalten? Neue Studie zeichnet überraschendes Bild
Neue Daten zeigen: Die gesellschaftliche Spaltung nimmt im Alltag ab – doch Vertrauen in Institutionen, Regierung und Gerechtigkeit bleiben schwach.
Die Menschen in Deutschland leben recht gut miteinander – trotz politischer Spannungen. Der Religionsmonitor 2026 zeigt, dass sich soziale Beziehungen hierzulande wieder erholt haben, während Vertrauen in die Bundesregierung und Gerechtigkeitsempfinden schwach bleiben. © Pexels
Die Wahlsiege der rechtspopulistischen AfD in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern, der Überraschungserfolg der Linken in Berlin mit 25,7 Prozent: Die jüngsten Landtags- und Abgeordnetenhauswahlen zeichnen ein politisch stark polarisiertes Bild von Deutschland. Auf den ersten Blick passt das zur gefühlten gesellschaftlichen Spaltung. Doch Wahlergebnisse allein sagen offenbar wenig darüber aus, wie Menschen ihren Alltag wahrnehmen oder miteinander umgehen. Der aktuelle Religionsmonitor der Bertelsmann Stiftung kommt zu einem überraschenden Ergebnis: Soziale Beziehungen und gesellschaftliches Engagement haben sich zuletzt wieder erholt – während das Vertrauen in die Bundesregierung und das Gefühl wirtschaftlicher Gerechtigkeit schwach bleiben.
Der Religionsmonitor, der Ende September 2026 erschien, beziffert den Gesamtindex des gesellschaftlichen Zusammenhalts auf 51 von 100 Punkten. 2023 waren es 46 Punkte, 2020 noch 55. „Unsere Daten zeigen, dass sich der gesellschaftliche Zusammenhalt in den vergangenen Jahren verbessert hat“, kommentiert Andreas Pinkwart, Vorstandsmitglied der Bertelsmann Stiftung. Das Niveau von 2020 ist nicht wieder erreicht, der deutliche Einbruch von 2023 setzte sich aber auch nicht fort. Grundlage sind Angaben von 5.231 Erwachsenen in Deutschland.
Der Gesamtindex setzt sich aus neun Indikatoren zusammen. Sie gehören zu drei Bereichen: soziale Beziehungen, Verbundenheit mit dem Gemeinwesen und Gemeinwohlorientierung. Die Marke von 50 Punkten ist lediglich die rechnerische Mitte der Skala, sie bildet keine feste Grenze zwischen starkem und schwachem Zusammenhalt.
Politisches Interesse auf dem höchsten Stand
Auch beim Engagement gibt es Bewegung. Die Gemeinwohlorientierung erreicht 53 Punkte und liegt damit etwas höher als 2017 und 2020. Mehr Befragte gaben an, sich freiwillig für andere einzusetzen. Das politische Interesse kommt auf 65 Punkte und damit auf den höchsten Wert des gesamten Vergleichszeitraums. Einen allgemeinen Rückzug aus Gesellschaft und Politik lassen die Daten also nicht erkennen.
Ob daraus bereits eine dauerhafte Erholung wird, lässt sich noch nicht sagen. Auf Nachfrage von SMART UP NEWS sagt Yasemin El-Menouar, Expertin der Bertelsmann Stiftung für Religion und Zusammenhalt: „Dass sich der Abwärtstrend nicht fortgesetzt hat, ist eine gute Nachricht. Von einer dauerhaften Trendwende können wir nach einer einzelnen Erhebung aber noch nicht sprechen.“ Die Befunde seien zunächst eine Momentaufnahme. Auffällig bleibt vor allem die schwache Verbundenheit mit dem Gemeinwesen.
Wo gesellschaftliche Spaltung politisch spürbar wird
Deutlich schwächer fällt die Bindung der Befragten an das Gemeinwesen aus. Dieser Teilindex verharrt bei 44 Punkten. Das Vertrauen in die Bundesregierung liegt wie 2023 bei 37 Punkten. Beim Gerechtigkeitsempfinden werden nur 25 Punkte erreicht, der niedrigste Wert seit 2017. Hinter dieser Zahl steckt eine konkrete Frage: Die Befragten sollten bewerten, ob wirtschaftliche Gewinne in Deutschland im Großen und Ganzen gerecht verteilt werden. Der Wert erfasst daher nicht sämtliche Vorstellungen von sozialer Gerechtigkeit.
Auch das gemessene Institutionenvertrauen ist enger gefasst, als der Begriff vermuten lässt. Im Kurzindex steht dafür die Frage nach dem Vertrauen in die Bundesregierung. Gerichte, Polizei oder andere Institutionen fließen nicht ein.
Für die gegensätzliche Entwicklung von zwischenmenschlichem und politischem Vertrauen gibt es mehrere mögliche Erklärungen. So verweist El-Menouar gegenüber SMART UP NEWS darauf, dass persönliche Begegnungen nach dem Ende der pandemiebedingten Kontaktbeschränkungen wieder uneingeschränkt möglich waren. Das dürfte soziale Netzwerke und gegenseitiges Vertrauen gestärkt haben. Krisen könnten außerdem Hilfsbereitschaft und Engagement fördern.
Anders sieht es beim Verhältnis zur Politik aus: Viele Menschen hätten den Eindruck, mit ihren Anliegen nicht ausreichend gehört zu werden. Preissteigerungen wirkten weiter nach, während Reformen Sorgen vor neuen Belastungen auslösten. Dadurch könne das Gefühl entstehen, Lasten würden nicht fair verteilt.
Religiöse empfinden stärkeren gesellschaftlichem Zusammenhalt
Erstmals betrachtet der Religionsmonitor auch den Zusammenhang zwischen Religiosität und gesellschaftlichem Zusammenhalt. Wenig oder gar nicht religiöse Befragte erreichen im Durchschnitt 49 Punkte, mittelreligiöse 53 und hochreligiöse 52 Punkte. Die Expertin für Religion und Zusammenhalt ordnet dies so ein: „Religion kann soziale Beziehungen festigen, Hilfsbereitschaft fördern und Menschen zum Engagement motivieren.“ Eine Ursache-Wirkungs-Beziehung lässt sich aus den Daten allerdings nicht ableiten.
Zwischen den Religionsgemeinschaften unterscheiden sich die Muster. Bei katholischen und evangelischen Befragten steigen die Gesamtwerte mit der Religiosität. Unter muslimischen Befragten fallen soziale Beziehungen und Gemeinwohlorientierung bei stärkerer Religiosität ebenfalls höher aus. Bei der Verbundenheit mit dem Gemeinwesen verläuft die Entwicklung dagegen anders: Der Wert sinkt von 46 Punkten bei wenig oder gar nicht religiösen Muslimen auf 28 Punkte bei Hochreligiösen.
El-Menouar warnt davor, dies als mangelndes Engagement zu interpretieren: „Der Befund zeigt kein mangelndes Engagement muslimischer Menschen, sondern eine Bruchstelle zwischen starker sozialer Einbindung und schwacher Verbundenheit mit Politik und gesellschaftlichen Institutionen.“ Als mögliche Gründe nennt sie im Gespräch mit SMART UP NEWS Diskriminierung, mangelnde gesellschaftliche Anerkennung und häufig negativ geführte Debatten über den Islam. Auch eine starke Orientierung an der eigenen Gemeinde könnte Kontakte zu anderen gesellschaftlichen Gruppen und Institutionen erschweren. Plausibel sei ein Zusammenspiel aus äußerer Ausgrenzung und stärkerer Binnenorientierung.
Transparenz und politische Beteiligung für mehr Vertrauen
Die Erhebung fand im März 2026 statt. Das infas Institut für angewandte Sozialwissenschaft befragte im Auftrag der Bertelsmann Stiftung die Teilnehmenden online. Anschließend wurden die Teilstichproben zusammengeführt und gewichtet. Für den Vergleich mit Werten aus früheren Befragungen wurden die älteren Daten mit demselben Kurzindex neu ausgerechnet. Für den Zeitvergleich mit 2017, 2020 und 2023 haben die Autoren dieselben neun Indikatoren, dieselbe Berechnung und dieselbe Altersgrenze ab 18 Jahren verwendet. So entstanden vergleichbare Ergebnisse für den aktuellen Religionsmonitor.
Aus den Ergebnissen des Monitors leitet die Bertelsmann Stiftung mehrere Empfehlungen ab. Für ein besseres Vertrauen in die Bundesregierung und die Institutionen empfiehlt der Religionsmonitor nachvollziehbarere politische Entscheidungen, eine frühere Beteiligung der Bevölkerung sowie Bürgerräte und Bürgerdialoge. Außerdem plädieren die Autoren für dauerhaft gesicherte Begegnungsorte wie Bibliotheken, Schulen, Jugendzentren, Sportvereine und religiöse Gemeinden. Dort sollen Menschen verschiedener Herkunft, Religionen und sozialer Milieus leichter miteinander in Kontakt kommen.
Kurz zusammengefasst:
- Der gesellschaftliche Zusammenhalt in Deutschland hat sich seit 2023 wieder etwas erholt: Vor allem soziale Beziehungen und gesellschaftliches Engagement legten zu, das frühere Niveau ist aber noch nicht vollständig erreicht.
- Schwach bleiben die Bindung an Staat und gesellschaftliche Ordnung: Das Vertrauen der Menschen in die Bundesregierung liegt weiterhin niedrig, beim Empfinden einer gerechten Verteilung wirtschaftlicher Gewinne fällt der Wert sogar auf den niedrigsten Stand innerhalb des Vergleichszeitraums.
- Religiosität geht im Durchschnitt mit höheren Zusammenhaltswerten einher, doch daraus lässt sich keine Ursache-Wirkungs-Beziehung ableiten. Die Muster unterscheiden sich deutlich zwischen den Religionsgemeinschaften.
Übrigens: Ob die gesellschaftliche Spaltung in Krisenzeiten wächst oder eine Gesellschaft sogar gestärkt daraus hervorgeht, hängt laut historischen Analysen stark davon ab, wie Staaten auf Ungleichheit, Machtkonzentration und sozialen Druck reagieren. Manche Gesellschaften zerbrechen daran, andere stabilisieren sich mit rechtzeitigen Reformen – mehr dazu in unserem Artikel.
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